Die Schreibmaschine

Anmerkung: Der nachfolgende Text ist mit zehn Seiten für einen Blogeintrag eigentlich viel, viel zu lang. Allen, die wie ich Probleme damit haben, Texte vom Bildschirm zu genießen, empfehle ich die pdf, um sich eine analoge Variante auszudrucken. Das hat auch den Vorteil, dass man die Geschichte – sollte sie gefallen – zusammengefaltet im Portemonnaie mitnehmen kann, sie Freunden zeigen kann, mit ihr arbeiten kann… und so weiter – der Text unterliegt der Creative-Commons-Lizenz by-nc-sa 3.0 – und jetzt viel Spaß!

Es war ein schöner Sonntagmittag – die Sonne schien, in den Büschen vor dem Haus stritten sich die Vögel um eigentlich im Überfluss vorhandene Nahrung, und – wie Tabea Helz zu ihrem Verdruss feststellte – auch im kleinen Cafè unter ihrer Wohnung wurde bereits wieder frenetisch gefeiert. Nicht, dass das nächtliche Feiern bis in die frühen Morgenstunden nicht schon lange ausgereicht hätte, um ihren ohnehin schon kleinen Toleranzbogen Schlagern gegenüber vollends zu überspannen.

Sie hatte es im Guten versucht.
Denen im Café zu erklären versucht, dass es ausreichen würde, den Bass ein wenig herunterzudrehen.
Ihnen erklärt, wie man Schall abdämpfen kann – davon verstand sie etwas, schließlich arbeitete sie als Studiotechnikerin – doch all diese Maßnahmen waren eher kurzzeitiger Natur – spätestens ein Wochenende drauf wurde wieder wie eh und je gefeiert.

Da sie sich nicht ärgern lassen wollte und ohnehin vorhatte, die beinah sommerliche Frühlingsluft zu genießen, beschloss sie, über einen Flohmarkt zu gehen, der jeden Sonntag abgehalten wurde, ganz in der Nähe und mit einem Warenangebot, das ihr und ihrem Freund entgegenkam – Kleidung, Musik in Form von CDs und Schallplatten und allerlei kleinkram – was konnte es besseres geben, als über den Markt zu schlendern, dann in aller Ruhe irgendwo einen Latte Macchiato zu trinken und den Gedanken an den sich nähernden Montag ganz weit davonzuschieben?

Steffen zu überreden würde eine Herausforderung werden, aber einerlei, ob er nun mitkommen wollte, würde sie auf jeden Fall gehen, und so machte sie sich fertig, sommerlicher Rock, eines ihrer Lieblings-Band-T-Shirts, die Haare mit einem Had hochgebunden – und ihre John-Lennon-Sonnenbrille, natürlich. Steffen zog sie immer deswegen auf, aber dann widerum hatte er ein Faible für sonderbare Kopftücher, die ihm, nunja, nicht immer so gut standen, wie er es sich vielleicht vorstellte.

Und so klopfte sie an der Tür zur Kammer und trat ohne weiteres Zögern ein.
Steffen und sie hatten sich drauf geeinigt, dass das schon in Ordnung sei, denn wenn er sich auf seine Arbeit konzentrierte, konnte er manchmal so sehr in seine eigenen Gedanken versinken, dass er nichts mehr um sich herum wahrnahm.
Das hatte insbesondere in den ersten Monaten ihrer Beziehung zu Spannungen geführt, weil Tabea sich vernachlässigt fühlte. Als Zugeständnis seinerseits an ihre Bedürfnisse – und auch, um sich selber nicht ständig zu vernachlässigen – hatte er sie dann dazu aufgefordert, in Zukunft einfach anzuklopfen und gleich einzutreten.

Was in jenem Augenblick geschehen war. Wie erwartet, trug er seine großen Kopfhörer und starrte auf ein weißes Blatt Papier, bis auf die Überschrift „History of the Wakemen“ größtenteils leer. Er schien sich Notizen gemacht zu haben, die in loser Assoziation mit der Überschrift zu tun hatten. Tabea wusste in groben Zügen, was sich hinter der Überschrift verbarg. Die „Wakemen“ beschäftigten Steffen nun schon mehrere Wochen. Die auf einem Alptraum basierende Geschichte sollte sein erster Ausflug in die Science-Fiction werden, aber er tat sich unerwartet schwer damit, die in ihren Grundzügen völlig klare und recht einfache Geschichte in einen ihr angemessenen Textumhang zu kleiden. Gleichzeitig fesselte sie ihn so sehr, dass es kaum anderes aufs Blatt brachte. Seine Artikel für eine kleine Musikzeitschrift litten merklich darunter.

Als Studiotechnikerin kannte Tabea sich mit dem Writers Block aus und wusste, dass ein simpler Spaziergang manchmal Wunder bewirken konnte. Viele Bands, die ihre Alben noch nicht vollständig geschrieben hatten und sich allein durch die Anwesenheit im Studio Großes erhofften, mussten im Verlauf der holprigen Aufnahmen feststellen, dass man Kreativität nicht erzwingen konnte, erst recht nicht unter Leistungsdruck und wenn jede Stunde der Blockade die ohnehin schon teuren Aufnahmen weiter verteuern würde. Sie empfahl dann den Songwritern der Zukunft, doch mal eine Runde um den Block zu drehen, das würde vielen helfen. Und wenn nicht, dann würde man wenigstens seinem Körper etwas Gutes tun, nicht wahr?

