Der Mann, der in meinem Fenster stecken blieb (und das sich daraus entwickelnde Gespräch)

Anmerkung: Der nachfolgende Text ist – für Blog-Verhältnisse – verdammt lang. Eine PDF-Version gibt es hier. Ansonsten: Viel Spaß!

Ich saß gerade an meinem Computer und – wie man so schön sagt – ahnte nichts Böses.
Eigentlich ahnte ich weder Böses, noch Gutes, noch sonst irgendwie Geartetes. Ich saß einfach nur an meinem Schreibtisch – an meinem Computer, um es genauer zu fassen – und editierte einen Text.
Man muss sich vorstellen, dass ich also an meinem Schreibtisch saß, der so an der Wand steht, dass von rechts her das Licht durch die Fenster fällt.
Dies hat sich insofern als praktikabel erwiesen, als dass ich Linkshänder bin und beim Schreiben mit dem Stift dann keine Schatten auf das jeweilige Schriftstück fallen.
Und die ab und zu im Winde schwankenden Bäume mich nicht allzusehr ablenken, da ich ja erst einmal den Kopf nach rechts drehen müsste – und in dem Fall hätte ich mich schon von meiner Arbeit abgewendet, mich also quasi selber abgelenkt.
Sitze ich entspannter vorm Computer, dann kann es passieren, dass ich meine Beine auf dem Gehäuse ausstrecke und die Tastatur auf den Schoß nehme – in dem Fall drehe ich mich noch ein Stückchen weiter nach links, sodass ich eines meiner beiden Fenster überhaupt nicht mehr im Blickfeld habe.

Ob das der Person, die gerade durch ebenjenes, in meinem toten Winkel liegendes Fenster zu steigen versuchte und dabei kläglich im Rahmen verkantet stecken blieb, klar war, vermag ich nicht zu sagen. Leider versäumte ich es auch, danach zu fragen, wie mir im Nachhinein auffiel.

Auf jeden Fall schien sich die Gestalt der Tatsache, dass ich am Schreibtisch, ja überhaupt in meinem Zimmer verweilte, nicht bewusst gewesen zu sein, denn sie schaute schon sehr verdutzt und ein wenig verwirrt drein, als ich mich umdrehte und sie fragend anschaute.

„Äh, guten Tag.“ sagte sie.

„Äh, guten Tag.“ sagte ich.

Es handelte sich um einen sich etwa in meinem Alter befindenden jungen Mann, dunkles, kurzes Haar, recht dunkel und leger gekleidet, aber die legere Kleidung schien ihm in der unbequemen Lage, in der er verharrt war, als er mich wahrgenommen hatte, nicht sonderlich weiterzuhelfen.

„Äh, schönes, äh, Wetter, nicht wahr?“, begann der junge Mann, „so sonnig und frisch ist die Luft hier draußen, mhmm, hach, herrlich!“

Um ehrlich zu sein, hatte ich dem Wetter bislang nicht besonders viel Beachtung geschenkt, denn ich hatte ja – wie bereits erwähnt – an einem Text gesessen, der meine Aufmerksamkeit verlangte.

„Jetzt, wo sie es sagen, doch, einer gewissen Schönheit entbehrt es nicht.“, teilte ich meinem Gesprächspartner mit, der anscheinend hoffte, mit einem kleinen bisschen Small Talk seine Lage verbessern zu können, „Doch um ehrlich zu sein, habe ich ihm bisher recht wenig Beachtung geschenkt. Sie müssen sehen, ich arbeite gerade an einem Text.“

Ein schneller Blick in Richtung meines Bildschirm.

„Ah, ein Text, richtig. Ich hatte zunächst vermutet, sie seien durchs Internet gesurft, aber wer heutzutage noch viel Text auf Internetseiten packt, der hat nicht viel von Usability Standards gehört, nicht wahr?“

Aha, er kannte sich aus!

