Döner – Kalle (25)
Man stelle sich einmal Folgendes vor: eine kleine Nebenstraße in einer großen Stadt. Es ist eine sehr große Stadt, so groß, dass man sagen könnte, man sei in einer Großstadt.
Die Nebenstraße allerdings ist in der Tat sehr klein. Aber auch von solchen gibt es eine Menge in einer großen Stadt.
Vermutlich sind es auch die kleinen Nebenstraßen, die eine Stadt groß machen.
In dieser Nebenstraße gibt es viele Wohnhäuser, einen Bäcker, mehrere Kioske, eine Pizzaria, eine Schule, an der seit
Monaten gebaut wird, einen Kindergarten und eine Dönerbude.
Man bekommt hier nicht die besten Döner der Welt. Aber die besondersten.
Döner-Kalles Döner.
Man stelle sich ferner vor, es sei Sommer. Alle freuen sich, sind glücklich und froh und genießen das tolle Wetter,
sind draußen, flanieren vor sich hin und machen das, was man im Sommer so macht. Kinder toben, Jogger laufen sich fit,
und so weiter.
Die Dönerbude ist voll, der Laden brummt. Wohl auch, weil der Spieß brutzelt und die Leute alle zufrieden vor sich hin-
kauen.
Dieser Sommer ist anders.
In diesem Sommer regnet es alle zehn Minuten. Es gießt, als hätte es nie Regen gegeben, und die grauen Wolken tun ihr
Übriges, dafür zu sorgen, dass die Menschen zu Hause bleiben oder irgendwelchen Indoor-Aktivitäten nachgehen.
Ein einsamer und missmutiger Dönerverkaufer steht am Fenster und starrt in die Feuchte, ganz so, als wolle er mit der
Macht seines Blicks den Sommer herbeizwingen.
Auftritt Ich-Erzähler:
„Hey Kalle, heute habe ich mal wieder so richtig schön Zeit für dich und nen netten Döner von dir. Wie schauts?“
„Hmpf.“ – wäre die Bude groß genug, würde jetzt ein Tumbleweed durch sie durchtumblen. Isse aber net.
„Kiek dir den Scheiß hier doch mal an. Dit Wetter is völlich durchjeknallt. Dit soll een Sommer sein? Dit is ja schlimmer als
im Herbst, da war et wenigstens trocken. Keen enzijer Kunde bis jetze.“
„Aber ich bin doch da, und will mir mal wieder nen Döner holen.“ versuche ich ihn wenigstens ein bisschen aufzumuntern,
doch es scheint nicht viel zu bewirken. Kalle grummelt vor sich hin und hat nicht einmal Lust, mir eine Zwiebel in den Döner
zu stecken, um mich zu ärgern.
Ich weiß nicht so recht, was ich machen soll, ausser den Döner zu essen. Gemeinsam mit Kalle schaue ich nach draußen in
die graue Nässe und beobachte die paar Menschen, die unterwegs sind.
Plötzlich geht ein Lächeln über Kalles Gesicht, scheu zunächst, doch dann immer größer und breiter.
„Aber weeßte, wat rischtisch toll is?“ fragt er mich und ich weiß nicht recht, worauf er hinaus will.
„Äh, nee…?“
„Wenn dit so reget, dann hab ick viel Zeit, um Harry Potter zu lesen. Meene Frau mag dit ja nich, aber ick kann dann ja hier uff Arbeit lesen…“
Ich bin, gelinde gesagt, überrascht. Kalle und Harry? klingt für mich eher nach einer Polizistenserie als nach einem
ernsthaften Lesevorhaben.
Aber ich bin ja offen, und so lasse ich mich von Kalle in die Geheimnisse von Harry Potter einweihen, während es draußen munter regnet. Lange nicht mehr einen solch gemütlichen Abend gehabt…

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