Sie hatten am Vorabend noch darüber gesprochen, dass Tabea zum Flohmarkt wollte, und Steffen hatte zumindest nicht kategorisch abgelehnt, mitzukommen.

So ging sie jetzt mit federnden Schritten auf ihren Freund zu, der seine Kopfhörer abnahm, da ihm irgendein archaischer sechster Sinn gesagt hatte, dass jemand sich im Raum befand – vermutlich nur eine Änderung im Luftdruck, eine Spiegelung im Fenster, ihr Duft – irgendwas hatte es ihm verraten. Tabea stellte sich hinter ihn, legte ihre Arme über seine Schultern auf seine Brust und gab ihm einen Kuss auf die stoppelige Wange. Rasieren könnte er sich auch mal wieder…

„Kommst du mit?“ fragte sie ihn und inspizierte das Blatt. Er hatte drei Anfänge geschrieben und wieder verworfen, der Vierte war anscheinend schon am ersten Wort gescheitert. Sie blickte durch das grün von Bäumen gerahmte Fenster und drehte sich unwillkürlich zu den Schatten, die an der Wand ein abwechslungsreiches Spiel boten.

Die Kammer. Kein Wunder, dass Steffen sich die kleine Nische am Ende des Flures, die tatsächlich einmal eine Speisekammer gewesen war, zu Nutzen machte, um zu schreiben. Er sagte, die Schatten an der Wand würden ihn wunderbar inspirieren und dass er sich hier am besten konzentrieren könne. Manchmal behauptete er, der Raum hätte etwas Mythisches – doch das war vermutlich jeder Raum, wenn man ihn mitten in der Nacht benutzte, um zu schreiben.
Hier konnte er völlig abgeschieden arbeiten, hatte aber durch das kleine Fenster, durch das manchmal Sprachfetzen drangen, noch immer Kontakt zur Welt.
Um den Raum nicht ganz so klaustrophob zu gestalten, hatten sie einen Wanddurchbruch zum benachbarten Zimmer gemacht, welches andere Paare in ihrem Alter als Kinderzimmer in spe im Auge haben würden, doch dahingehend wollten sie beide sich noch reichlich Zeit lassen.
Anstelle von Kinderspielzeug befanden sich Figuren der Fernsehserie „Die Simpsons“ auf der Fensterbank, aus Überraschungseiern gesammelt. Marge, die strenge Mutter, lag als einzige Figur, Gesicht nach unten. Scherzweise hatte Steffen einmal behauptet, sich von ihr kritisch beäugt zu fühlen, woraufhin Tabea sich belustigt darüber aufgeregt hatte, dass sie eine Konkurrentin hatte.
Maggie hingegen saß auf der Tastatur, hingebungsvoll an ihrem geliebten Schnuller lutschend.

Er blickte missmutig auf das Blatt, dann in ihre Augen: „Ach, ich weiß nicht. Ich wäre eh in Gedanken bei der Geschichte, und wenn ich mich nur noch ein bisschen mehr konzentriere, dann kann ich vielleicht noch was draus machen…“

Tabea schaute ihn mit einem Blick an, der mühelos seine Ausredenkonstruktion durchdrang. Sie kannte das, manchmal war er zu nichts zu gebrauchen, so antriebslos und missmutig war er, wenn er in seinem kreativen Schaffen nicht weiterkam.

Steffen schaute missmutig auf das beinah leere Blatt Papier: „Na gut, vielleicht hast du Recht. Meistens ist der Flohmarkt ja ganz lustig, Leute gucken und so…“

Und so gingen sie beide los, um etwas zu erleben, was ein schöner Sonntag und ein würdiger Abschluss der Woche werden sollte. Sie schlenderten über den Flohmarkt, der wie immer einen quadratischen Platz in der Nähe säumte. Samstags war hier Wochenmarkt, doch am Sonntag übernahmen die Plattenverkäufer und Plattenverkäuferinnen, Crépe-BäckerInnen und „Klamottenfuzzis“ – so hatten die beiden jene Gestalten genannt, die scheinbar ohne irgendwie geartete Ordnung Kleidung verkauften – und Straßenkünstler das Revier.

Steffen konnte einige ungeordnete Inspirationen sammeln – er hatte die Idee zu einer kleinen Horrorgeschichte, die er bewusst kurz halten wollte, um sie später in seinem Blog veröffentlichen zu können, und zusätzlich nahm er sich vor, in dem Musikmagazin, für das er hauptberuflich schrieb, ein kleines Dossier über den Big Beat zu schreiben – doch als er nächtens vor dem bedrohlich weißen Blatt saß, fehlte ihm trotz der bunten Erinnerungen an das Konzert, was die beiden sich am Abend angeschaut hatten, jeglicher Schimmer, wie um alles in der Welt er mit seinen Wakemen beginnen sollte, und das frustrierte ihn.

Immerhin konnte er die Kurzgeschichte umsetzen und mit dem Dossier beginnen, was ihn zumindest ein kleines bisschen besänftigte.

