Sünndagsschnack (11)

Moin moin,

Die ersten fünf Minuten eines Buches lesen
Neulich hat mir ein Kollege ein Buch in die Hand gedrückt, mit den Worten, er habe „nur die ersten fünf Minuten“ gelesen. Was für eine super Formulierung; einerseits ist genauso klar, dass er sich nur kurz mit dem Anfang beschäftigt hat, als hätte er gesagt: „nur die ersten fünf Seiten“, andererseits gibt sie dem Lesen eines Buches eine gewisse Lebendigkeit; aus dem schnöden Seitenumblättern wird etwas Dynamisches. Man verbringt Zeit mit einem Buch, manchmal mehr, manchmal weniger, und im Gegensatz zum Film ist dies keine linear verbrachte Zeit, sondern sie verteilt sich meistens auf mehrere Abende, vielleicht eine durchwachte Nacht, einen verregneten Sonntag, einen Nachmittag am Strand. Außerdem mag ich es, wenn man Formulierungen so zweckentfremdet, dass sie trotzdem präzise zutreffen.

* * *

Hagel in der Petersilie
Am Samstag hat das Aprilwetter alles gehalten, was es verspricht: es begann frühmorgens mit – Schnee. Richtig große, schöne Flocken, die sanft und lautlos zur Erde fielen, und ich drehte mich mit dem Gedanken: „wäre schön, wenn sie liegen bleiben“ wieder um. Ich erwachte ein Stündchen später zu strahlendem Sonnenschein. „Keine Schneedecke, aber auch nicht schlecht“, dachte ich, „würde ich für nen Samstag nehmen.“. Zwei Tee, einem leichten Frühstück und eine ausführliche Internet-Session später brach ich bei Bewölkung zum Supermarkt auf. Um am glänzenden Boden und dem frischen, erdigen Geruch von Regen zu erkennen, dass es einen Platzregen gegeben haben musste. Der Nachhauseweg wurde begleitet von Hagelkörnern, die nicht richtig wussten, ob sie nun Hagel, Nieselregen, Schnee oder Schneeregen sein sollten, nur um kurze Zeit später dann in echten Hagel überzugehen, der mir die
frisch gesäte Petersilie hätte verhageln können, wenn nicht… (nun ja, siehe letzte Woche).

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Schnee im Lavendel
Im Unterschied zu letzter Woche habe ich aber nun in der Tat einen ersten Schritt in der Bepflanzung meiner Balkone gemacht: Der örtliche Blumenladen hat kleine Zinkeimer mit Haken dran, perfekt, um sie an die Brüstung zu hängen. Und – oh Zufall – kleine Töpfe mit Lavendel, die genau dort hinein passen. Nun passt Lavendel perfekt in mein Blumen-Dating-Profil: Sieht gut aus, riecht gut, redet nicht zu viel, kommt alleine klar und ist winterhart. Und vor allem: in diesem Portionierungsformat konnte ich ihn perfekt nach Hause transportieren. Zudem kann ich die Palette, in der die Töpfe standen – vom Aussehen her wie eins dieser Muffinbleche für den Backofen – super als Anzuchtschale für die Petersilie und andere Pflanzen nehmen.

Jümmer schön suutje blieven.

souterrain

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Sünndagsschnack (10)

Moin moin,

Immer im Rhythmus
Fast alle Dinge, die ich tue, geschehen in einem bestimmten Rhythmus – ob nun bewusst oder nicht. Ich höre beim Schreiben fast immer Musik, und es ist mittlerweile ein Ritual, nicht nur im Rhythmus des jeweiligen Songs zu tippen, sondern auch immer mal wieder ein kleines Schlagzeug-Fill mitzutrommeln, einen bestimmten Akzent zu setzen, indem ich genau passend die Leertaste oder die Entertaste drücke oder die Maus klicke, usw.
Mir fällt auch immer wieder auf, dass ich Alltagstätigkeiten an der Musik ausrichte – z.B. heute morgen, als ich den Wasserkocher natürlich genau dann mit einem PLING eingeschaltet habe, als das Schlagzeug im Song auch PLING machte. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich als Lichttechniker oft sehr direkt und schnell auf die Bands reagieren muss, und dann ein gewisses Rhythmusgefühl sehr hilfreich ist – ich kann dann z.B. das Highlight eines mir unbekannten Songs unterstützen, weil ich fühle, wann es kommt.
Manchmal tippe ich allerdings auch Unsinn, weil es mir wichtiger ist, im Rhythmus zu bleiben, als korrekt zu tippen… und aus dem gleichen Grund kann ich nicht joggen und Musik hören – bzw. ich müsste mir eine Playlist mit genau meinem Tempo zusammenstellen. Rad fahren und Musik hören wiederum geht ganz wunderbar, vor allem, wenn das Vorankommen beschwerlich ist. Der Flow in dem ich mich beim Radfahren gerne befinde, kommt dann eben durch die Musik von Außen, was manchmal echt hilft.
Übrigens: während des Tippens dieses Textes und beim Überlegen, wie ich formuliere, habe ich natürlich auch „Schlagzeug“ gespielt. Das hat das Schreiben nur unwesentlich verlängert – dafür aber verschönert.

