Schrödingers Katze – II

2008 Juli 6

“Wenn sich eine Katze in einem geschlossenem Behälter befindet, so kann sie entweder tot sein oder noch leben. Man erfährt es erst, wenn man nachsieht – das Öffnen des Behälters entscheidet über den Zustand der Katze. Es gibt jedoch eine weitere Zustandsform, die von Schrödinger übersehen wurde: lebendig, tot oder verdammt wütend.” – frei nach Terry Pratchett

Schrödingers Katze befand sich am Ende ihres letzten Abenteuers an einer Öffnung ihres Kastens, aus der Licht kam. Weil sie neugierig war, was sich dahinter wohl verbergen mochte, ging sie durch die Öffnung.

Hier gehts weiter:

Schrödingers Katze konnte noch nicht viel erkennen, weil sich ihre Augen erst an das intensive Licht gewöhnen mussten. Ihr Geruchssinn allerdings teilte ihr mit, dass sich im Raum viele technische Geräte und Apparaturen befinden mussten, von denen einige ihr bekannt vorkamen, andere nicht. Der heiße, metallisch-staubige Geruch ließ darauf schließen, dass hier ebenfalls eine Art Wissenschaft betrieben wurde.

Instinktiv freute die Katze sich und fasste eine Art vorsichtiges Vertrauen. Es gab also noch mehr Forscher-Menschen; vielleicht waren dies sogar Freunde ihres Wissenschaftlers.

Eines allerdings verwirrte die Katze: Die Luft roch nicht wirklich real – jedenfalls nicht auf die unmißverständliche Weise real, wie sie es von Zuhause gewohnt war.

Abermals kam der Katze ihr fehlendes Konzept vom Verlauf der Zeit in die Quere; was sie störte – aber nicht wissen konnte, denn Zukunft und Vergangenheit gab es für sie nur in dem unmittelbar begrenzten Maße, dass sie wusste, sie hatte etwas zu fressen gehabt und sich aufgrund des Hungergefühls wünschte, es würde bald Neues zu fressen geben – was die Katze also als störende Irrealität empfand, war die simple Tatsache, dass diese Luft älter war, als im Labor ihres Wissenschaftlers – sie befand sich also in irgendeiner Zukunft.

Die Katze hatte unterdessen beschlossen, sich von dem Problem der sonderbar riechenden Luft für eine Weile abzuwenden und stattdessen das zu tun, was sie nach dem Fressen und dem Schlafen und dem Gestreicheltwerden am Liebsten tat: Herumstreifen und die Gegend erkunden.

Wenn dies hier Wissenschaftler waren, dann mussten sie beeindruckende Forschungen betreiben.
Dieses Labor war um ein Vielfaches größer als alles, was die Katze bis dahin gesehen hatte.
Geheimnisvolle und anscheinend sehr viel mächtigere Apparaturen reihten sich in langen Gängen aneinander, geschäftiges Summen und Brummen und die Unterhaltungen der Wisschenschaftler vermischten sich zu einem Gemenge, das die Katze kurz an einen Bienenstock erinnerte, den sie untersucht hatte.

An die Stiche, mit denen sie ihre Neugier bezahlt hatte, erinnerte sie sich allerdings nur ungern.

Neugierig streunerte die Katze umher, strich hier um ein Tischbein, steckte dort ihre Pfote in eine Öffnung, rieb ihre Schnurrhaare und die Seite ihres Mäulchens an ein Sofa, das erstaunlicherweise in einer Ecke stand.
Immer alles hübsch markieren; hier roch es zwar nicht nach Katzen, aber sollte doch eine vorbeikommen, dann sollte sie gleich wissen, wem dieses Revier gehörte.

Die Katze betrachtete die Wissenschaftler eingehend und studierte ihre Bewegungsmuster, aus dem sicheren Hinterhalt eines Schrankes heraus. Anders als ihr Wissenschaftler in seinem kleinen Labor, schienen diese hier sehr unruhig zu sein und nur selten innezuhalten, um nachzudenken.
Zudem schien es mehrere Gruppen mit klaren Aufgaben zu geben.
Da waren Menschen in Schwarz – korrekterweise muss man hier sagen, dass die Katze nicht konkret an Schwarz gedacht hat, sondern instinktiv die Fellfarbe der Wissenschaftler mit der des Nachbarkaters verglich – mit dem Unterschied, dass der Nachbarkater nur in höchst seltenen Fällen Kabel durch die Gegend trug, wie diese Wissenschaftler es gerade taten.
Andere Forscher mit uneinheitlichem Fell – keiner trug ein solch schönes weißes und wehendes Fell wie ihr Herr Dr. Schrödinger – saßen vor sonderbaren Kästen, in deren Innerem sich Dinge bewegten.