Die Tage plätscherten dahin. Tabea hatte viel im Studio zu tun; Steffen wurde nach seinem Dossier mit einer „möglichst ausgiebigen, erschöpfenden, vielseitigen, aber nicht mehr als zehn Seiten langen“ Zusammenfassung der kommenden Festivalsaison betraut, und diese Zusammenfassung wollte er möglichst gut machen. Der Entwurf für die „Wakemen“ rutschte nun also auf dem ohnehin völlig überfüllten Schreibtisch nach unten – und geriet unter Festivalkalendern, Bierflaschen, Gläsern, Kopien anderer Zusammenfassungen von Kollegen aus den Vorjahren, einer Unmenge CDs und dem obligatorischen Pizzakarton – völlig in Vergessenheit.
Die Kurzgeschichte und das Dossier bekamen überwiegend gute Resonanz von den Lesern, was ihm Mut machte und ihn – als er wieder etwas mehr Freizeit zur Verfügung hatte – das leere Blatt mit der drohenden Überschrift herausholen ließ.

History of the Wakemen“ – das klang so einfach. Die „Wakemen“ sollten genetisch modifizierte Wesen sein, die – natürlich – anfingen, die „normalen“ Menschen zu bekämpfen, als deren Verbesserung sie ja einst geschaffen worden waren, aber natürlich hatten die Wissenschaftler nicht an Spätfolgen gedacht.
Soweit der recht einfach gestrickte Plot. Steffen hatte die gesamte Geschichte fertig in seinem Kopf, aber er konnte sie nicht zu Papier bringen.

Tabea schlug vor, doch am nächsten Tag wieder einmal einen Flohmarkt zu besuchen, diesmal einen in einem anderen Stadtteil, der größer war, und Steffen willigte ein.

So schlenderten sie abermals bei Kaiserwetter über den steinigen Platz, auf dem sich Stand an Stand drängte. Selbstbedruckte T-Shirts lagen neben kistenweise in der Sonne stehenden Schallplatten (bei dem Gedanken wurde Tabea immer ganz „kotterig um die Leber“ – ein Ausdruck, den sie aus einem Theaterstück aufgeschnappt hatte und den sie lustig fand – aber man machte so etwas einfach nicht mit Schallplatten), und auch die obligatorischen Antiquitäten – oder das, was die Menschen dafür hielten – durften nicht fehlen.

Während Tabea gerade mit einem CD-Verkäufer über verschiedene Mastering-Techniken fachsimpelte, testete Steffen intensiv den Fußballtisch einige Stände weiter:“ Schau mal“, führte er Tabea überschwenglich in die Thematik ein, als sie schließlich ihr Gespräch beendet hatte, „meinst du nicht, dass der Kicker unsere Wohnung aufwerten würde?“ Tabea musste unwillkürlich lächeln. So voller kindlicher Begeisterung hatte sie Steffen in letzter Zeit selten gesehen, und es tat so verdammt gut, denn sie fühlte sich wieder an den Anfang der Beziehung zurückversetzt, als alles noch neu und aufregend gewesen war.
„Naja, ein neuer Anstrich würde es auch tun…“ neckte sie ihn und genoß seine halbernste Empörung, „ich meine, wo sollte der denn hin?“ – in der Tat war die Wohnung auch ohne Kicker schon recht klein und eng.

Steffen hockte unter dem Tisch und inspizierte ein Detail: „Wir könnten doch den einen Schrank um Flur rauswerfen, weißt du, den mit den Klamotten, die wir eh nicht mehr brauchen. Und dann…“

Er stockte.

Hielt inne.

Schaute jetzt am Kickertisch vorbei, als er sich wieder aufrichtete und ging auf den Stand zu. Tabea wunderte sich ein wenig, aber Steffen ließ sich manchmal recht leicht ablenken, das war normal.

„Und dann… hey, schau dir mal diese Schönheit an!“ Tabea schaute in die von Steffen angegebene Richtung und erblickte eine uralte Schreibmaschine der Marke „Stoewer Record“, die mit den münzförmigen Ornamenten auf dem schwarzen Lack richtig edel ausgesehen hätte, befände sie sich nicht in einem solch bedauernswerten Zustand fortschreitenden Verfalls. Stellenweise blätterte der Lack ab, und einige Tasten fehlten. Soweit sie sehen konnte, waren aber die Lettern noch vorhanden, und darauf kam es ja an, nicht wahr?
Steffen war völlig fasziniert von der Maschine und hatte den Kicker schon längst vergessen. Tabea kannte das; in der Hinsicht war er ein wenig spleenig. Es gab Texte, die schrieb Steffen am Computer – die fürs Magazin oder den Blog beispielsweise – dann wiederum gab es Dinge, die er ausschließlich mit der Hand schrieb. Er besaß bereits eine elektrische Schreibmaschine – auf der hatte er eine mittelmäßig erfolgreiche Kurzgeschichte geschrieben, und der Verlag hatte ihm das nachträgliche Einscannen und in-die-digitale-Form-Umwandeln im Nachhinein in Rechnung gestellt, doch Tabea, die ihre empfindlichen Antennen aufgestellt hatte, ahnte schon, dass sie dieses Stück mit nach Hause nehmen würden.

