Schrödingers Katze – III

“Wenn sich eine Katze in einem geschlossenem Behälter befindet, so kann sie entweder tot sein oder noch leben. Man erfährt es erst, wenn man nachsieht – das Öffnen des Behälters entscheidet über den Zustand der Katze. Es gibt jedoch eine weitere Zustandsform, die von Schrödinger übersehen wurde: lebendig, tot oder verdammt wütend.” – frei nach Terry Pratchett

Schrödingers Katze befand sich gerade im Sendezentrum des Österreichischen Rundfunks, wo sie während der Übertragung des Halbfinals zwischen Deutschland und der Türkei für allerlei Furore gesorgt hatte. Im Labor herrschte ein heilloses Durcheinander; einer der Techniker ist ziemlich wütend auf die Katze und versucht sie zu fangen. Gerade als er sie greifen will, macht sie einen gewaltigen Satz…

… und die Katze landete inmitten eines großen Pultes mit vielen bunten Knöpfen. Gerne hätte die Katze mit ihnen gespielt, aber ihr Instinkt ließ nur Informationen an ihr Bewusstsein, die ihr unmittelbar zur Flucht verhalfen. Der Kasten war ihr Ziel; hier war sie – zumindest vorübergehend – sicher.
Zwischen dem Kasten und der Katze befanden sich allerdings mehrere Meter von wilden Technikern besetzten Flures. Beine liefen hin und her, stießen an Geräte, stolperten übereinander. Schrödingers Katze brauchte alle ihre Sinne, um nicht zwischen den chaotisch durcheinander laufenden Menschen zermalmt zu werden, Tunnelblick auf den Kasten.

Abermals sprang sie – und entkam ihrem Häscher gerade so. Die Katze drängte sich in die Ecke, die ihrer Sprungrichtung am weitesten entfernt war und wartete auf wütende Hände, die sie greifen wollten und denen sie sich ebenso wütend zur Wehr setzen würde.
Doch es blieb still; der Lärm aus dem Sendezentrum war wie weggeblasen.
Die Katze war verwirrt; sie verspürte eine tiefe Abneigung gegen diesen Kasten, und doch gab er ihr ein vorsichtiges, leicht zweifelhaftes Gefühl von Sicherheit – etwas, das ihr in letzter Zeit gefehlt hatte.

Vorsichtig, zögerlich gar und dann doch mit dem Eifer der Gerechten, begann sie sich ausgiebig zu putzen. Die Katzenwelt war im Grunde recht einfach gestrickt: Es gab Dinge, die passierten, und manchmal musste man flüchten. Manchmal musste man selber jagen, und manchmal gab es etwas zu Fressen. Passierte nichts, dann schlief man – aber nur, wenn man sich vorher eifrig geputzt hatte; sich selber sauber zu machen war für Katzen beinah entspannender als zu schlafen.

Sie leckte sich komplett ab. Kam sie nicht an eine Stelle ihres biegsamen und gelenkigen Körpers, dann befeuchtete sie ihre Pfoten und wischte sich mit diesen über die unerreichbare Stelle.
Besonders vorsichtig ging sie mit ihren Schnurrhaaren zu Werke, denn die waren für ihre Wahrnehmung enorm wichtig (mal abgesehen davon, dass sie fand, sie sah damit besser aus, aber das war eines ihrer Geheimnisse).

So konzentriert war Schrödingers Katze bei der Sache, dass sie erst sehr spät witterte, dass sich die Luft abermals geändert hatte. Sie roch wieder vertrauter, und gleichzeitig sehr fremdartig.
Die Katze erschnupperte Tiere; da waren diese sonderbaren großen schwarzen Tiere mit ihren weißen Flecken, die immerzu Gras fraßen; es gab diese aufgeregten Flattertiere mit dem Kopfschmuck – und ja, auch einen Hund; doch dies waren nicht die einzigen Gerüche.
Sie witterte, jetzt ihre volle Konzentration auf den Geruchssinn und das Gehör, so sehr, dass ihr Körper noch halb in Putzhaltung verweilte, und roch Feuer. Sie roch einen Menschen, und mit ihm einen Geruch, den sie bisher nicht gekannt hatte, beißend und doch sanft, holzig, torfig, süßlich-salzig, vielschichtig.
Verborgen im Hintergrund wartete eine Eiche, und es war dieser zutiefst faszinierende Geruch, der die Katze anzog.
Der Stress, die Angst, das Chaos, das noch Minuten zuvor regiert hatten, waren wie verflogen.
Sie musste diesem Geruch folgen, im auf den Grund gehen – wäre ihr der Ausdruck ein Begriff gewesen, hätte sie ein „koste es, was es wolle“ hinzugefügt – doch die Katze kannte weder Besitzdenken, noch das Konzept von Preisen oder Kosten.

Sie musste einfach dem Geruch zu seinem Ursprung folgen, so sind Katzen manchmal.

Also nahm sie sich ein Herz und sprang abermals durch die sonderbare leuchtende Öffnung, die es nur zu geben schien, wenn der Kasten geschlossen war – und landete mitten in einem gemütlichen, rustikal eingerichteten Wohnzimmer.
Der Tag neigte sich dem Abend zu, und so zauberte das hell lodernde Feuer im Kamin sich bewegende Schatten und Muster an die Wände und auf den Boden. So schnell bewegten sie sich, so scheinbar gezielt und lebendig, dass sie zu tanzen schienen.
Schrödingers Katze fühlte sich sofort geborgen und sicher. Sie ging langsam und vorsichtig, aber dennoch zielstrebig auf den Mann zu, der im Sessel gegenüber des Feuers saß und Gitarre spielte. Jung war er, vielleicht Mitte Zwanzig, doch mit den langen, verfetteten Haaren und dem bulligen Gesicht hätte er leicht älter sein können. Die Augen sprachen ohnehin Bände.

