Am Strand

Ein Strand, mitten im Nirgendwo.

Wellen branden gegen die unberührte Natur, und ginge der Strand nicht irgendwann in bewachsenes Hinterland über, könnte man der Vermutung erliegen, die Welt bestünde nur aus diesem Strand, dem Meer und den vereinzelt auftretenden Felsen.

Selten zerreißt ein Möwenschrei das ewige Rauschen aus Meer und Wind, gefettete Federn in salziger Luft.

Die Sonne wird gleich untergehen; ihr weißlich-helles Tageslicht weicht langsam einem Orangeton, der später in Rot übergehen wird.  Ihre Strahlen werden hier und dort vom Wasser reflektiert, Lichtreflexe, die scheinbar über das Wasser tanzen.

Genau an der Brandungslinie, dort, wo die Wellen im Sande verlaufen und nichts als ihre zerfallende Schaumkrone hinterlassen, hockt eine Gestalt.

Sie verharrt regungslos, geschützt durch einen weiten schwarzen Umhang und scheint in den Sonnenuntergang zu starren. Nur der Wind sorgt dafür, dass der Umhang sich manchmal in wildem Zausen verwirft, wieder glättet und manchmal den Eindruck erweckt, sich von seinem Besitzer lösen zu wollen. Die Person verharrt regungslos.

Hinter der Person steht ein gewaltiges schwarzes Pferd, dass – wenngleich nicht regungslos – dann doch sehr, sehr still dasteht. Es scheint abzuwarten, während es ruhig im spärlichen Gras frisst. Manchmal hält es kurz inne, schaut zu der beumhangten Person, ganz so, als wolle es sich vergewissern, dass sie noch dort sitzt, senkt wieder den Kopf und grast in aller Ruhe weiter. Es verfolgt dabei seinen eigenen Rhythmus, kein Rufen der Möwen, kein plötzliches Aufbrausen des Windes stören es dabei.

Genau so, wie das Pferd, ist die Person um Umhang scheinbar unbeeinflusst von der Umgebung. Etwa jede siebte Welle ist größer als die anderen, schiebt die Brandungslinie ein kleines Stückchen nach oben, trägt ein kleines bisschen mehr Sand ab, als die anderen, berührt sogar manchmal den Umhang, doch das interessiert die Person nicht. Der Wind reißt förmlich am Umhang, schneidet, wirft Sand auf, doch das interessiert die Person nicht.

Sie schaut weiterhin unverwandt auf die sich unweigerlich senkende Sonne; bald ist es Nacht, und der Strand und das Meer einzig beleuchtet vom fahlen Licht der Sterne und des Mondes.

Der nächste Morgen kommt, und mit ihm die Jahrmillionen. Noch immer rauschen Meer und Wind, noch immer sitzt die Person am Strand, hat sich nicht gerührt. Noch immer  grast das Pferd. Die Zeit scheint unbedeutend, es zählt einzig das Jetzt.

Die Person denkt eine Menge Gedanken, verliert sich in ihnen. Sie denkt zurück an Vergangenes, an Kommendes und an das, was ist. Es gibt eine Menge zu tun, doch erst zur rechten Zeit. Zeit ist unbedeutend, wenn man über sie gebietet.

So vergehen Ewigkeiten, und nach einem Seufzer, der ein ganzes Menschenleben andauert, steht die Person auf und steigt auf das freudig wartende Pferd.

Man hat den Tod noch nie weinen gesehen. Aber er sitzt oft an diesem Strand.

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