Whatever will be…

Neulich ist die älteste Deutsche verstorben.

Mal abgesehen von der Unmöglichkeit dieser oder ähnlicher Formulierungen – schließlich gibt es ja immer eine älteste Deutsche – erinnerte mich der Bericht über ihr langes Leben – das im Kaiserreich begann, zwei Weltkriege, eine Mauer, eine Wiedervereinigung und den Schritt von der Kutsche zum Auto, vom Rechenschieber hin zu Youtube überdauerte – an einen Gedankengang, den ich im Gespräch mit meinen Großeltern und beim Nachdenken über meine eigene Zukunft oft habe:

Was mag wohl noch so kommen?

Mir geht es dabei weniger um die drängenden gesellschaftlichen Probleme, auf die wir zusteuern – Klimawandel und dessen Folgen, Energieverbrauch, Globalisierung in all ihren Facetten – sondern ich frage mich, welche Herausforderungen mir das Leben allein in (alltags)technischer Hinsicht stellen wird – und wie ich diese meistern werde.
Allein mein Opa – obwohl mitnichten der älteste Deutsche oder überhaupt nahe dran – ist mit Pferdefuhrwerken aufgewachsen; mittlerweile gibt es Autos mit DVD-Player und iPod-Dock, die via Internetverbindung die beste Route heraussuchen und im Notfall von allein zum Stehen kommen können.

Es hat eine enorme technische Entwicklung stattgefunden, deren Rasanz meinen Opa zu kauzig anmutenden Verhaltensweisen nötigt. Beispielsweise kämmt er sich vor dem Telefonieren die Haare oder beklagt sich beim Thema „Alkohol und fahren“ halbernst darüber, dass Autos – im Gegensatz zu Pferden – nicht von allein nach Hause finden, wenn er mal einen über den Durst trinkt.

Manchmal frage ich mich dann, ob ich dereinst erfundenen Dingen und Strukturen erstens ähnlich offen gegenüberstehen (er mag Autofahren) und zweitens auch ähnlich unverständig entgegentreten werde – schließlich kann ich nur nackt oder ungewaschen telefonieren, weil ich die Technologie verstehe…

Ein Punkt, der mich dabei unwahrscheinlich nervt, ist die Tatsache, dass ich mir nicht vorstellen kann, was sein wird – ist ja auch logisch, denn sonst wäre ich derjenige, der es erfände. Klar, es gibt Dinge, die ich als möglich erachte, wie das Beamen, automatisiertes Auslesen von Gedankentendenzen, fliegende Autos…
Wann wird allerdings der Punkt erreicht sein, an dem Halbwissen und Vorstellungsvermögen (ich weiß, wie ein Transistor funktioniert. Wie zwei, vier, acht… zusammengeschaltet werden können, auch. Wie ein Pentium Dualcore im Detail funktionert, nicht mehr – aber es ist keine Magie im Spiel…) sich in Unverständnis verwandeln?

Wann werde ich das erste Mal sagen: „das ist ja Zauberei“ , so wie Oma es tut, wenn ich ein Photo mit dem RAZR mache und es meiner Schwester schicke?

Einen Vorteil habe ich gegenüber meinen Großeltern: ich glaube nicht, dass wir noch einmal so allumfassende Revolutionen erleben werden, wie es die Schritte zum industriellen respektive Informationszeitalter waren. Nein, unsere technischen Revolutionen werden subtiler sein, mehr vom Brodeln der digital-globalisierten Welt verschleiert werden. Der Schritt von analogen zu digitalen Speichermedien war größer, als der z.B. von der DVD zur Blue-Ray-Disk.
Ich bin es gewohnt, in einer Welt aufzuwachsen, in der viele Dinge automatisiert ablaufen. Wenn ich irgendwann ein Interface benutzen werde, das beispielsweise auf Sprachkommandos, auf Gesten oder auch nur Gedankenströme reagiert, dann werde ich wissen, dass hochkomplexe Rechenvorgänge mir das abnehmen, was ich in dann grauer Vergangenheit getan haben werde: tippen. Und dass auch tippen nur bedeutet, einige Transistorschaltkreise so zu beeinflussen, dass sie zu anderen Ergebnissen kommen.

Mein zweiter Vorteil wird sein, dass ich – nebst allen anderen meiner Generation – mehr oder minder gezwungen bin, mein Leben lang dazuzulernen. Allein das Führen dieses Blogs, meine Arbeit und viele andere alltägliche Dinge setzen eine Fülle von Kompetenzen voraus, die die Generation Großmutter weniger dringend brauchte, und folglich nur begrenzt trainiert hat. Sie mussten sich nie mit der Benutzerführung eines Mobiltelefonmenüs herumschlagen, weil es das nicht gab, als Oma 24 war.

Vorstellbar wäre auch, dass es zu einer großen Energiekrise, dem Sieg des Kapitalismus über die Menschlichkeit oder der großen Flut kommen könnte. Einerlei, ob positiv oder negativ, ich frage mich, wie ich (re)agieren werde.

Und wann ich meine Enkel das erste Mal darum bitten werde, mir den Musikmikrochip – der unter meine Haut implantiert wurde und ausgehend von meinem Gemütszustand Musik komponiert – so zu programmieren, dass er nicht immer nur Classic Rock a là Placebo spielt…

Eine spannende Zukunft
Eine vergangene Zukunft
Eine Zukunft, die nicht werden sollte
…oder so…

Advertisements

Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
Dieser Beitrag wurde unter digital life, ich und die welt, leben, zeitmaschine veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar? Gerne!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s