Pterry

Wir sind uns nie begegnet, haben aber viele vergnügliche Stunden miteinander verbracht.

Wir kannten uns nicht, und doch haben wir viele Gedanken geteilt.

Wir haben gemeinsam gelacht, über die Welt nachgedacht, geweint, waren berührt.

Manchmal braucht es mehrere Begegnungen, um ihren wahren Wert zu erkennen. Als Jugendlicher mit den Büchern Pratchetts konfrontiert, hielt ich seine Geschichten zunächst für lustige Fantasy. Klamauk; gut geschrieben und höchst unterhaltsam zwar, aber eben nur Komik.

Später empfahl mir ein Freund die Geschichten von Rincewind, dem “ersten Touristen der Scheibenwelt”, und diese waren ebenfalls urkomisch (und mit die besten Geschichten der Scheibenwelt) – aber ich erkannte die Vielschichtigkeit und Intelligenz hinter dem Klamauk. Die vielen Wesen und Existenzen der Scheibenwelt – so unterschiedlich sie sein mögen, gut oder böse – verhalten sich vor allem höchst menschlich, im besten Sinne des Wortes. So unterhaltsam und sorgfältig miteinander verwoben die mitunter unüberschaubar vielen Handlungsstränge seiner Geschichten waren – hinter der Komik, hinter dem Scheitern Rincewinds, der unerbittlichen Härte Sam Mumms gegenüber sich selber, den Beziehungsproblemen zwischen Angua und Karotte, hinter den Problemen, die Tod mit seiner pubertären Tochter hat, steckt vor allem ein großer Spiegel.
Man schaut in diesen Spiegel, und während man über Truhe lacht, die einem Ganoven Angst einjagt, lacht man über sich selber, erkennt das Komische in der menschlichen Existenz.

Und das ist vielleicht das Vermächtnis Pratchetts: zu erkennen, dass die Welt nicht immer schön ist, aber man trotzdem schöne Dinge sehen kann. Dass das Leben manchmal besser sein könnte – und mit ein bisschen Humor, aus ironisch-distanzierter Sicht betrachtet – schon unendlich schön, vielfältig und lustig ist. Dass es oft nur einen Perspektivwechsel braucht, um etwas besonderes zu erkennen. Wie oft waren seine Geschichten Zuflucht, wenn mir die Welt zum Hals heraus hing?
Wie oft habe ich an die Frösche gedacht, die in einer Blüte aufwachsen, um zu erkennen, dass die Welt viel, viel größer ist?
Und mich gefragt, was meine Blüte ist und wieviel der größeren Welt man erblicken kann?

Terry Pratchett hat nicht nur eine Welt erschaffen, die in ihrer Flachheit so viel runder ist als unsere, hat uns unzählige Charaktere geschenkt, die uns alle bereichert und an denen wir uns Vorbild genommen haben. Wir sind mit ihnen gewachsen; er hat uns Respekt vor Bibliothekaren gelehrt, er hat uns einen unendlich gütigen und humorvollen Blick auf die Welt geschenkt.

Eine Welt, die seit Pratchett in einem bunten und vielfältigen Multiversum existiert, weil ihm das normale Universum mit seinen Möglichkeiten nicht reichte.

Jeder Mensch muss sterben. Aber bei manchen wünscht man sich wie Angua, es möge – Tag für Tag – erst morgen sein.

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Lieblingstweets im Februar

Kurz, dieser Monat. So kurz, dass ich übersah, dass wir heute schon einen neuen haben… Kurz und knackig: die Lieblingstweets.

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Marceese – Have Love, Will Travel (2015)

Coverversionen sind ja so eine Sache. Im Falle des späten Johnny Cash mit seinen hervorragenden American Recordings schaffte es der Man in Black, den Songs eine ganz eigene Atmosphäre zu geben; ja, ihnen noch etwas hinzuzufügen – man denke nur an “Hurt”, von dem Trent Reznor sagt, Johnny Cash habe sich den Song so sehr zu eigen gemacht, er sei quasi nicht mehr sein eigener.

Heinos Schwarzen Enzian hingegen möchte man lieber nicht blühen sehen, bzw. hören.

marceeseDer Folk-Sänger Marceese, der sich in seinem letzten Album stark dem Americana-Sound verschrieben hatte, versucht sich am Frühwerk von Kiss aus den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts – und wer jetzt ein “I was made for loving you” im Stil von Hellsongs erwartet, wird enttäuscht werden – was daran liegt, dass Kiss ihre großen Hits in den Achtzigern hatten.

Nur hier und da erkennt man ein Riff, wie z.B. “Plaster Caster” – und dessen beschwingter Rhythmus macht dem Sänger und Gitarristen offensichtlich Spaß. Auch das darauf folgende “I Want You” lebt von der treibenden Basslinie und wird von Marceese mit bekannter rauchiger, warmer Stimme vorgetragen. Das Gitarrenspiel ist tadellos – und das war es dann auch, bis auf gelegentliche Einsprengel einer stark verzerrten Gitarre z.B. Musik reduziert aufs äußerste Minimum, aber dass es sich für den Hörer lohnt, liegt am leidenschaftlichen Vortrag Marceeses.

So klingt gerade “Radioactive” danach, als entstamme es einer amerikanischen Folkband aus den 50ern, und nicht von einer Glam-Rockband zwanzig Jahre später. Hier lässt Marceese auch ein kleines Bisschen Elvis in seinen Gesang einfließen.

“Got Love For Sale” – aus dessen Refrain der Albumtitel stammt – geht treibend und dynamisch nach vorne und zeigt vielleicht am deutlichsten, warum diese Verbindung recht fruchtbar ist: das einfache Songwriting und die zurückhaltende, aber zweckdienliche Instrumentierung passen gut zusammen, ergänzt durch die prägnante Stimme des Sängers.

Etwas Hendrix darf bei dem Mann, der das Konterfei seines Helden auf der Gitarre hat, nicht fehlen, und so schreit der Gitarrensound bei “Dirty Livin'” förmlich nach Hendrix.

Ein interessantes und gutes Coveralbum.

Hinweis: Dieses Album wurde mir dankenswerter Weise von timezone Records zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich gab es vom Label keinerlei Bedingungen, außer meine Meinung dazu kundzutun.

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