Es könnte so einfach sein: Es gibt doch einen Haufen Menschen, die sich für Musik interessieren. Einige haben sogar Ahnung davon, andere zumindest eine Meinung…

Als ich heute notwendigerweise dazu gezwungen war, die - auf CD aufgezeichnete - Lieblingsradiosendung meiner Mitfahrgelegenheit mit anzuhören, dachte ich ein wenig darüber nach, wie es wäre, wenn es eine Radiosendung gäbe, eine Station gar, die sich ganz dem verschriebe, wozu das Radio mal erfunden wurde: dem geneigten Hörer gute Musik und Unterhaltung zu liefern, und - da ich noch umnachtet von den gestrigen Feierlichkeiten bin, denke ich einen gar unerhörten Gedanken: Hintergrundinfos.

Früher, da gabs das mal. Da wurde sonntags ein Programm zu einem bestimmten Thema gesendet, sagen wir mal: Die Beatles - und der Moderator und dessen Team sind tatsächlich ihrer journalistischen Aufgabe folgend tief in die Materie eingestiegen und haben Qualitätsinfos geliefert: wie funktioniert dieser und jener Song, warum wurde er geschrieben und was ist vielleicht damit gemeint und vor allem wie passt der Song in den Kontext seiner Zeit?
Selbst ndr2 hat lange Zeit den “Popkocher” gesendet, eine fünfminütige Sendung, die sich mit dem technischen Aufbau verschiedener Popsongs beschäftigt hat. Wie groß war meine Freude, als ich letztens zufällig - via  Mitfahrgelegenheit - im wahrsten Sinne des Wortes erfahren habe, dass auch Radio Eins eine ähnliche Sendung bietet - besagter Moment war umso schöner, weil ein Musikprofessor gerade “Cornflake Girl” von Tori Amos auseinandergenommen hat, ein Lied, das ich gerne mag.

ZAPP

Eine kurze Wanderung durch die aktuelle Radiolandschaft:

Kanal 1: “… gleich nach der Werbung: Das Beste von Früher, Später, Gestern, Morgen und überhaupt. Nach Robbie Williams kommt ABBA, dann Madonna.” - zapp

Kanal 2: “Like a virgin…. like a viiirrrrgiiiiiin” - zapp

Kanal 3: “… wir sind die Nr. 1 im Norden bei den 15-18-Jährigen, die ausschließlich bei Vollmond Radio hören, und dafür bedanken wir uns mit Alicia Keys, gefolgt von Robbie Williams und ABBA. Aber erst noch ein Evergreen von Madonna!” - zapp

Kanal 4: “…spielen wir nur für DICH” - zapp (ich mag es nicht, wenn ich von meinem Radio geduzt werde)

Kanal 1: “…like a viiiirrrrgiiiin!” - zapp

Kanal 3: “…like a” - zapp

Kanal 5: “…und dann noch Tante Gerda, die hört den Andrè Rieu doch auch so gerne und - darf ich noch jemand grüßen?” - zapp

Kanal 1, wieder: “… und wenn ihr heute morgen die unglaublich lustige Show von unserem Morgenmän (sic!) verpasst habt, dann wiederholen wir sie gleich nach der Werbung für euch. Und denkt dran: nur hier gibts das Beste von Früher, Heute, Morgen, Gestern, überhaupt IMMER, denn wir sind die Nummer Eins unter den 40-42-Jährigen, die Steuerklasse 3 sind, gerne mal in die After-Work-Lounge gehen und morgens um halb Sechs auch schon so unerträglich gut gelaunt sind, wie unsere Moderatoren, allen voran natürlich unser Morgenmän Steffen, der sich für DICH auf einen Misthaufen begeben hat, um davon zu berichten, wie ein Hahn kräht. Was er dabei so alles erlebt hat, wird er DIR in den folgenden zehn Stunden Programm erzählen - und denke dran: nur hier kriegst DU das Beste von Früher, Heute, Morgen, Gestern und überhaupt immer, deswegen nach der Werbung, nur für DICH: Morgenmän Steffen und dann: Madonna, Robbie Williams und Alicia Keys.” - ZAPP

würg!

Presenting: Radio No Bullshit

Sinnfreies Beschweren ist meine Sache nicht, ich gestalte lieber. Also habe ich mir überlegt, wie super es wäre, einen Radiosender zu machen, der ein wenig anders ist, als all die anderen. Zum Beispiel:

- keine Werbung. Es muss doch möglich sein, auf Werbung zu verzichten, oder nicht? Das Kapital setzt sich dann zusammen aus Gebühren und, äh, Bestechungsgeldern für gute CD-Besprechungen
- keine Eigenwerbung. Dafür gibt es Internetseiten und Promo-Cds. Meine Hörer sollen den Sender an der Musik, nicht am alle 30 Sekunden eingespielten Jingle erkennen.
- erkennbare Programmstruktur. Menschen haben unterschiedliche Musikgeschmäcker. Warum nicht daraus einen Vorteil machen, und ein Programm stricken, dass gleichzeitig abwechslungsreich und in sich stringent ist? Wenn die Zuhörer wissen, dass Mittwochsabends zwischen 20 und 24 Uhr nur, sagen wir, französische Popsongs aus den Siebzigern laufen, dann können sie sich drauf einstellen.
Und sich auf Michaels Metalstunde am Sonntagmittag freuen. Nur spasseshalber könnte man ein paar Stunden lang Programm zum Thema “Das Beste von Früher, Heute, Morgen und überhaupt” machen…
- Hintergrundinfos. Herrje, darum sind sie doch alle Journalisten. Geschichten über Musik(er) gibts auch heute noch viele zu erzählen, und warum sollte man nicht mal eine Sendereihe bieten, in der erklärt wird, wie z.B. die Beats von Timbaland funktionieren? Oder die Entstehungsgeschichte des Grunge aufrollen (schön, dann könnte man endlich mal andere Bands als Nirvana bringen) ?
- kein unerträglich gut gelaunter morgenmän. oder morgenwomän, um der genderdiskussion willen. Wär das nicht schön, wenn der Radiomoderator morgens genauso muffelig wäre, wie ich? Und millionen anderer Menschen?
- kein Duzen. Überhaupt spricht das Radio mich kaum persönlich an, sondern macht einfach - Musik.

Das Ganze hieße Radio No Bullshit, und die ModeratorInnen wären interessierte Musikliebhaber, die sich nicht damit abfinden können, dass es im Ozean der heutigen Radiosender nur ab und zu winzige Inselchen guten Programms gibt. Man stünde idealistisch hinter dem Ganzen, aber niemals dogmatisch. Die Promo-Cds wären begehrte Sammlerstücke, und im Gästebuch stünden Kommentare wie: “Danke, ihr habt meinen Musikhorizont erweitert. Ich hätte nie gedacht, dass XY auch sowas gemacht hat.”
Radio No Bullshit würde den ein oder anderen Preis bekommen, und der würde seine Macher dazu anspornen, noch härter am besten Programm der Welt zu arbeiten.

Beep.

Beep.

Oh, sorry. Mein Wecker klingelt. Ist ein Radiowecker, und der unerträglich gut gelaunte Morgenmän erzählt gerade, dass auf der Autobahn alle ganz langsam gefahren seien - wegen des Schnees - und dass er deswegen beinah zu spät im Studio war. Es folgen: Ein Jingle und “Like a virgin… like a viiiiiirrrgiiiiin”.

Bullshit, denke ich und erinnere mich vage an einen Traum. Kam Madonna drin vor?