Der Geruch schien unmittelbar von dem Mann zu kommen, also ging die Katze auf ihn zu. Da er sich aufs Gitarrespielen konzentrierte, bemerkte er sie zunächst nicht; doch dann griff er zu einem Glas mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit, schwenkte es, roch daran – der Geruch schien aus diesem Glas zu stammen, nicht vom dem Mann – und trank einen Schluck. Als er das Glas wieder abstellte, nahm er die Katze wahr:
„Jeez, where there hell do you come from?!? Caught me in a bit of a surprise there, really. Oh well, a fine cat you are, anyway.“

Die Katze mochte den fremdartigen Klang in der Stimme des Mannes. Er sprach weicher als ihr Wissenschaftler, nicht ganz so abgehackt und bedrohlich, wie das Deutsche manchmal sein konnte, insbesondere wenn diese grauenhaften, ekligen Männer in ihren grauenhaften, abscheulichen Uniformen wieder einmal an die Türe geklopft hatten.
Sie näherte sich vorsichtig dem Mann und ließ sich schließlich von ihm streicheln, wobei sie um eines der Tischbeine strich. Irgendwann vertraute sie ihm soweit, dass sie auf seinen Schoß sprang und ihren Kopf so unter seine Hand drückte, dass er nicht anders konnte, als sie immer weiter zu streicheln.
Dabei schaute sie immer wieder zum Glas mit der geheimnisvollen Flüssigkeit, und irgendwann hatte das Konzept der Neugier den Katzenkopf davon überzeugt, dass es die natürlichste Sache der Welt war, auf den Tisch zu springen und das Glas einer intensiven olfaktorischen Untersuchung zu unterziehen.

Der Mann lachte dröhnend: „You know a good whiskey when you see him, dontcha? But I’m afraid that’s nothing for kitties – it’s really more the men stuff, you know?“
Die Katze hatte ohnehin beschlossen, dass die diese sonderbare Flüssigkeit lieber dem Mann überlassen wollte; sicherlich würde er ihr Milch geben, wenn er bemerkte, sie durstig war.

So kletterte sie wieder zurück in seinen Schoß und hinderte ihn durch ihr wohliges Zusammenrollen daran, weiter Gitarre zu spielen. Das ließ er sich eine Weile gefallen und kraulte sie, doch dann wurde er zunehmend unruhiger.
Da das Feuer inzwischen heruntergebrannt war, machte der Mann sich dann irgendwann auf, neues Holz in  den Kamin zu werden – sehr zum Verdruss der Katze, deren Gemütlichkeit nun dahin war. Sie stand auf, machte einen Buckel, streckte dann ihre Pfoten soweit sie es konnte aus und gähnte herzhaft – um sich dann auf dem nun unbemannten Stuhl niederzulassen und abermals zusammenzurollen. Sie hatte ihren Kopf so auf ihr linkes Bein gelegt, dass es in Richtung Kamin zeigte, ebenso wie ihre Blickrichtung.
Der Mann hatte inzwischen das Feuer geschürt; nach allem, was die Katze sich bisher zusammengereimt hatte, war er entweder kein Wissenschaftler – oder er machte gerade eine ausgedehnte Pause von seinen Forschungen.
Inzwischen – bemerkte sie träge – hatte er sich die Gitarre genommen und sich auf die Fußstütze vor dem Sessel gesetzt, sodass er ihr gegenüber saß. Er begann einen Dialog mit der Katze und erhoffte sich einen Rat von ihr:
„What do you think, does this song sound better if I played it like this„, er spielte ein einfaches, schönes Lied. Die Katze wusste nicht viel über die Kunst des Musizierens – ihre eigenen zaghaften Versuche waren mit durchaus kritischen Stimmen bedacht worden, unter Anderem durch das Werfen von Gegenständen – doch das mäandernde Zupfen und der näselnde, warme Gesang gefielen ihr, „or would you rather prefer it like that?“, er spielte das Lied erneut, doch diese Version unterschied sich von der anderen, ohne dass die Katze hätte sagen können, woher der Unterschied stammte. Sie gähnte erneut.
„Yeah, that’s what I told the producer, too. This Version is just not as – heartfelt, you know? I mean, I bought this ranch just a week ago from a bunch of lovely old people and this song is about them – but try to tell that my stubborn fuckin‘ man behind the desk who keeps reminding me that my music is not commercial enough. Fuck that! After all, I have to live with that song, haven’t I?“

Schrödingers Katze quittierte dies mit einem kurzen Schnäuzen, das ebensogut ein Räuspern hätte sein können. Der Mann spielte weiter auf seiner Gitarre, wiederholt den Song über die Farm und das alte Paar, aber auch andere Lieder. Die Katze fühlte sich wohl. Hier war sie im Himmel, weit, weit weg von genervten Fernsehtechnikern, Nazis oder sonderbaren Forschungen.

Und so kam es, dass sie begann, den Kasten zu vergessen…

Und so kam es, dass ich meine Inspiration aus einem Neil-Young-Song habe…

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Über sushey

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