Döner – Kalle (15)

Hühnersuppe

Irgendwann – es war schon recht spät am Abend – trat ich dann endlich meinen Heimweg an. Nach Gespräch mit der Kollegin hier, Bierchen mit dem Kollegen da, anderem Gespräch, wollte ich eigentlich nicht mehr wirklich was essen – schließlich war ja Veranstaltung, Klimaschutz, und da bleibt häufig leckeres Catering übrig.

In der Hand die leckere Hühnersuppe von Mama.
Mama macht ja ziemlich gute Hühnersuppe, übertroffen vielleicht noch von Oma.
Es gilt als ungeschriebene narrative Regel, dass die eben getroffene Aussage für alle Mütter und Omas gilt, Ausnahmen einmal, nunja, ausgenommen.

Plötzlich stehe ich in Kalles Bude und werde angeschnauzt, ohne wirklich zu wissen, warum.
Jetzt muss es schnell gehen:
ich bins. Check.
In Kalles Bude. Check
Mal wieder in Gedanken gewesen, vermutlich bei Imogen Heap. Verlegenes Nicken, die Lippen dabei halb lächelnd, halb verkniffen, die Augen aber leuchtend. In meinen Träumen habe ich mich schon so oft mit ihr über ihre Musik unterhalten.
Eine große Tupperdose Hühnersuppe in den Händen – das könnte der Grund sein.
Meckert Kalle mich an, weil ich es gewagt habe, fremd zu catern, also kulinarisch fremdzugehen?
„Weeßte, ich könnte ja och meenen eijenen Raum mitnehmen, wenn ick mal bei euch im Büro ufftauche. Da kiekste aber, wat? Und deen Cheff erst, der kann dann nämlich nix verkoofen, weil ihm seene Kunden allet selber mitbringen. Du hast doch selber mal in ner Bar jearbeitet, oder?“
„Ja, Kalle, das stimmt ja schon alles. Aber ich wollte eigentlich auch gleich nach Hause, ist nur Mittwoch, und da bin ich in Gedanken hierher gekommen. Glaub mir, ich esse deinen Döner gerne. Es ist nur…“
Kalle zieht eine Augenbraue hoch, die Arme immer noch verschränkt, der Blick aber schon halb interessiert.
„Naja, Mama hat sie mir mitgegeben. Weißt du, wie das ist, nach Hause zu kommen? Also ich meine nicht den Ort, an dem du lebst, sondern familiär betrachtet. Dann wird dein Lieblingsessen gemacht und du siehst viele Menschen und lebst sozusagen wie unter einer Schutzglocke. Und dann naht der Nachhauseweg – diesmal der Ort, an dem du lebst – und sie geben dir alles Mögliche mit. Und diese Suppe ist wirklich gut, du solltest sie mal probieren, nur so als Vorspeise. Und dann essen wir nen Döner, okay? Wir laden uns ein, ich die Suppe, du den Döner. Hast du ne Mikrowelle?“

Kalle zögert.

„Dit is och wirklich koscher?“
„Nee, koscher nicht, ist ja von Frauen gemacht und es stecken unreine Tiere drin und das Suppenwasser wurde nicht gesegnet…“

Kalle grinst.

„Na jut, hast mich überredet.“ und hebt den Finger „aber nur, weil du et bist. Und weil ick letzte Woche jerade noch ne Dokumentation über Suppe jesehn hab. Gib mal her, du kannst sowat nischt. Aber lass dit nich zur Jewohnheit wern, näxtet Mal jibts wieder schön Döner!“

…und sechshundert Watt sowie drei Minuten später passiert etwas, das noch nie geschehen ist während Kalles und meiner Laufbahn: wir essen gemeinsam, nur wir zwei.

Alle anderen sind weg, vermutlich Fußball schauen oder so.
Und was soll ich sagen: Kalle ist begeistert. Hat er sich den ersten Löffel noch regelrecht hereingezwungen, so schlingt er mehr und mehr, bis die Schale leer ist.
Am Ende erübrigt sich der Döner (wäre ja auch zu schön gewesen, wenn Kalle mir etwas ausgegeben hätte), Kalle faltet seine Hände über dem runden Bauch und sinniert.
„Und? Was denkst du? Gut, oder?“
„Hervorragend. Aber weeßte, wat mich wirklich beschäftigt?“
„Nee, was denn?“

„Wie man dit in eene Dönertasche kriegt.“

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Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
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