Döner – Kalle (19)

Blumen

„Sach ma, wat stellste dir ejentlich vor? Kommst hier reinjeschneit, als sei nischt jewesen, erwartest jetzt nen Döner von mir und dass ick dir die Jeschichten erzähle, die ick dir eijentlich schon am Dienstag oder Mittwoch erzählen wollte.
Und wat soll ditte sein? Bestechung?“

Kalle deutet auf die CD, die ich in meinen Händen halte.

„Naja,“ beginne ich, „Ja, watt den nun, naja? Nu erzähl mal!“ unterbricht Kalle mich.

„Ich bin ja schon dabei.“ Entgegne ich ihm und fühle mich ungerecht behandelt. Klar war ich in der Woche nicht hier, so wie sonst, aber es ist an diesem Samstag speziell so, dass ich überhaupt noch gar keinen Appetit auf Döner habe und eigentlich wieder zurück aufs Sofa möchte und arbeiten muss ich ja später auch noch…
„Also, die CD? Das ist ein Geschenk für dich. Ist mein Lieblingsalbum, aber leider mit nem kleinen Nachteil: eigentlich ist es ne Doppel-CD. Da aber die Hälfte, die ich besser finde als die andere, verschwunden ist, habe ich sie mir neu gekauft. Und dachte mit, vielleicht willst du sie haben. Du musste nicht…“

Hastig zieht Kalle die CD an sich, wie ein Torwart, der einen Ball vor Stürmer rettet.

„Nee, lass mal, ick globe, die hab ick mir verdient, dafür, dass ick nie weiß, wann du denn mal wieder jedenkst vorbeizukommen. Ja und wat haste nu jemacht?“
„Also, zunächst einmal natürlich gearbeitet. Das ist ja mittlerweile Standard. Dann waren am Mittwoch die Bayern dran in der Champions League, und Donnerstag hat Werder gespielt. Sehr gut übrigens, das beste Spiel seit Langem. Naja, und gestern, da musste ich einfach mit ein paar Freunden im Park grillen, war so schönes Wetter. Aber dafür bin ich jetzt ganz Ohr.“
„Fußball? Dit kiekste dir an? Und dann auch noch Werder…. Ick meen, die spielen een feinet Spiel, wenn se jut druff sind. Meen Verein allerdings wird immer der FC Union bleiben, och wenn sie jerade nicht sonderlich erfolgreich sind.
Naja, aber jetzt biste ja da. Döner wie immer?“
„Ohne Zwiebeln, bitte“ antworte ich, mache mir aber keine allzu großen Hoffnungen, schließlich fühlte Kalle sich ja hängengelassen.
Kalle macht sich an die Arbeit. Holt die Sucuk von hinten, wickelt sie in Alufolie ein und packt sie auf den Grill. Während er anschließend beginnt, das Fleisch zu schneiden (immer wieder eklig und faszinierend gleichzeitig, dieses Fett, das aus der dicken Rolle trieft, zischt und verbrennt…), beginnt er, von den Ereignissen der letzten Wochen zu erzählen:
„Also, ick hatte ja die Idee mit dem Enerjiebrötchen.“ – ja, richtig, denke ich. Aber egal. „…und die kamen ja och rischtisch jut an. Ick hatte so viele Kunden hier, dass ick schon überlecht hatte, noch jemanden einzustellen. Und wie die Leute zum Teil aussahen, sowat kannte ick nur ausm Fernsehen. Kurzum: die Idee mit dem Enerjiezentrum lief richtich jut. Och die Sache mit den Antragsformularen und so. Ick hatte dann ja och die eene oder andere Sache jelesen und mich umjehört, und konnte die Leute son kleenet bisschen beraten.“
Er bohrt das Messer mit einer gefährlich aussehenden Geste in die Luft, nur um dann festzustellen, dass der Spieß offensichtlich zu heiß eingestellt sein muß, denn er schlägt an den fettreichen Stellen (also die, deren Fettanteil höher ist als der Fleischanteil, was auf den Großteil der Masse zutrifft) kleine Flammen.
Gleichzeitig stellt Kalle fest, dass die Sucuk lange genug im Grill waren und es Zeit für das Brot wird.
Einige unbeschreibliche Bewegungen und Arbeitsabläufe später, steht er wieder am Spieß, als könne ihn kein Wässerchen trüben.
„Irjendwann kamen dann zwee Anzugtypen, die mit dem ‚Jeschäftsführer‘ sprechen wollten, dit sei wat dringendes und och wichtig. Ich mich natürlich erstmal dumm jestellt, so jetan als sei ich Taylan und könne kaum Deutsch, und wat een ‚Jeschäftsführer‘ ist, wusste ick natürlich och nicht.
Davon ham sich die Sesselfurzer natürlich nicht beeindrucken lassen. Der eene jedenfalls blättert durch die Formulare und fracht mich, wat denn ditte wohl sei.
So jut ick konnte als Taylan, hab ick versucht, ihnen uff Gebrochendeutsch klarzumachen, dass dit das Formular 35b/II ist, mit dem man bestimmte Pflanzen für die Dachbegrünung genehmijen lassen kann.“
Inzwischen steht er am Salattresen und schaufelt Salat, rote Beete, Krautsalat und keine Zwiebeln in das hoffnungslos überquellende Brötchen.
„Naja, so ging dit hin und her, die ham sich dit alles anjeguckt, und irjendwann meinten sie, ick solle meenem Jeschäftsführer ausrichten, der janze Kram müsse uff der Stelle verschwinden, sonst jäbs ne Anzeije, Entzug der Lizenz, Rückstufung von Union in die Landeslija und allen möjlichen Kram, der mich zu Überzeujung brachte, dit Enerjiejeschäft lieber sein zu lassen.
Nur um sicherzujehn, dass die och nicht wiederkommen, habe ich ihnen noch nen ‚Döner Speziell‘ jemacht, du weeßt schon, der ABC-Döner.“
Er erinnerte mich. Kalle hatte mal eine grausige Geschichte erzählt, von einem Menschen, dem kalt war und der sich überlegt hatte, dass die ABC-Creme, die er dabei hatte, ihn ja wärmen würde. Das tat sie wohl auch, aber leider ging der Kerl auf Klo und hatte dabei noch Creme an den Händen…
Kalle hat versucht, diese Geschichte kulinarisch zu verarbeiten.
„Naja, und nu mache ick wieder janz normale Döner. Aber die Enerjiebrötchenzeit war sehr spannend, ick möchte dit nicht missen.“
In der Tat war die Zeit nicht schlecht, und sei es auch nur, weil seitdem – und das tun sie noch immer – wesentlich mehr Blumen in seiner Bude stehen.

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Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
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