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Stille
Am Dienstag habe ich das Verdi-Requiem gesehen, mit Teodor Currentzis als Dirigent. Ein sehr schönes, stellenweise trauriges und dramatisches Stück Musik und für mich das bisher eindrucksvollste Konzert in der Elbphilharmonie – und das hat sehr viel damit zu tun, wie Currentzis inszeniert und dirigiert. Man nimmt ihm ab, dass er die Musik sehr intensiv lebt und fühlt, und seine extrovertierte Gestik sieht im Video zwar reichlich affektiert aus, ist live aber genau richtig – selten war ich von der ersten bis zur letzten Note so sehr bei/in der Musik, wie hier.
Am Dies Irae kann man die Intensität gut erkennen, besonders im direkten Vergleich zum technisch nicht minder hervorragenden Barenboim. Was aber der Barenboim-Aufnahme fehlt, ist das letzte Bisschen Wahnsinn, was man bei Currentzis spürt – immerhin heißt das Stück übersetzt „Tag der Rache“, da wird wohl schon auch ein bisschen Wahnsinn im Spiel sein.
Man achte alleine auf die Bewegungen der Musiker – die bei Currentzis übrigens im Stehen spielen, was der Musik gut tut, wie ich finde.

Am eindrucksvollsten fand ich allerdings das Ende. Mit der Schlussnote ist das gesamte Orchester samt Dirigent und Chor in der Bewegung „eingefroren“ – und das hat sich auf das Publikum übertragen, das ruhiger und ruhiger wurde, und für einen kurzen Moment – vielleicht eine Minute – war es im Saal absolut still. Wirklich. Kein Gehuste, kein Geraschel, kein Getuschel, keine Bewegungen; nicht einmal Rauschen. Kollektiv. 2300 mal Stille.
Es war wunderschön. Und dafür bin ich Currentzis sehr dankbar, denn dieser Moment war wahnsinnig intensiv und besonders.

Ich mag Menschen, die mir Stille schenken.

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Fünfzehn Sorten Blumenerde
Der Frühling kommt langsam, aber sicher. Die Bäume treiben aus und jeden Tag wird die Welt wieder etwas farbenfroher. Wir haben hier echt viele Zierkirschen, ist mir in den letzten Tagen aufgefallen.
Ich würde gerne meine beiden Balkone bepflanzen, bemöbeln und in eine Art „Dschungel-Wohnzimmer“ verwandeln. Nutzpflanzen und Kräuter sollen dabei sein, aber auch Zierpflanzen. Ich bin also heute in den Baumarkt gelaufen, um mir einen Überblick zu verschaffen – und bin schlicht an der Auswahl dort gescheitert. Es gibt alleine fünfzehn Sorten Blumenerde – unterteilt in Sparten wie „Kräutererde“, „Tomatenerde“, „Sand-Erdgemisch für Kakteen“ usw., zum Teil schon mit speziellem Dünger vorgedüngert, zum Teil eben nicht – ich kann verstehen, dass unterschiedliche Blumen unterschiedliche Erdgemische besonders gern mögen, aber ich war einfach nur hoffnungslos überfordert. Kann man mit Erde etwas falsch machen? Zieht eine Blume angeekelt ihre Wurzeln aus ihrem neuen Bett, nur weil die Mischung nicht ganz passt?
Gut, dachte ich mir, man kann ja grundsätzlich erst einmal mit den Blumenkästen anfangen – die fehlen mir ja auch noch.
Es gibt eine unendliche Auswahl an Plastik-Blumenkästen, von Terracotta-Nachbildungen, Holz-Nachbildungen über Beton-Nachbildungen bis hin zu Stein-Nachbildungen. Was es nicht – oder nur sehr spärlich gibt: Blumenkästen aus echtem Terracotta, aus gewachsenem Holz, aus Stein oder meinetwegen aus Metall. Und auch wenn ich die Blumenkästen in Spe hoffentlich lange nutzen werde: Ich will nicht noch mehr Plastik in die Welt bringen, als unbedingt nötig.