Als Katze der Wissenschaft war ihr das Oszilloskop nicht fremd; gerne saß sie vor diesem geheimnisvollen, grün leuchtenden Punkt, den sie schon mehrmals zu fangen versucht hatte.
Was ihr aber logischerweise niemals gelungen war, weswegen sie irgendwann beschlossen hatte, dieses blödsinnige Spiel sein zu lassen und sich lieber um Nahrung zu kümmern. Sie hätte es niemals zugegeben, und ihre wahren Beweggründe waren auch ihr selber verborgen geblieben, aber sie hatte an dem Abend das Eichhörnchen auch aus dem Baum geholt, um den verletzten Stolz der Jägerin wiederherzustellen.

Die Geräte, die hier herumstanden, waren allerdings ungleich komplizierter als das Oszilloskop, das sie kannte. In einem Gerät schlängelten sie mehrere Linien übereinander, ein anderes generierte Streifen, die eigentlich hätten bunt sein sollen; da die Katze aber natürlich nur schwarzweiss sehen konnte, war sie nur in der Lage, unterschiedliche Helligkeitswerte festzustellen. Und diesen grässlichen Ton, der anscheinend auch aus diesem Gerät kam und ihr unangenehm ins Gehör schnitt.

Nicht wenige dieser Guckkästen beinhalteten die Miniaturversion von einigen Männern, die etwas zu jagen schienen. Das interessierte die Katze dann schon, aber da sie wusste, wie unwirsch Forscher reagieren konnten, wenn man sie unterbrach – und diese schauten sehr gebannt in die Kästen – beschäftigte sie sich lieber mit den Kabeln, die unter dem Tisch hervorkamen und in der Wand verschwanden.
Eins hing recht locker herunter, und so begann sie, mehr aus Verlegenheit als aus wirklichem spielerischen Interesse heraus, mit dem Kabel zu spielen.

Schrödingers Katze hatte kein Interesse an Fußball im konkreten Sinne. Einmal abgesehen davon, dass ihr Forscher nie Fußball geschaut hatte, wären die Regeln dieses Spiels auch nicht wirklich etwas für Katzen gewesen.
In dem abstrakten Sinne, hinter etwas herzujagen, wäre es vielleicht doch ihr Spiel gewesen; aber selbst dann fände sie es langweilig, weil die Menschen mit ihren langsamen, klobigen und unkontrollierten Bewegungen im Dribbelspiel mit einer Katze niemals eine wirkliche Chance gehabt hätten.

Aufgrund des Nicht-Interesses am Fußball konnte Schrödingers Katze die sich entwickelnde Aufregung nicht verstehen, die entstanden war, nachdem sie ein Kabel durchgeknabbert und einen mittelschweren Kurzschluss ausgelöst hatte:

“Verdammte Scheiße, was ist denn das?!?” schrie einer der Wissenschaftler, der vorher in regelmäßigen Abständen auf die unterschiedlichen Guckkästen gezeigt und einen kleinen Hebel betätigt hatte. “Wo zum Teufel ist unser Signal? Was ist passiert?” – jetzt ging alles sehr schnell. Alle Wissenschaftler waren in heller Aufregung, insbesondere diejenigen, die in Schwarz gekleidet waren. “Ich weiß es nicht.” “Findet es besser schnell heraus, wir haben eine halbe Milliarde Zuschauer weltweit, jede Sekunde kostet uns Millionen!” – “Das Signal hatte volle Stärke.” – “Die Verstärker sind in Ordnung.” – “Was ist mit dem Pult?” “Haben die Schweizer ihr Signal auch verloren?” – und so weiter.

Die Guckkästen waren alle schwarz geworden, ebenso wie die der etwa 400 Millionen Haushalte, Kneipen und Public Viewing-Plätze, die alle das Halbfinale der Fußball-Em übertrugen…

Aber das hatte die Katze ja nicht wissen können, nicht wahr?

Plötzlich entdeckte jemand die Katze: “Was ist denn das? Hat die Katze den Bildausfall verursacht? Mistvieh!” – der Jemand versuchte, sich Schrödingers Katze zu greifen, doch die hatte sich schnell von dem Stromschlag erholt und war blitzschnell aus der Ecke verschwunden.

Es war gar nicht einfach, durch die sich nun in heller Aufregung befindenen Wissenschaftler zu flüchten. Glücklicherweise schienen sie es nicht wirklich auf die Katze abgesehen zu haben, sondern waren eifrig mit ihren Kabeln und Guckkästen beschäftigt.

Der eine aber, der sie entdeckt hatte, und ein Kollege von ihm, hatten es allerdings direkt auf die Katze abgesehen; anhand ihrer Bewegungen und ihrer Blicke erkannte die Katze, dass es wohl angebracht war, ihnen aus dem Weg zu gehen.
Der einzige wirklich sichere Ort, den sie kannte, war der Kasten, der sich am Ende des Flures befand.
Gerade, als der Techniker, der sie entdeckt hatte, sie greifen wollte, machte sie einen Satz…

Abermals seit ihr eingeladen, Kommentare darüber abzugeben, was der Katze wohl noch alles wiederfährt, bevor sie wieder nach Hause kommt.

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