„… man munkelt, dass auf dieser Maschine schon Ernst Wiechert seine Texte geschrieben hat. Sehen sie diese Kerben an der Seite? Erich Wiechert war bekannt dafür, seine Schreibmaschinen dann zu markieren, wenn er einen Text besonders gut fand.“ – der Verkäufer war in voller Fahrt, und er machte seinen Job gut, fand Tabea. Dieses Gefasel um irgendwelche Schriftsteller, die diese Maschine schon besessen hatten. „Gib einem beliebigen Ding eine Geschichte, und es wird plötzlich wertvoll, zu etwas Besonderem.“, dachte sie, „Und mein Freund ist so blöde und fällt drauf rein, obwohl doch gerade er von der Macht des Wortes wissen sollte.“

Inzwischen näherte der Verkäufer sich siegesgewiss der Climax. Er senkte seine Stimme und schaute beide verschwörerisch an: „Und sehen sie diese Verfärbungen, die beinah wie Rost aussehen?“ – Tabea und Steffen schauten ihn erwartungsvoll an – „Nun, sie werden sicherlich überrascht sein zu hören, dass es kein Rost ist.“ Er machte eine Kunstpause und wartete auf seinen Einsatz. Das dauerte nicht lange: „Was dann?“ fragte Steffen.
„Es gibt das Gerücht, dass“, und der Verkäufer drehte sich verstohlen um, wie ein Ladendieb, „also, das Gerücht, dass diese Maschine verflucht sei. Sie soll demjenigen, der sie benutzt, zu großartigen Inspirationen verhelfen, aber auch Unglück bringen. Ernst Wiechert selber ist früh an Krebs gestorben.“
Tabea war skeptisch: „Aber das erklärt doch nicht die Flecken.“
„Zu denen wollte ich gerade kommen. Nach dem Tode Wiecherts ging diese Maschine durch mehrere Hände, und selten blieb sie lange bei einem Besitzer. Sehen sie, der letzte Besitzer soll ein Sportjournalist gewesen sein, der unmittelbar nach seiner besten Reportage seine Frau erschlagen haben soll, bevor er sich selber das Leben nahm. Diese Flecken sind ihr Blut!“

Während Steffen begeistert war, konnte Tabea mit ihrer Nichtbegeisterung kaum hinterm Zaun halten: „Na wie lecker. Wenigstens putzen können hätten Sie die Maschine ja.“ Ihr war völlig klar, dass Steffen sich kaum vom Kauf dieser Maschine würde abhalten lassen, nicht mit dieser Geschichte. Aber versuchen würde sie es trotzdem: „Na komm Steffen, wir wollen doch noch weiter.“

„Na warte mal, diese Schreibmaschine finde ich echt spannend. Ich habe irgendwie das Gefühl, die könnte mir mit den Wakemen helfen. Wieviel soll sie denn kosten?“

„Ach komm, das olle Ding? Du hast nen Laptop, auf dem du schreiben kannst!“

„Ja, aber diese Maschine ist was anderes. Oder hast du etwa Angst vor Gruselgeschichten?“

Das konnte sie sich nicht sagen lassen, obwohl ihr – wäre sie wirklich ehrlich zu sich selbst – schon ein wenig unwohl dabei zumute war, eine Schreibmaschine mit einer derartigen Geschichte – die natürlich frei erfunden war, soviel stand ja mal fest – ins Haus zu lassen.

Nach einigen Minuten hin und her zogen sie jedenfalls von dannen, Steffen stolzer Besitzer einer alten, sich trotzdem abgesehen der Verfallsspuren in verblüffend gutem Zustand befindenden Stoewer Record mit münzförmigen Verzierungen und Blutflecken an den Seiten – und um gerade mal um zwanzig Euro und dem Versprechen, Tabea das Abendessen auszugeben ärmer.

Nach dem Abendessen zog Steffen sich in die Kammer zurück, um die Schreibmaschine auszuprobieren. Das Farbband war tatsächlich, wie der Verkäufer gesagt hatte, noch brauchbar.

Kurze Zeit später feuerte er wahre Maschinengewehrsalven auf die ehemals so bedrohlich weißen Blätter, wie Tabea nebenan feststellen durfte, die gerade mit Indinana Jones auf der Suche nach dem Heiligen Gral war.
So positiv überrascht sie über Steffens Schaffensdrang war, bedauerte sie es doch, dass er sich nicht auf dem Laptop auslebte, während sie den Fernseher ein kleines bisschen lauter stellte.

Später wünschte sie einem freudestrahlendem Steffen eine gute Nacht und nötigte ihm förmlich das Versprechen ab, doch gleich ins Bett nachzukommen, schließlich müssten am nächsten Morgen beide früh raus.

Steffen platzte förmlich vor Selbstbewusstsein, als er schließlich spät, sehr spät ins Bett kam – so spät, dass Tabea schon am Einschlafen war – und ihr stolz das Bündel Papier präsentierte, welches die ersten Kapitel der Wakemen darstellte: „Schau dir das an! Ich habe an einem Abend mehr geschafft, als in dem ganzen Monat zuvor! Das liegt alles nur an der Schreibmaschine. Komm, küss mich!“ – Tabea las einige Seiten quer und gab ihm dann einen hingebungsvollen Kuss, den er leidenschaftlich, beinah hungrig beantwortete.

