Döner – Kalle (30)

döner-kalleJet Nen

Kalle schaut perplex drein, als ich recht früh – so gegen 16:00 Uhr – in seine Bude trete, noch dazu recht frisch und einigermaßen ausgeschlafen.

„Wat is los, hammse dich endlich rusjeschmissen?“ fragt er in seiner typisch-charmanten Art, der ich leider nicht im Mindesten das Wasser reichen kann – Berliner sind halt eigen.

Noch nicht. Kommt Zeit, kommt Rat, und manchmal auch ein Akzent oder Schlagfertigkeit.

„Nee, erste Berufsschulwoche.“ dabei grinse ich ein wenig verlegen. Ich und Berufsschule? Das ist eine Sache, an die ich mich auch erst einmal gewöhnen muss.

„Ach nee, echt jetze? Dit is ja wat, darauf jebe ick dir erstmal een Döner aus. Wat hättste den jerne?“

Ich habe Lust auf Sucuk, aber zu meiner Überraschung und meinem Leidwesen erklärt Kalle mir, dass es den leider nicht mehr gebe, „den hat ja keener jekooft.“ Auf meinen Einwand, ich würde den öfter mal kaufen, und ich sei ja wohl nicht niemand, reagiert er nur mit einem müden Lächeln, eine Augenbraue hochgezogen.

„Okay, okay. Wenn ich dann mal da bin, da hast du Recht, so oft war ich ja nicht hier in letzter Zeit.“

Kalle quittiert mir dies, indem er still den Döner vorbereitet. Brötchen in den Grill (nicht die kleine Stange zwischen den Platten vergessen, sonst wird das Brötchen ganz plattgedrückt), das Fleisch kann schonmal abgeschnitten werden, und dann richtet er den Salat, das heißt, er steicht mit der Salatzange so lange auf selbigem herum, bis dieser wieder hübsch gerade in seiner Schale liegt.
Das muss so eine Art Berufskrankheit unter Dönerbudenbesitzern sein; er ist ja nicht der Einzige, den ich dabei beobachte.

„Ja, und wie isset so? Haste tolle Lehrer, nette Kollegen? Haste ein paar heiße Fejer inner Klasse?“ Irgendwie ist die Frage nach den „heißen Fegern“ bei allen, mit denen ich mich unterhalte, ganz vorne angesiedelt…

„Naja, ist ja Veranstaltungstechnik, da sind naturgemäß wenig Mädels. Aber die sind natürlich alle cool… muss man ja auch sein für diesen Job!“

„Wie Dönerbudenbesitzer, die sind ooch alle knorke.“ – wir lachen beide kurz und kommen dann zunächst ins Geschäft.

Das heißt, ich will, aber Kalle ist heute großzügig und schenkt mir den Döner. „Zum Einstand und so, weeßte?“

Ich berichte also weiter. Dass sich die Woche ein kleines bisschen anfühlt wie Urlaub, auch wenn wir acht Schulstunden haben und das Um-Halb-Sieben-Aufstehen mir naturgemäß schwerfällt. Dass die Lehrer soweit ganz in Ordnung ist und dass es ein sonderbares Gefühl ist, wieder zur Schule zu gehen. Dass ich beruhigt bin, altersmäßig im Mittelfeld zu liegen.

„Und eine Sache, die fand ich richtig witzig, die hat der Lehrer an die Tafel geschrieben. Es ging ums sauber und schön schreiben, und dass man auch Punkte bekommt, wenn man etwas falsch schreibt, der Lehrer aber weiß, was gemeint ist. Weißt du, welche Berufsbezeichnung ‚Jet nen‘ sein könnte?

Kalle runzelt die Stirn: „‚Jet nen?‘ Wat soll denn ditte sein? Een Beruf, ja?“

„Naja, sozusagen. Aber rate mal, dir als Berliner sollte das nicht so schwer fallen.“

„Hmm, also, ‚Jet nen‘ Jetnen. Järtnern?“

Ich bin beeindruckt von der Geschwindigkeit, mit der er auf ‚Gärtnern‘ gekommen ist (wir haben dafür länger gebraucht), aber zu seinem Leidwesen muss ich verneinen: „Nein, das ist nicht richtig. Ein guter Gedanke zwar, aber zieh mal die Vokale länger.“

„Jeht Nehn. Hmm…. also, der oder die jeht, ja? So een Fuß vorn anderen? Aber nehn? Wat is denn ditte?“

Ich lasse ihn noch ein wenig zappeln, bis ich auflöse, dass die Mutter des Kanditaten Näherin ist, laut seiner Aussage „Jeht sie also Nähen.“

Kalle schüttelt den Kopf: „Rubbeldiekatz, dit is ja mal een Kauderwelsch. Jut, dass ich keen Lehrer bin…“

Ich bin da auch froh, kenne ja meine Handschrift…

„Und haste jetzt endlich mal deenen Plattenspieler?“

„Na klar! Steht, läuft, sieht gut aus und macht nen noch besseren Klang, alles Sahne! Allerdings machen die Boxen jetzt nicht mehr so eine gute Figur… aber mal schauen, vielleicht baue ich mir welche selber, nen Bausatz hätte ich da schon.“

„Na dann is ja mal jut. Mach du et ooch mal jut, ick muss wieder, wa?

„Ja, bis dann!“

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Über sushey

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