Döner – Kalle (14)

Little did he know

Er wusste sehr wenig davon, dass seine kleine Dönerbude über alle Grenzen hinaus bekannt werden sollte. Meistens beschäftigte sich Kalle Naffrat mit der Frage, wie er seine Bude ein klein wenig besser gestalten konnte.
Dass seine gestalterischen Ideen meist nicht sehr viel weiter gingen, als mit Wolken bedrucktes Papier an seinen Kühlschrank zu kleben und einen Fernseher aufzuhängen, störte das Publikum recht wenig.

Wer kommt schon aus ästhetischen Gründen in eine Dönerbude?

Kalle mochte seine kleine Bude, war sie doch Ausdruck seines selbstbestimmten und freien Lebens, das ihn aufgrund der freiheitlichen Natur des Gastrogewerbes jeden Tag von Morgens bis Abends her stehen ließ.
So müsste man schon einem großen Zufall erliegen, um beim Betreten der Bude nicht sein schwarz bebartetes Gesicht zu erblicken, die eckigen Konturen leicht abgerundet durch das unfreiwillige Make Up aus Schweiß und Dönerfett. Unter dem Gesicht wölbte sich ein mächtiger Bauch. In der Tat erschien Kalle den Wenigsten als dicklich – und noch weniger würden sich trauen, dieses böse Wort in seiner Gegenwart in den Mund zu nehmen.

Dann wäre ja auch kein Platz mehr für den Döner.

„Haste wat jesacht?“
Ich blicke von meiner Zeitschrift auf, am Döner vorbei, drehe mich leicht zur Seite und schaue Kalle an. „Nicht, dass ich wüsste. Was hast du denn gehört?“
„Ick weeß nicht so jenau, aber et klang wie dieset Zeugs, das ihr Schreiberlinge immer schreibt. Haste jerade mal wieder an wat jedacht, hmm?“
„Ja, habe ich. Und zwar wie wunderbar dieser Döner hier gerade ist, danke dir!“ – und im Stillen: „Keine Zwiebeln, jippieh!!!“
„Ach Kleener, nu schmeichel mir mal nich so, ick fang ja gleech an zu flennen. Und nur dasde es weeßt: ick hab Frau und Kinder.“
„Es ist nur ein Döner, kein Ehering. Ausserdem stehe ich mehr auf Brünette.“
Kalle lacht und widmet sich seinen anstehenden Aufgaben: Eine Pommescurrywurst, rotweiß, ein Döner und „swei halbe Haaan“ – dementsprechend wirds laut in der kleinen Bude, die Scheiben beginnen langsam, aber sicher zu beschlagen – was schade ist, weil ich so weder die Leute draußen, noch den schönen Sonnenuntergang beobachten kann.
Andererseits kann ich mich meiner Zeitschrift zuwenden, brand eins, und das Thema lautet:

Veränderungen.

Ich fühlte mich natürlich sofort angesprochen. Es ist nicht einmal ein halbes Jahr her, dass ich hierhergekommen bin, und auch wenn noch viele Veränderungen anstehen (müssen), so habe ich gerade einen Punkt erreicht, an dem ich eine Weile ausschnaufen kann.
Kalles Dönerbude ist die Versinnbildlichung dieses Verweilens. Obwohl sie gerade erst umgebaut wurde, wird sie wohl die nächsten Jahre weitgehend unverändert bleiben, ebenso wie Kalle. Oder, um es so auszudrücken: müsste ich wetten, wer von uns beiden als erstes seine Lebensumstände radikal ändert, würde ich alles auf mich setzen.
Aber so weit ist es noch lange nicht, und so kann ich in aller Ruhe meinen Döner (ohne Zwiebeln!) genießen, beobachte die Menschen, die ein-und ausgehen, spreche ein wenig mit Kalle und lese über Veränderungen – weil ich gerade verweile.

Hallo? Haste wat jesacht? Ick hab doch wat jehört, ick spinne doch nicht! Hallo?!? Trau dich! Sei keen Feichling! Watt haste da jesacht über Veränderungen? Ach, leck mir doch die Schuhe! Wat? Wat spricht denn jejen die Wolken, die sind doch hübsch! Deen nächste Döner wird nur aus Zwiebeln bestehen, dit schwöre ick dir! Pass bloß op, dass du nicht selber uffm Spieß landest!

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Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
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