Döner – Kalle (20)

Flaute

Kalle schaut demonstrativ auf die Uhr, nachdem er beschlossen hat, dass eine Minute des Ignorierens ausreichend scheint. Während ich finde, dass er übertreibt (wir sind ja schließlich nicht verheiratet), glaubt er sich bestimmt im Recht und verlangt, dass ich ihn regelmäßig und wie immer Mittwochs besuche.
Ich setze gerade gedanklich zu einer Erklärung an – arbeiten und so weiter – aber bevor ich meinen Mund überhaupt aufmachen kann, ist er schon nach hinten verschwunden, um von dort etwas zu holen, wie ich vermute.
Der Fernseher läuft unvermeidlicherweise, und zeigt gerade ein schönes Paradoxon: es läuft der America’s Cup.
Während es normalerweise sehr spannend ist, den Segelbooten bei ihren spektakulären, weil engen und schnellen Manövern zuzuschauen (und da ich ja selber auch schon mehrfach gesegelt bin, weiß ich ansatzweise, wie sie funktionieren und wie schwer sie sind), gestaltet sich das Fernsehbild trist und langweilig: kein Wind in Valencia.

Es gibt nur wenige Dinge, die so langweilig sind, wie ein Segelrennen bei Flaute.

Kalle kommt wieder zurück und steuert direkt meinen Tisch an. Er setzt sich und knallt noch in der Abwärtsbewegung etwas auf den Tisch, das mich verdächtigerweise an einen sehr alten, Döner erinnert.

„Dit wäre deen Döner jewesen, wenn du am Mittwoch jekommen wärst. Extra ohne Zwiebeln. Aber der Herr muss ja arbeeten. Willste essen?“
Meine entsetzten Synapsen registrieren nur mühsam das „willste“. Gut. Das lässt Raum zur Hoffnung. Ein kleines „willste“ impliziert, dass es mindestens eine Alternative gibt.
„Du hast nicht wirklich am Mittwoch einen Döner gemacht, den du in der Hoffnung aufbewahrt hast, ich würde hier vorbeikommen und ihn essen, oder?“

Kalle grinst vor sich hin, augenscheinlich belustigt.

Das ist das doofe an nicht-affektiertem Entsetzen: es macht nur den anderen Spaß.

„Na, watt meenst’n du? Klar ist dit deen Döner, den habbich extra nur für dich uffjehoben. Watt meenste, wie schwierig dit ist, wegen Hyjienebestimmungen und so… nee, Spass beiseite.
Dieser Döner ist von heute, allerdings habbick ihn nehm dem Ofen verjessen, weil een Kunde ihn erst wollte und dann doch nicht mehr. Da kannste mal sehen, watt Hitze allet so an Schäden anrichten kann.
Natürlich kriegste nen neuen Döner. Sojar ohne Zwiebeln, ick weeß doch, dass de die nischt magst. Und wer viel arbeitet, soll auch jut essen, wa?“
Kalle macht sich an die Arbeit. Tatsächlich ist die Aussicht auf einen fachgerechten Döner – ein bisschen Salat, Fleisch, Soße, Schafskäse, Rote Beete, Röstzwiebeln (die widerum finde ich okay) – schon etwas rosiger, als das, was ich mit nach Hause nehmen konnte: Aufbackbretzeln, Schinken-Käse Croissants, belegte Brötchen, Apfeltaschen und Zuckerschnecken.
All das ist ja eigentlich wirklich gut und lecker – aber nicht, wenn man sich am vierten Tag hintereinander davon ernährt.
Kalle kommt wieder, den Döner in der Hand.
Weil wir beide uns gerade nicht allzuviel zu sagen haben, setzen wir uns stumm so hin, dass wir dem Geplätscher auf dem Fernseher folgen können, während sich draußen ein schöner Frühlingssamstag dem Ende zuneigt.

Zum Glück ist Kalle jemand, mit dem man – man sollte es kaum glauben – auch tatsächlich mal schweigen kann.

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Über sushey

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