Döner – Kalle (26)

döner-kalleSchauerdöner

Es ist ungewöhnlich voll in der kleinen Bude, obwohl das Wetter eigentlich Gegenteiliges vermuten lassen würde, denn es herrscht fröhliches Aprilwetter; schwül-warme Momente und aggressive Schauer lösen sich im steten Wechsel ab.
Das letzte Mal, dass ich ein solches Wetter in Kalles Bude erlebt habe, stand er sich die Füße platt, weil sich niemand vor die Türen gewagt hatte.

Ein grellfarbendes Plakat am Fenster liefert schließlich die Erklärung:

Schauerdöner!

steht dort geschrieben, und weiter: „Sollte es regnen, wenn ich Ihnen den Döner gebe, bekommen Sie ihn von mir geschenkt. Regnet es allerdings gerade nicht, zahlen Sie den Döner, sowie eine Spende in gleicher Höhe an das Kinderhilfswerk…
Viel Spaß beim Bestellen und guten Appetit!“

Schauerdöner?

Ist Kalle jetzt total durchgedreht?!? Ich meine, sein absurdes Konzept scheint aufzugehen, die Leute bestellen wie verrückt, Kalle rotiert emsiger als sein eigener Dönerspieß, und die Hilfswerkskasse scheint sich schneller zu füllen, als Kalles Kasse sich leert. Ob der Begriff allerdings so glücklich gewählt ist nach all den Fleischskandalen, sei mal dahingestellt.
Ausgelöst durch die Assoziation „Nahrung verbunden mit unglücklicher Werbeaktion“ denke ich kurz an einen findigen Tütensuppenverkäufer, der einmal jedem Zehnerpack Suppe ein Paar Socken beigelegt hatte – aus was für praktischen Erwägungen auch immer.
In des Kunden Kopf jedenfalls machte sich die Verbindung aus – vielleicht – stinkenden Socken und herrlich duftender Suppe eher nicht sehr gut, die Aktion floppte.

Ich reihe mich also ein und schaue gebannt auf den Himmel. Noch ist das Wetter gut, aber die nächsten dunklen Wolken dräuen sich schon am Horizont.
Vielleicht sollte ich jetzt schnell bestellen, denn erfahrungsgemäß braucht ein Döner ja eine ganze Zeit, vor allem, wenn Kalle ihn zubereitet.

„Hey Kalle, einen Döner bitte!“ rufe ich ihm zu. Er schaut kurz auf, schaut mir ins Gesicht, schaut zum Himmel, grinst und legt los.
Urgewalten tun sich auf. Kalles tätowierte Arme schwirren so schnell hin und her, dass die Tatoos beinah anfangen zu flimmern. Mit gekonnter Hand schwingt er das Brötchen in den Grill, schneidet das Fleisch, nimmt schon mal die Tüte in die Hand.

Die Wolken kommen näher, und Kalle ist schon dabei, das Brötchen zu befüllen.
Ich kann mich nicht erinnern, ihn so schnell gesehen zu haben. Was soll denn das? Nicht, dass ich etwas dagegen hätte, dem Kinderhilfswerk etwas zu spenden, aber ich will Kalle nicht die Genugtuung gönnen, die Wette zu gewinnen.

Es wird rapide dunkler.

„Die gleeeche Soße wie imma?“ Auch Kalle schaut zum Himmel. Sehe ich so etwas wie Stress in seinem Gesicht?

„Ach nee, ich nehme heute mal Knoblauch. Nein, warte, doch Kräuter.“ – angesichts des offensichtlichen Zeitverzögerns komme ich mir schäbig vor. Wenn ich schon gewinne, dann wenigstens fair. Aber es könnte auch ruhig mal anfangen zu regnen.

„Na klar, mach ick doch!“ antwortet Kalle mir und macht sich an die Arbeit. Noch ist es trocken…

Da! der Döner ist beinah fertig. Ich kann die Wette gewinnen. Jetzt noch das Salz. Noch ist es trocken…

„Schönet Wetter, hmm?“ meint Kalle. Dieser Schlawiner! Hält noch Small Talk, während ich auf den Regen warte…

„Jetzt gerade? Total schön. Weißt du, ich fand Regen schon immer gemütlich. Sieht ja so aus, als würde es gleich wieder anfangen, was? Tolle Aktion übrigens.“ antworte ich scheinheilig und drehe mich zum Kühlschrank.

„Ein Club Mate hätte ich dann auch noch gerne.“

„Aber klar doch. Den Betrag musste dann aber och spenden, dit weeßte, ja?“

„Ja, kein Ding.“ – verdammt! kann es nicht anfangen zu regnen?

Kalle tippt in aller Seelenruhe, während es so finster in dem Laden ist, dass ich das Gefühl habe, die Nacht sei urplötzlich ausgebrochen.

Aber es regnet nicht.

Zähneknirschend bezahle ich und stecke nen Fünfer in die Dose. Naja, wenigstens haben die Kinder was von meinem Dönerkonsum…

Kalle reicht mir den Döner.

Die Zeit scheint stillzustehen, während sowohl seine, als auch meine Hand den Döner berühren.

Wir schauen beide zum Himmel.

Kalle lässt los.

Ein gewaltiger Blitz zuckt aus den dunklen Wolken und taucht alles in grelle, blendend weiße Helligkeit.

Der Donner folgt auf dem Fuße, und mit ihm ein gewaltiger Regenguss.

„Schönet Wetta, nischt wahr?“ ruft Kalle mir über den infernalischen Lärm zu, während ich entdecke, dass dieser Saupreuß tatsächlich auch noch Zwiebeln in den Döner geschmuggelt hat…

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Über sushey

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3 Antworten zu Döner – Kalle (26)

  1. Mehmet schreibt:

    döner is the turkish food. „iskender döner“ is the perfect. try it 🙂

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  2. affentausch schreibt:

    und das spiderschwein ist der heimliche star des films…

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  3. musicsascha schreibt:

    @ affentausch: auf jeden! „spider-pig…spiiiiider-pig…“
    danke für den comment und viel glück für deine tauschaktion!

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