Döner – Kalle (18)

Flotte

Kalle scheint ein wenig beleidigt zu sein. Er würdigt mich kaum eines Blickes, als ich hereinkomme, und obwohl kaum Kundschaft da ist, dauert es merklich länger, bis mein Döner fertig ist, als das letzte mal.
Ein stechendes Aroma bestätig meine Befürchtung: Mit Zwiebeln, wie sollte es auch anders sein!

Dann irgendwann – ich bin schon beinahe am Ende des Döners angelangt und verfolge die Pseudodokumentation im Fernsehen mit Pseudointeresse, anscheinend haben sich die Privaten jetzt darauf verstiegen, sich gegenseitig mit Kochsendungen auszubooten, heutiges Thema: eine Würstchen-und-Suppen-Bude irgendwo im Ruhrpott, anscheinend sehr beliebt bei den Bauarbeitern und Kumpeln – setzt Kalle sich doch noch zu mir.
„Na, besuchste mich mal wieder, nachdem du mich so schändlich ignoriert hast die letzten zwee Wochen? Warste woanders essen, oder wat?“

Richtig, Kalle kanns noch gar nicht wissen.
„Nee, ich war in Holland, Segeln mit Konfies. Tut mir leid, dass ich dir nicht vorher Bescheid gesagt habe, aber irgendwie ist das wohl untergegangen…“
„Segeln? Naja, wenigstens ist dein Boot nicht unterjejangen, wenn du es schon nicht schaffst, mir Bescheid zu sajen. Hat et denn Spass jemacht?“

Ich nicke eifrig, während auf dem Bildschirm gerade ein Mann im Nadelstreifenanzug ein gehöriges Maß an Currysuppe auf sein gestärktes Hemd kleckert, sehr zur Belustigung der anwesenden Bauarbeiter.

„Spaß auf jeden Fall, aber es war auch sauanstrengend. Jeden Abend war ich froh, dass meine Jungs das Boot nicht versenkt haben, aber sie waren dafür auch sehr lustig.
Einmal kamen sie mit zwei Mäusen an und wollten die unbedingt mit aufs Boot nehmen!“
Kalle schaut leicht angewiedert drein und blickt dann verstohlen in die Ecken seiner Dönerbude.

Nadelstreifen wischt sich ab.

„Aber ihr habt dit hoffentlich nicht zujelassen, oder? Wart mal eben.“
Zwei Kunden betrachten sich die Auslagen im Regal.
„Bekommt ihr schon?“ ruft Kalle ihnen nach.
„Nee, wir suchen noch.“ schallt es zurück.
„Na, Ostern kommt aber erst noch!“ – Tresenhumor.

„Also. Keene Mäuse, hoffe ick mal?“
„Nee, die wollten wir auch nicht auf dem Boot haben. Aber die Skipper haben ganz schön blöde geguckt, als sie davon erfahren haben.“
„Ja und sonst so? Wetter okay und allet? Habt ihr alle wieder heile nach Hause jebracht?“
Ich nicke.

Nadelstreifen hat inzwischen festgestellt, dass der Fleck getrocknet noch mehr auffällt, er ist, nunja, currygelb auf hellblauem Hemd.

„Größtenteils schon. Einer hat sich den Finger gequetscht, den mussten wir ins Krankenhaus bringen. Sonst war natürlich auch immer noch ein bisschen was, aber für eine Veranstaltung dieser Größe ist erstaunlich wenig passiert.“
„Na dann is ja mal jut. Und jetzt biste hoffentlich wieder hier. Oder?“
Ich lächle: Na klar. So wie immer. Ab und zu verschwinde ich halt mal.
„Aber sicher doch. Ich will doch noch mehr von deinen Dönern essen.“

Nadelstreifen hat inzwischen die Würstchen-und-Suppen-Bude verlassen. Der Sender scheint das für den geeigneten Moment zu halten, Werbung zu machen.

„Na dann ist ja jut. Dann erzähl ick dir och nächstet Mal, wat hier so passiert ist, während du weg warst. Vielleicht haste jemerkt, dass ick keene Enerjiebrötchen mehr verkoofe. Aber dit erzähle ick dir nächstet Mal, als Strafe, dass du mir nich Bescheid jesacht hast und damit du wiederkommst.“

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Über sushey

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