Döner – Kalle (31)

döner-kalleFischköppe

„Mensch, heut biste aber spät dran, wa? Leider hab ick nun keenen Döner mehr für dich. Aber willste noch eenen Zuchinipuffer?“

Kalle schaut ein wenig verlegen drein, weil ich so hungrig aussehe, vermute ich. Vielleicht erwecke ich auch sein Mitleid, so vollbepackt mit Gitarre, Umhängetasche und Verstärker. Aber er hat schon recht, ich bin spät dran. War halt den ganzen Tag unterwegs, Leute treffen.

„Ach, lass mal gut sein, ich hatte grad Frikadellen und Kartoffeln bei ner Freundin.“ entgegne ich ihm und stelle meinen Krempel in eine Ecke, die Jacke oben auf die Gitarrentasche gehängt.

Kalle zieht die Augenbrauen hoch: „Frikadellen? Dit is doch wat für Fischköppe, hier nennt man ditte Buletten. Oder war da och noch Fisch drin, dann könnte man ja ne Ausnahme machen…“

„Nee, nee, das warn schon richtige Bratlinge aus Fleisch. Aber wir sind ja auch beide Fischköppe, da dürfen wir gerne mal ne Frikadelle essen. Gibts in der Wilden 13 auch, wenn Werder spielt. Diese Idioten! – also Werder jetzt.“

Ich schüttele den Kopf und gebe so meine Missbilligung über das 1:3 meines Heimatvereins zu verstehen. So war das schon immer mit Werder: erstens können sie keinen Vorsprung halten, zweitens spielen sie in den vermeintlich einfachen Spielen – also denen ohne übermächtigen Gegner, oder denen, wo sie nicht mit dem Rücken zur Wand stehen – grundsätzlich schlecht.

„Naja, is ja eh nur Fußball. Unsere Mädels sind Weltmeister, und allet is jut. Aber haste eben jesacht, dass deene Freundin ooch ausm Norden kommt? Dit kann ja wohl nischt sein, dit is ja ne wahre Invasjon!“

„Ja, sie kommt aus Bremen, stell dir vor. Gemeinsam mit ihr werde ich mich in die Sonnenliege setzen und mit nem Cocktail in der Hand auf die Flutwelle warten, die 2050 vorbeigeschwappt kommt.“

Kalle wirkt konsterniert.

„Nimm dat mal nicht so uff die leichte Schippe, junger Mann! Ick hab viel darüber im Fernsehn jesehn, und dit mit die Polabschmelzung wird gor nischt so lustich, wie du das hier machst!“

Inzwischen macht Kalle durch sein Putzen und Wienern der Edelstahlflächen – vorher hat er alles Essbare aus den Kühlaggregaten entfernt – unmissverständlich deutlich, dass er gerne Feierabend machen würde. Kann ich nachvollziehen, ich wollte ja nur kurz vorbeischauen, und zuhause wartet der Abwasch…

„Ich nehm das ja auch nicht auf die leichte Schulter. Ich mache ja auch schon was. Fahre Öffis, habe überall im Haus Energiesparlampen, kaufe regional und saisonal sinnvolle Produkte…“ (wobei ich gerne mal die Ökobilanz einer CD oder Schallplatte sehen würde, ähem…)

Kalle pflichtet mir bei: „Richtich so. Die kleinen Schritte können ooch schon viel bewirken. Überhaupt: sorry, aber ick will Feierabend machen. Nix gegen dich, aber ick schmeiß dich jetzt raus, ick will nach Hause.“

Ich zeige mich verständnisvoll und wünsche Kalle eine gute Nacht.

„Die wünsche ick dir ooch, mein fischköppijer Freund! Hauste rin, wa?“

Hauste rin.

Ich trolle mich. Der Abwasch wartet. Und ein Kakao. Und – ne Schallplatte? Mal sehen…

Advertisements

Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
Dieser Beitrag wurde unter döner - kalle veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar? Gerne!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s