Als sie miteinander schliefen, war es fast so aufregend wie beim ersten Mal, dass sie miteinander geschlafen hatten. Neugierig und ungestüm erforschte Steffen sie, vergessen geglaubte Libido wieder aufgeweckt.
Es war wundervoll.

Die folgenden Tage waren angefüllt von emsiger Tipparbeit. Der Kauf der Schreibmaschine schien Steffen regelrecht zu beflügeln; nicht nur, dass er mit den Wakemen enorme Fortschritte machte, einige seiner Ideen wurden auch beim Magazin wohlwollend zur Kenntnis genommen. Auch im Bett lief es wunderbar, so gut, wie schon lange nicht mehr. Steffen schien förmlich zu platzen vor Energie:

„Schau dir das an, zwanzig Seiten an einem Wochenende! Nicht mehr lange, und ich kann die verdammten Wakemen endlich beiseite legen. Ich habe sogar schon eine Idee für eine neue Geschichte.“

Tabea freute sich: „Was für eine neue Geschichte denn?“

„Das kann ich dir noch nicht sagen. Aber sie wird alles, was ich bisher gemacht habe, in den Schatten stellen. Aber jetzt will ich weiterschreiben.“ Er gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Tabea seufzte leise. Das war wohl ihr Los, wenn Steffen kreativ war: flüchtige Küsse auf die Wange und das ständige Tippen. Naja, sie war ohnehin mit einer Freundin verabredet, da konnte es ihr ja nur recht sein, dass Steffen sich allein beschäftigte.

Als sie recht spät und angemessen beschwipst nach Hause kam – sie waren spontan auf einem Konzert gewesen – und vor dem Haus stand, sah sie, dass in der Kammer noch immer Licht brannte. Ungläubig lächelnd schüttelte sie den Kopf und öffnete die Tür.

Schon auf dem Flur könnte sie die Lettern hämmern hören. Wieviel Energie besaß dieser Mann?!?

„Kommst du gleich mit ins Bett?“ – Tabea war ebenso flüchtig begrüßt wie verabschiedet worden und vermutete nicht ganz zu Unrecht, die Antwort bereits zu kennen. Aber man versucht es ja trotzdem, nicht wahr?

„Klar, ich will hier nur eben noch zwei, drei Ideen einbauen und ein Kapitel fertigschreiben. Wie wars?“

„Ganz gut, wir waren spontan auf nem Konzert! Also, die Vorband war ganz witzig, und als dann…“ sie brach ab, weil er schon längst weitergetippt hatte und sie anscheinend nicht mehr wahrnahm.

Schriftsteller, dachte sie, zu nichts zu gebrauchen, wenn sie im Workflow sind.

An diesem Abend war sie schon eingeschlafen, als Steffen spät – sehr spät – ins Bett gekrochen kam.
Noch in seinen Träumen schien er sich unentwegt mit seinen Geschichten auseinanderzusetzen.

Auch sein Verhalten bei Tage wurde zunehmend obsessiver. Es geschah, dass er Verabredungen vergaß, Mahlzeiten ausließ oder sich tagelang nicht rasierte. An und für sich hielt Tabea dies für das ganz normale verantwortungslos-männliche Schriftstellerverhaltensmuster, aber nicht nur, als sie zum wiederholten Male allein auf den Flohmarkt ging, weil er „nur noch ein paar Ideen einbauen“ wollte, begann sie, sich vernachlässigt zu fühlen.

Irgendwann, als sie ihn tagelang nicht zu Gesicht bekommen hatte, weil er immerzu am Tippen war und sich selber kaum noch Pausen gönnte, stellte sie ihn zur Rede, erklärte ihm, dass sie respektiere, wenn er seine Kreativität ausleben wollte – sie freue sich ja auch, wenn er mit seiner Arbeit vorankomme – aber ob er es denn nicht für möglich erachte, sich mal wieder ein wenig mit ihr auseinanderzusetzen. Er reagierte – für ihn untypisch – recht aggressiv:

“ Was soll denn das jetzt? Willst du mir meine Arbeit verbieten? Ist das jetzt wieder dasselbe wie damals? Ich stehe so kurz davor, meinen ersten Roman zu vollenden, der vielleicht mal was wird, der vielleicht mal mein Durchbruch ist, und dann willst du dich immerzu mit mir auseinandersetzen?“

Er sah, dass er Tabea ungerecht behandelt hatte, hielt kurz inne und dachte über die Situation nach: „Naja, ich schätze, du hast recht. Ich habs ein bisschen übertrieben in letzter Zeit. Du weißt ja, wie das bei einem Künstler sein kann. Was hältst du von einem Kompromiss? Ich denke mal, spätestens am Wochenende bin ich mit den Wakemen durch. Dann gehen wir wieder gemeinsam auf den Flohmarkt, das tust du doch so gerne. Okay?“

Tabea willigte ein, nicht ohne sich trotzdem weiterhin Sorgen zu machen. Es war nicht nur Steffens Aggressivität und Besessenheit – ja, wahrhaftig Besessenheit – die ihr zu schaffen machten, aber sie hatte das Gefühl, dass die Schreiberei Steffen zunehmend auszehrte. Für jede Idee, die er hatte, mit jedem Kapitel, das er schrieb, schien er dünner und ausgemergelter zu werden und sich weiter von ihr, von der Welt im Allgemeinen, zu entfernen.