Naja, Fotos von Blumen können ja auch schön sein.

Jümmer schön suutje blieven.

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Sünndagsschnack (9)

Moin moin,

Schlummern
Heute morgen bin ich relativ früh aufgewacht – nach alter UND nach neuer Zeit – und habe mir gedacht: „Ach, ich schlummere noch ein bisschen.“ – und hab ebendies getan.
Mit einem leichten Grinsen, denn erstens gibt es wenig Dinge, die so schön sind, sich ohne Zeitdruck noch mal umdrehen zu können, und zweitens, weil es das Wort „schlummern“ originär nicht in meinem Sprachschatz gab. Ich habe es, seit ich 17/18 war, von einer Freundin ausgeliehen – und nicht wieder hergegeben. Einerseits, weil ich das Wort mag. Schlummern, das klingt nicht nach einem richtigen Schlaf, wie dem alltäglichen, ordinären Siebenstundenschlaf, den ich Nacht für Nacht habe. Es klingt auch nicht nach einem Nickerchen oder Mittagsschläfchen. Nein, „Schlummern“ ist etwas anderes. Es klingt unruhiger, abenteuerlicher. Drachen schlummern, stets um ihren Goldschatz bedacht. Schlummern ist eher ein Zustand zwischen Wachsein und Schlafen, der Moment, in dem aus zusammenhängenden Gedanken wirres, zusammenhangloses Zeug wird, das man sich zu Träumen zusammenstrickt. Ich mag diesen Zustand, und ich mag, wenn ich bemerke, dass mir die Gedanken entgleiten und sie ein Eigenleben entwickeln.

Das ist die eine Hälfte des Grinsens.

Die andere Hälfte kommt daher, dass ich jedes Mal, wenn ich mir das Wort „Schlummern“ vergegenwärtige, es in ihrer Stimme passiert, und es ist eine schöne Stimme. Das „Schlu“ sehr vollmundig ausgesprochen, so sehr, dass es fast eine physische Präsenz bekommt. Ihre Stimme ist sehr melodiös, fast ein Sing-Sang, und diese Vollmundigkeit passt zu den manchmal ganz leicht übertriebenen Betonungen. Gleichzeitig spricht sie ein ganz kleines bisschen wie durch zusammengepresste Zähne, was die Betonungen quasi wieder „einfängt“.

Gottseidank habe ich keinen Goldschatz, sonst wäre das Schlummern eine reichlich anstrengende Tätigkeit.

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Nicht mehr am Schlummern: Die Natur
Die Natur wiederum wacht endgültig aus dem Winterschlaf auf. Die Bäume bekommen Blüten, man sieht mehr Tiere, trifft mehr unfitte Radfahrer, das Sonnenlicht bekommt eine andere Qualität. Wenn ich auf meinem Arbeitsweg durch den Wald fahre, riecht es wieder nach moderiger Erde, Holz, Wald. Höchste Zeit, meinen Balkon zu bepflanzen. Dazu brauche ich noch fast alles, angefangen bei Töpfen über Erde bis hin zu Pflanzen. Immerhin: im Supermarkt gabs ein Hopfen-Starterset (Samen mit diesen gepressten Erdpads), und während ich nicht glaube, dass der Hopfen ausreicht für ein Bier, mag ich die Pflanze an sich und ihren herben Geruch.
Insgesamt soll es eine Mischung aus Nutz- und Zierpflanzen werden, und ich bin mal gespannt, wie sich das Ganze entwickelt.

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Jümmer schön suutje blieven.

möwe

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