Döner – Kalle (32)

döner-kalleTannenbaum

„Wie siehst du denn aus? Ach nee, warte, is ja Helloween, nischt war?“

Kalle grinst mich aufs Übelste an, und ganz verdenken kann ich es ihm nicht, hatte ich mich heute – morgen? mittag? abend?  selber arg erschrocken, als ich in den Spiegel schaute. Augenringe hier und da, wirre Haare, ein Blick der zwischen aufgekratzt-irre, müde und melancholisch, wahlweise auch verträumt wechselt, dazu ein – Stresspickel –

„den hat Sabrina so genannt, die hat einen an derselben Stelle und streitet trotzdem vehement ab, sie hätte mich damit angesteckt, weil ich von ihrer Gabel gegessen habe.“

Kalle strafft sich merklich. Er mag es nicht, wenn ich über andere gastronomische Erfahrungen rede, obwohl er sich eigentlich immer dafür interessiert, was die Konkurrenz so macht, „die schlafen nie, die Brüder, rischtije Kunden sind dit, denken, weilse Finger Food und dit janze Nju-Ag-Zoigs machen, sindse wat Besseret als wie wir Dönerbudentypen, aber da habense sich jeschnitten!“

Kalle echauffiert sich über das, was gemeinhin Szenegastronomie genannt wird und schafft es, Wörter wie Finger-Food so auszusprechen, wie Jack Sparrows schnieker Gegenspieler (nein, nicht Orlando Bloom. Der Andere.) dessen Hut angefasst hat: mit sehr, sehr spitzen Fingern.
Ich weiß schon, gleich wird er wieder den Artikel aus der Schublade kramen, der angeblich bestätigt, dass ne ordentliche Currywurst mit Pommemayo das allgemeine Krebsrisiko um ein Erhebliches senkt, wenn – ja, wenn die bösen Akrylamide nicht wären:

„Na, aber die jibbet bei mir gor nischt. Haste schon mal jesehn, dass icke irjendwatt zu lange brate? Oder das it mir anbrennt? Ne, wa?“

Ich schüttele pflichtschuldig mit dem Kopf und schätze mein Risiko, an Krebs durch Akrylamide zu sterben, ungleich geringer ein, als den frühen Herzinfarkt aufgrund akuter Verfettung der Arterien.

„Aber wieso siehste nu aus wie der Tod uff Latschen?“

Ich versuche, Kalle das Prinzip unserer Firmengleitzeit zu erläutern, und dass es insbesondere bei den Technikern eine Organisation um die Veranstaltungen herum gibt, sodass die rund um die Uhr betreut werden können. Dass wir gerade die meisten Aufträge im Jahr haben und dass ich deswegen manchmal spät nachts, manchmal früh morgens, und manchmal auch ganze Tage dort bin, was dem Biorhythmus ein wenig zu schaffen, ansonsten aber Spaß macht.

„Nebenbei geschehen dann auch so Dinge wie heute, dass ich erst eine Veranstaltung aufbaue und vorbereite, dann abzische, ein kleines Mützchen Schlaf nehme und eine Freundin aus Neuseeland treffe, die gerade mit ihrer Schwester durch Europa reist. Die habe ich seit sieben Jahren nicht gesehen, und trotzdem ist es so, als sei keine Zeit vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben, toll oder?“

„Sieben Jahre? Dit is ne lange Zeit. Habt ihr euch denn überhaupt wiedererkannt?“

„Ja, das ist kein Problem. Ich glaube, ich werde auch mit Vierzig so aussehen wie heute, und Amy hat ja vor nem Jahr ein aktuelles Photo geschickt. Das mit dem Englisch ist schon ne andere Sache, weil ich durch die ganzen amerikanischen Filme und Serien mittlerweile nen amerikanischen Akzent habe.“

„Naja, und bald musste och mal so rischtisch berlinern, du sprichst ja immer noch wie een Fischkopp!“

„Ach, und ich glaube, das behalte ich auch bei, wa?“ entgegne ich ihm. Spreche ja erst, wenn ich mir einer Sprache recht sicher bin, und den berliner Dialekt beherrsche ich (noch) nicht so sehr, um ihn zu übernehmen. Sächseln finde ich allerdings recht unterhaltsam:

„Weißte was `Das ist nischt nähernd`bedeutet?“

„Ja na klar weeß ick dat. Dit bedeutet, dass dich ne Sache nischt zufriedenstellt, die nährt disch also nischt. Is ja voll eenfach.“

„Und warum habe ich dann noch keinen Döner?“

„Weilde noch nach keenem Döner jefracht hattest. Außerdem dachte ick, du wärst schon satt.“

Stimmt eigentlich auch. Müde auch, und zusehens flacht das Gespräch ab, bis wir bei Allgemeinplätzen und dem Wetter sind, bis Kalle vor sich hin sinniert:

„Weeßte, was och mal een cooler Bandname wär?“

Ich schüttele mein Haar, schüttele mein Haupthaar für ihn: „Nein. Welcher denn?“

„Na, is doch total eenfach. Great in Britain. Und die machen dann Britpop. Super, oder?“

Ich will gar nicht wissen, wie er darauf gekommen ist und so pflichte ich ihm bei und lasse es dabei bewenden.

Habe ich eigentlich schon nen Tannenbaum?

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Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
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