Am Sonntag war es recht nett. Er war tatsächlich mitgekommen, aber weil er noch nicht richtig fertig war mit seinem Roman, konnte er sich nicht wirklich auf das Treiben auf dem Marktplatz einlassen und schweifte immerzu ab. Kaum wieder zuhause, schrieb er weiter.

Irgendwann war es sogar so weit, dass er die Arbeit im Magazin aufgeben musste. Die kreative Arbeit, die in den Wakemen steckte, schien ihren Tribut zu zollen. Anfangs noch beflügelt durch den Fortschritt, waren auch seine Artikel pointierter und beschwingter, doch in letzter Zeit hatte er wiederholt mit dem Chefredakteur zusammengesessen, weil er oft unfokussiert dahinbrabbelte und sich selten wirklich auf seine Kernthemen zu konzentrieren schien.
Sie waren übereingekommen, ein Zwischending aus Urlaub und Suspension zu kombinieren „Hast du private Probleme? Ist alles okay mit der Familie? Vielleicht haben wir dir auch zu viel aufgehalst in letzter Zeit. Ich glaube, du brauchst einfach mal ne Pause.“, bis es Steffen wieder besser ging.
Und das angesprochene Suspekt war schnurstracks nach Hause gegangen, ein linkisches Lächeln auf den Lippen, hatte sich an seinen Schreibtisch gesetzt und ein neues Blatt in die Maschine gespannt.

Irgendwann – Tabea hatte insgeheim schon gar nicht mehr damit gerechnet – hatte er es tatsächlich vollendet. Er überreichte ihr das Manuskript mit stolzgeschwellter Brust und allerbester – wenn auch erschöpfter – Laune, stieß mit ihr gemeinsam an und legte sich „nur ein bisschen hin“, während Tabea das Manuskript las.
Es wurden vierzehn Stunden Schlaf, so tief, dass Tabea mehrmals besorgt horchte, ob er überhaupt noch lebte. Als er erwachte, schien er wie leergepuzt zu sein, frisch und unverbraucht.

Augenringe hatte er trotzdem noch.

Im Anschluss schien sich das Leben wieder zu normalisieren. Tabea hatte das Manuskript gelesen und es für sehr, sehr gut befunden – neben einigen kleineren Verbesserungen, die allerdings eher kosmetischer Natur waren, und in der folgenden Woche setzte Steffen sich nicht einmal in die Kammer.

Sie unternahmen einige gemeinsame Aktivitäten, und Tabea war insgeheim sehr glücklich darüber, beim abendlichen Cocktailtrinken mit Freunden nicht die zur Gewohnheit gewordenen Entschuldigungen präsentieren zu müssen, sondern ihren Freund leibhaftig und lebendig am Tisch sitzen zu haben.
Es ging beiden zusehends besser; auch die belasteten Banden ihrer Beziehung entspannten sich.

Doch als Tabea wieder diesen gehetzten, sich überschlagenen Blick wahrnahm, der auf erhöhten Schaffensdrang bei Steffen hinwies, wusste sie insgeheim, was ihnen beiden in naher Zukunft bevorstehen würde.

So dauerte es dann nicht lange, bis Steffen unruhig wurde. Tabea spürte, dass etwas in ihm brodelte und dass er sich über kurz oder lang wieder an die Maschine setzen würde. Ihm schien dabei selber nicht ganz wohl zu sein, doch je länger er sich ergebnislos an seinen Laptop setzte, umso missmutiger und unausgeglichener wurde er.

Schließlich stürtze Steffen sich in ein neues Projekt, zunächst zögerlich und beinah vorsichtig, aber es dauerte nicht lange, und er arbeitete noch emsiger als zuvor. Tabea bekam ihn abermals kaum zu Gesicht, wie schon bei den Wakemen.
Das Perfide an der Sache war, dass sie das Gefühl hatte, nicht wirklich von ihm gebraucht zu werden. Sie kam sich vor wie schmückendes Beiwerk, ein Dekoteil, das er sich zugelegt hatte, um die Wohnung lebendiger zu gestalten.
Als sie sich bei einer der seltenen Gelegenheiten, die sich noch boten, über ihre Beziehung unterhielten, brachte Tabea ihr Gefühl des Vernachlässigtwerdens abermals zur Sprache, doch wie schon zuvor verwies Steffen sie darauf, dass er seine Kreativität nutzen wollte, bevor es zum nächsten Block käme, und dass sie sich nicht so anstellen solle, schließlich habe sie seine Tätigkeit als Schreibmensch doch immer fasziniert, oder etwa nicht?

So arrangierte sich Tabea mit ihrer Enttäuschung und Einsamkeit, indem sie sich immer häufiger mit Freunden traf, die sie natürlich fragten, was denn mit Steffen sei, der war doch früher immer ein geselliger Typ, auch wenn er gerade an einem Projekt arbeitete.

