Döner – Kalle (16)

Verkoofen am Telefon, Teil 1

„Wann war eijentlich dein letztet Wochenende, an dem du hier jeblieben bist?“
Kalle schaut mich durchdringend an, als wollte er mich ausquetschen. „Also, ick meen, et jibt Jerüchte, du wärest irjendwann mal een janzet Wochenende hierjewesen. Wat machste denn da so?“
Meint er das jetzt ernst?
Meine Ironiesensoren sind auf einer sehr niedrigen Leistungsstufe, sozusagen ein wie nach nem Angriff der Romulaner. Lebenserhaltungssysteme sind intakt, der Warpkern wird gerade neu aufgefrischt (in Form eines Sucùc-Döners), aber die äußeren Systeme sind durch Arbeit, allgemein viel zu tun, Mangel an vernünftigem Schlaf und weitern Umstände ein wenig in, äh, Mitleidenschaft gezogen.
„Also, an diesem Wochenende beispielsweise – nicht dass es exemplarisch wäre – werde ich morgen ab acht Uhr im Umweltforum auf der Matte stehen, geschniegelt und gestriegelt, und den zu erwartenden Gästen ein wenig zur Hand gehen.“
„Nee, glob ick nicht. Morjen? Du hast da doch schon die janze Woche jearbeitet! So richtig schicke, mit Anzuch und Krawatte?“
Ich nicke und lächle ein wenig. Der Anzug ist es doch dann nicht…
„Naja, nicht mit Anzug. Aber schwarz-weiß, ja. Und was die Woche betrifft… so ist es nun mal. Ich meine, es hat schon seinen Grund, dass ich gestern und vorgestern nicht bei dir aufgetaucht bin.“
„Ick wollte jerade sajen, ick hab dich ja richtichjehend vermisst!“
Ich weiß, denke ich. Niemand, der sich sonst über Zwiebeln aufregt.
Bevor ich antworten kann, klingelt das Telefon.
„Ach schitte, dit is bestimmt wieder son Idiot. Warte mal eben.“
Was soll ich denn sonst auch machen?
„Nee, wir sind hier nicht det Enejiezentrum. – – – Ja, weeß ick och nischt. – – – Nein, es jibt hier keenen Herr Koschalke. – – – Ick weeß, der wird da wohl och noch arbeeten. Aber wir sind – ick sachte es eingehend – ooch nischt dit Enerjiezentrum. – – – Nee, bei mir könnse Döner koofen. Wenn se janz wat Ausjefallenes haben wolln, dann och mal ne Currywurstpommes. – – – Neee, sach ich doch schon die janze Zeit. – – – Ja, sie och!“
Ein eifriges Kopfschütteln begleitet seinen kurzen Weg aus dem Kabuff (sieht super aus, so geschrieben, Anm. d. Verlegers) zu mir nach draußen, wo ich gerade die wundervolle Lichtstimmung eines frühen Frühlingsabends bewundere.
Frühling in Berlin ist super. Plötzlich gibt es Licht an Stellen, die ich nicht vermutet hätte, und man kommt sich auf der Straße nicht mehr vor wie ein Störenfried, sondern wie ein Teil eines lebendigen Ganzen.
„Was war denn das für ein Anruf?“
Kalle schüttelt nur mit dem Kopf, und das so lange, bis ich befürchte, keine Antwort zu bekommen. Er besinnt sich.
Das ist selten.

Gerade als ich alle meine Hoffnungen einer anständigen Bestattung zugeführt hatte, rückte er dann doch noch mit der Sprache heraus: „Naja, ick hab meen Anschluss umstellen lassen. Vonner Telekom zu Arcor. Dit war übrijens vor nem halben Jahr, aber anscheinend ist et wirklich schwer, die Leitung zu ändern. Nu sollte heute der Anschluss umjestellt wern, und it war och schon eener vonner Telekom da, aber da is irjendwat schief jeloofen. Und nu krieg ich dauernd Anrufe von Leuten, die mit irjendeinem Enerjiezentrum reden wolln. Dit wär ja noch nicht mal schlimm, man kann dit denen ja och erklären, aber manche – so wie der eben – warte mal.“
Ein Kunde kommt herein und bestellt einen Döner. Er schaut einen kurzen Moment sehr verwundert, als Kalle ihn anscheinend sehr ernst fragt, ob man seine Bude mit einem Energiezentrum verwechseln könne und ob der „jeschätze Kunde“ schon mal etwas von einem Energiezentrum in Berlin gehört hätte. Und wo denn das wohl sei.
„Weeß ick nicht. Wo soll denn dit sein?“
„Na dit weeß ick och nischt. Die hatten aber mal ne Telefonnummer.“
Der Kunde lacht. „Na, dann rufen se morjen doch eenfach mal an, dann können die ihnen schon sajen, wo se sind.“
„Dit ist ja dit Problem, ich habe mir ja die Nummer freischalten lassen.“
„Ach so. Dann weeß ick och nischt.“
Drückt Kalle das Geld in die Hand – zweisiebzig übrigens mittlerweile für den Sucùc-Döner, vielleicht wegen der Mehrwertsteuererhöhung – und hat es recht eilig, den Laden wieder zu verlassen.
„Wo war ick stehenjeblieben?“
Kalle kann unbemerkt hinter mir anschleichen, das macht mir Angst. Wer weiß, was der noch alles hinter meinem Rücken macht…
„Manche Anrufer…“
„Ach ja. Jedenfalls, manchen kannste dit nicht erklärn. Die globen, nur weil ick mich mit „Naffrath“ melde und denen saje, dat ick ne Dönerbude bin, ham se trotzdem Recht und Herr Koschalke oder Frau Redjen oder wer-ock-immer in diesem verdammten Zentrum jearbeitet hat, würde direkt nem mir sitzen.“
„Manche sind einfach ein bisschen schwer von Begriff. Ich habe mal in einer Tankstelle gearbeitet, da gings mir nicht anders.
Mach dir doch einfach mal den Spaß und melde dich das nächste Mal mit Energiezentrum.“
„Und denne?“
„Na dann verkoofste deinen Döner einfach als Energiebrötchen. Kundenaquise.“

Habe ich „verkoofste“ gesagt?

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Über sushey

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