Döner – Kalle (33)

döner-kalle(Un)gemütlich 

Es ist grau und ungemütlich – oder sollte es eigentlich sein. In Wirklichkeit ist es eher grau-rosa, weil die Lichtemissionen dieser Stadt so groß sind, dass der Himmel niemals wirklich schwarz ist.
Und somit bei Bedarf auch nicht wirklich grau.
Ungemütlich ist es aber auf jeden Fall, vor allem weil sich die Luftfeuchtigkeit nicht wirklich entscheiden kann, ob sie nun ein besonders überzeugter und motivierter Nebel sein will oder eher ein Nieseln oder vielleicht gar ein ordentlicher Schauer.

Nen ordentlichen Schauer würde ein gewisser Exilbremer sehr begrüßen, auch wenn er grad auf des Schusters Rappen unterwegs ist und dabei auf eine wohlbekannte und oft frequentierte Dönerbude zusteuert.

„Dann hätten wir mal ordentliche Verhältnisse hier“, denkt er verdrießlich, „und nicht so nen unentschiedenen Mistkram.“
Weil, er weiß nicht, ob er laufen oder gehen soll, und nur zu laufen, um einem unentschlossenen Gewaber zu entkommen, dass dann doch zu nem Nebel wird, das will er nicht. Im Nebel läuft man schließlich nicht. Wohin auch?
Immerhin kann er seinen Mantelkragen hochmachen, das ist dann doch unabhängig von Nebel oder Regen, findet er.

Dingeling.

Er lässt die Ungemütlichkeit hinter sich und durchtritt die Tür, hinein in ein Stückchen nach Frittierfett und Dönergewürzen riechende Geborgenheit. Die Hände rubbelnd, die sind nämlich immer kalt. Winters wie Sommers, aber im letzteren Fall fiele das nie auf, weil ja im Sommer alles andere warm ist, da passen sich die Hände ein bisschen an.
Wenn er auf die Händflächen drückt, dann kann er Muster machen, so lange braucht das Blut, um wieder hinein zu fließen.
Er findet das unterhaltsam und fragt sich, was mit seinen Händen passierte, würde er rauchen.

Der Dönermann hat bestimmt kein Problem mit kalten Händen, es sei denn, er macht gerade die Salate. Die werden immerhin frisch zubereitet, und direkt aus dem Kühlhaus und mit dem ganzen Wasser und allem… der Exilbremer schüttelt sich innerlich, hat er doch selber in einer Küche gearbeitet und Salate geschnibbelt, manchmal tat das dann weh, weil es so kalt an den Fingern war.

Dingeling.

Das Klingeln der Glocker bringt ihn ein kleines Stückchen zurück in die Wirklichkeit, und der Exilbremer erinnert sich an einige der höheren sozialen Funktionen, die ihm das Leben beigebracht hat:

„Hey Kalle. Scheißwetter heute, was?“

„Hey, hallo. Dich habbick ja schon lange nich mehr jesehn, und Recht haste. Keen Mensch is unterwechs in sonner Brühe, und wenn doch, dann wollense alle nur schnell inne Bahn oda nach Hause. Wie jehts? Döner?“

„Ach, ich kann nicht lauter klagen, und ja, gerne. Machst du das Brötchen ein bisschen kross?“

Kalle ist hocherfreut ob der Antwort, sagt den versprochenen Krossheitgrad des Brötchens zu und macht sich an die Arbeit, die alsbald in einem Erzeugnis höchster Handwerkskunst münden wird. Der Exilbremer war schon immer fasziniert ob der Fingerfertigkeit, mit der diese Dönerleute ihre Produkte fertigen – schließlich hat er auch Gitarre gelernt, um seinen motorischen Fähigkeiten einen kleinen Kick zu geben.

„Aber wie ick höre, biste ja goarnischt mal so schlecht uff der alten Klampfe, wa? Spielste jetzt nicht ab und zu mit een paar anderen Leuten im Orwo?“

„Ja, das stimmt. Jeden Samstag, das macht richtig Spaß, auch wenn es ohne Ende anstrengend ist. Letztens haben wir aus Spaß „Junge“ von den Ärzten gecovert, das hat auf Anhieb geklappt und war puppenlustig. Weil ich den Song ganz gerne mag und der nen fetten Gitarrensound hat, den ich so leider noch nicht hinkriege.“

„Ach, die Ärzte. Ham die jetzt nischt een neuet Album jemacht?“

„Ja, haben sie.“ Unauffällig wird der Döner samt guten Wünschen über den Tresen gereicht.

„Weißt du, das ganze Ding ist in einer Pizzaschachtel, und die CD sieht auch aus, wie eine Mini-Mini-Pizza. Wobei, die LP ist da cooler, die kommt ja wenigstens auf Pizzagröße und da ist es nicht aufgedruckt, sondern das ganze Vinyl ist bunt und sieht aus wie ne Pizza.“

„Dit is ja mal klasse!“ Kalle ist ernsthaft begeistert. „Sowat finde ick toll, wenn dit Produkt liebevoll und kreativ jemacht wird, da löst man doch dit Problem mit den Raubkopien von janz alleene. Haste dir dat schon jekooft?“

Diese Frage muss der Exilbremer verneinen.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Musik auch so toll finde. Schon auf Geräusch waren ein paar Sachen, die waren toll, und ein paar andere Sachen, die waren eher – halbgar. Und bei diesem Album habe ich Angst, dass es ähnlich sein wird, aber ich denke, ich werds mir holen, wenn die LP günstiger zu haben ist.“

„Ooch okay. Ist der Döner jut?“

Der Exilbremer nickt eifrig.

Mehr gibt es so wirklich gerade nicht zu sagen. Es entsteht eine nicht unangenehme Stille, und der Dönermann und der Exilbremer beobachten aus ihrer urigen Gemütlichkeit heraus, wie aus dem Gewaber langsam Fäden werden, und es zu nieseln beginnt, begleitet von imaginären, gestrichenen Cellos, die eine traurige Melodie spielen, ganz langsam und leise.

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Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
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