Ihr blieben halbgare Entschuldigungen und Erklärungsversuche.

Eines allerdings war ihr aufgefallen, als sie beiläufig seine Entwürfe las: Steffens Texte wurden zunehmend abstrakter und schwerer zu verstehen. Manchmal erschien es ihr, als kombiniere er seine Ideen willkürlich, ohne sich besondere Mühe zu geben, einen Plot zu entwickeln. Dann wiederum hatte sie das Gefühl, es handele sich um Skizzen, und manche Dinge sahen verschlüsselt aus, aber waren nur Gibberish:

„iGhiJ9 f85fkalfbc63m7jgd82hk0“ war auf einem Zettel zu lesen. Es sah aus, wie ein CD-Key oder ein Produktcode, aber Steffen hatte seit dem Kauf der Schreibmaschine keine digitalen Geräte mehr benutzt.

Andere Seiten waren voll mit einzelnen Wörtern, immerzu wiederholt. Unmittelbar danach konnten einzelne Kapitel folgen, die absolut wunderbar geschrieben waren, sehr ausdrucksstark, sehr poetisch – aber als sie den Teller mit dem unangerührten Essen vom Vor-Vortag sah, begann sie sich zu fragen, auf wessen Kosten dieser enorme Output eigentlich ging.

Steffen reagierte vermehrt unwirsch, wenn er sich mit ihr auseinandersetzen wollte, aber auch äußerlich ging es ihm zusehens schlechter; das Haar war lang und fettig, die Wangen fielen immer mehr ein, und er begann, unangenehm zu riechen.

Um es kurz zu machen: die Schreiberei – nein, eigentlich nur die Tipperei – machten Steffen fertig. Er konnte oder wollte das nicht sehen, und tat Tatjanas Sorgen als nebensächlich ab, machte ihr den Vorwurf nur eifersüchtig zu sein, „auf eine Schreibmaschine. Wie armselig ist denn das?“ und den Vorschlag, sie solle doch erst einmal für sich sorgen, bevor sie sich um sein Leben kümmerte.

Steffen kapselte sich zunehmend ab. An die Tür ging er schon lange nicht mehr; Telefonate waren selten und immer einsilbiger. Tabea war sich sicher, dass er nicht wusste, welchen Tag oder überhaupt welchen Monat sie hatten.

Steffen reagierte kaum noch auf Tabea, die in ihrer Verzweiflung einen der seltenen Momente, in denen er nicht in der Kammer war, um die Tür abzuschließen. Das würde ihn dazu nötigen, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

In der Tat machte ihn die abgeschlossene Tür so wütend, dass er Tabea beinahe zu Boden geschlagen hätte, um an den Schlüssel zu kommen. Er nahm der schreienden und sich verzweifelt wehrenden Frau den Schlüssel ab und stürmte in die Kammer, doch so schnell wollte Tabea nicht aufgeben. Er musste doch irgendwann wieder zur Vernunft kommen, er war doch ein so toller Freund gewesen, die ganze Zeit über, seit sie zusammen waren.

Sie stürmte ebenfalls in die Kammer, in der Steffen anscheinend schon auf sie gewartet hatte:

„Na komm schon, du Miststück! Willst dich doch nur zwischen mich und meine Kunst stellen. Warum? Weil du selber keine Kunst schaffen kannst? Du bist doch nur eifersüchtig!“

Das war Tabea zu viel. Sie stürmte auf Steffen zu und schlug auf seine Brust ein, ihn dabei Richtung Wand schiebend: „Von wegen eifersüchtig! Schau dich doch mal an! Tag und Nacht sitzt du und tippst, nicht mal zum Essen hast du Zeit! Hier! Der Teller mit dem Abendessen von Vorgestern. Nicht einmal angerührt! Schau dich doch mal im Spiegel an! Du hast über zehn Kilogramm abgenommen, wäschst dich nicht mehr, rasierst dich nicht mehr, schau doch mal, deine Augenringe. Kaum bist du wach, tippst du schon! Was ist mit den Artikeln, die du noch fürs Magazin schreiben musst? Willst du überhaupt jemals dorthin zurück?“ Ihre Stimme bebte vor Zorn, vor enttäuschter Liebe, vor Angst.

Doch Steffen war nicht bereit, den Tatsachen ins Auge zu sehen: „Ach was, drahtiger bin ich vielleicht geworden! Und das Magazin…das Magazin…die kommen doch auch ohne mich zurecht. Als hätten sie mir jemals auch nur ansatzweise meine Verdienste gewürdigt! Undankbares Pack, und du gehörst auch zu denen! Bist nicht zufrieden mit dem, was du hast!“

„Das stimmt doch überhaupt nicht! Ich bin – war – sehr zufrieden mit meinem Leben. Mit meinem Freund, der sich gerade wie ein großer Idiot benimmt! Komm doch mal zu dir! Siehst du nicht, was hier passiert?“ – Sie wich von ihm zurück und beschrieb mit ihrem linken Arm einen Bogen, der von Steffen über den Schreibtisch bis hin zum Papierkorb reichte. „Du lebst in einer Wahnwelt, einer Traumphantasie. Schau dir diese Blätter einmal an, da ist nichts mehr drauf, ausser wahllos aneinandergereihte Buchstaben!“ Sie hatte sich einen der Stapel gegriffen und ging Richtung Tür.

Steffen konnte das nicht auf sich sitzen lassen: „Du spinnst! Nur weil du nicht in der Lage bist, die Brillianz, das Geniale an meinem Schaffen zu erkennen. Das ist ein Meisterwerk!“

„Meisterwerk? Dass ich nicht lache, nichts als leeres Gebrabbel! Wer soll das denn lesen? Schau dir das an, das ist Nichts!“ Tabea hatte begonnen, die Blätter in kleine Stücke zu zerfetzen und auf den Boden zu werfen.

„Lass das!“ schrie Steffen, jetzt ausser sich vor Rage. Er stürzte auf Tabea zu, die die Zettel fallenließ und sich jetzt der Schreibmaschine näherte.

„Du hättest dieses Scheißding niemals kaufen dürfen! Es wird höchste Zeit, sie wieder loszuwerden!“

„Lass die Finger von ihr, du Schlampe!“

Doch Tabea war schon an der Maschine und hob das überraschend schwere Gerät hoch. Sie versuchte, Richtung Tür auszubrechen, doch Stefan hatte sie durchschaut und schnitt ihr den Weg ab. Er zog jetzt seinerseits an der Schreibmaschine, und nachdem er in einem wilden Gerangel die Oberhand gewonnen hatte, schleuderte er die Maschine in Richtung Tabeas Kopf – Tabea war so überrascht, dass sie keinerlei Chance hatte, dem Geschoss auszuweichen. Mit einem dumpfen Knacken traf die Maschine sie seitlich an der Schläfe; beide gingen zu Boden. In einem Zustand von Schock und Stasis schien Steffen sich zu fangen, doch seine Aufmerksamkeit galt nur der Maschine…

Tabea gab keinen Laut von sich; ob sie überhaupt noch lebte, wusste Steffen nicht, und um ehrlich zu sein, war es ihm auch egal.

Denn als er sie leblos auf dem Boden sah, Blut aus der Kopfwunde auf den Teppich sickernd, stürzte er auf sie zu, der Wahnsinn aus seinen leeren Augen blickend. Mechanisch nahm er die Schreibmaschine – Stoewer Record mit münzförmigen Verzierungen an den Seiten – und schlug auf Tabea ein, immer und immer wieder, bis von ihrem Kopf nicht viel mehr als eine klebrige, stückige, rote Masse übriggeblieben war. Das Blut hatte ihn von oben bis unten besudelt, sein Gesicht bespritzt, seine Kleidung versaut, aber das nahm er gar nicht mehr wahr. Ein sehr kleiner Teil in seinem Wesen, der noch immer Liebe gegenüber Tabea verspürte, schrie auf vor Schmerz und Trauer, doch Steffen selber war längst in einem Zustand, der vielleicht mit einem weißen Rauschen am besten beschrieben ist.
Er ging in die Küche, seine Augen, deren Sinnesreize schon gar nicht mehr vom Gehirn verarbeitet wurden, vor Tränen brennend, und nahm sich eines der großen Messer aus der Schublade.
Er ging zu den traurigen Überresten Tabeas und kniete nieder; das Messer so fest in beiden Händen, dass die Knöchel weiß hervortraten. Er richtete das Messer gegen seinen Brustkorb und stieß so fest zu, wie er konnte.

Steffen K., vielversprechender Buchautor, sank neben seiner ehemaligen Freundin Tabea und der Schreibmaschine Marke Stoewer Record zusammen, die leeren Augen auf irgendeine imaginäre Geschichte in der Ferne gerichtet …

Die Familien von Tabea und Steffen einigten sich in stillem Einvernehmen darauf, den Haushalt aufzulösen und ohne Ausnahme alles auf den Sperrmüll zu werfen. Sie holten alles aus der Wohnung heraus – Sofas, das Bett, den Schreibtisch von Steffen, die Küchenmöbel, den CD-Ständer, um einige Gegenstände zu nennen. Sie warfen dies alles auf einen großen Haufen vor der Tür; in den nächsten Tagen würde das Entsorgungsunternehmen sich drum kümmern.
Schon während sie alles auf die Straße brachten, fragten Passanten nach, ob sie dies oder jenes mitnehmen könnten. Warum auch nicht? Die Gegenstände hatten für niemanden mehr eine Bedeutung.

Den Schrottsammler allerdings, der in der Nacht vorbeikam und sich vorwiegend für die Gerätschaften aus Metall interessierte, bemerkte keiner.

Und so kam es einige Wochen später, an einem schönen, sonnigen Sonntagnachmittag, der wie dazu geschaffen war, herumzustromern und ein paar Schnäppchen mitzunehmen, irgendwo auf einem Flohmarkt, zu folgendem Verkaufsgespräch:

„… und sehen sie diese Verfärbungen, die beinah wie Rost aussehen? Nun, sie werden sicherlich überrascht sein, wenn ich ihnen sage, dass es sich nicht um Rost handelt, sondern vielmehr um Blut. Ja, sie haben richtig gehört, man munkelt, der letzte Besitzer habe seine Frau mit dieser Schreibmaschine erschlagen…“

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