„Da haben sie völlig Recht. Man käme seinen Besuchern nicht sonderlich entgegen, wenn man ihnen nicht visuell zumindest ein bisschen was böte, und das in leicht zugänglicher Form.
A propos – sie bieten mir gerade auch ganz schön was – und das in einer für mich zugänglichen, aber ihrer Gesundheit vermutlich eher abträglichen Form.
Was machen sie da eigentlich, wenn ich einmal so direkt fragen darf?“

In der Tat schien ihm die Lage ungemütlicher und ungemütlicher zu werden. Er drehte und wendete sich, war aber offensichtlich im Fenster gefangen.
Er begann herumzudrucksen:

„Ich, nunja. Äh.“

Vermutlich war ihm die Sache peinlich. Man hängt ja auch nicht aller Tage in anderer Leute Fenstern fest, vor allem, wenn der Besitzer anwesend ist.

„Also, nun. Ich äh.“

Er wurde leicht rot, und das schien nicht nur an den Befreiungsanstrengungen zu liegen.

„Nur Mut. Ich meine, wir haben uns ja nun schon bekannt gemacht, das verschafft ihnen sozusagen ein wenig Kredit.“ versuchte ich zu helfen.

Es schien zu wirken.

„Also ich, äh. Nun, ich … breche ein. Ja, so könnte man es nennen. Ich versuche, hier einzubrechen. Nun ja, ähähä, sie wissen ja, wie das ist. “

Ich wusste es nicht, aber darüber sehen wir gnädig weg. Er machte mittlerweile einer roten Ampel Konkurrenz

„Sie versuchen, hier einzubrechen?“

„Aber ja. Schließlich, könnte man so sagen, versuche ich es noch immer. Dummerweise hindert mich das Fenster gerade an dieser Tätigkeit – und sie natürlich auch – aber eigentlich versuche ich, hier einzubrechen.“

Ich war erleichtert, ihn bei dieser Unternehmung gestört zu haben, wenn ich ehrlich war.

„Um ehrlich zu sein, bin ich erleichtert, sie bei dieser Unternehmung gestört zu haben. Vermutlich wäre ich sehr irritiert gewesen, hätte ich feststellen müssen, dass sie erfolgreich waren.“

„Oh, sie machen sich keine Vorstellung. Die Meisten sind nicht nur irritiert, sondern sie sind verwirrt, dann aufgeregt, wütend, erbost, zornig, regelrecht in Rage. Sie bekommen Tobsuchtsanfälle, schreien, schlagen und spucken, und oft bekommt die Polizei das dann ab.“

Er sagte dies sehr sachlich, und trotzdem mit dem Stolz desjenigen, der seinen Beruf beschreibt.

„Ich bin dann natürlich schon über alle Berge.“ fügte er hinzu, mit einem leicht verlegenen Lächeln auf den Lippen.
„In der Tat bin ich auch unterschwellig erbost darüber, dass sie es tatsächlich versucht haben, denn ich vermute, beim einfachen Einbruch wäre es nicht geblieben, oder? Klassischerweise müsste sich ein mittelschwerer Diebstahl an die Tat anschließen, der Dinge von Wert umfasst. Der Computer“ – die Figur in meinem Fenster folge meiner Ausführung; der Blick ging an mir vorbei unter meinen Schreibtisch, „der Bildschirm, DVD-Player, Verstärker, vielleicht der Plattenspieler und mit Sicherheit das Fahrrad.“

Die Augen der Figur in meinem Fenster begannen zu glänzen, nicht unähnlich dem Blick eines Piraten, wenn er endlich seinen Goldschatz erblickt.

„Da könnten sie Recht haben. Ich meine, es wäre nicht sonderlich sinnvoll, nur einzubrechen, oder? Also, äh, der sportliche Wert der Übung hält sich in Grenzen, und wenn ich mir meine Lage so anschaue, ist es der Gesundheit dann doch eher abträglich. Sehen sie, ich bestreite einen gewissen Teil meiner Einnahmen mit dem An- und Verkauf von Waren.“

„Nur, dass die Verkaufenden meistens gar nicht wissen, dass sie ihre Waren verkaufen wollten, nicht wahr?“ entgegnete ich ein wenig spitzer, als ich eigentlich geplant hatte.

„Ach, das sehen sie zu … wie soll ich sagen … konservativ vielleicht.“ brachte die Gestalt in meinem Fenster hervor, um nach meinem strengen Blick sofort anzufügen, dass das jetzt überhaupt keine Kritik an meiner Meinung hatte sein sollen, „aber wissen sie, zu viel Besitz ist meiner Ansicht nach überhaupt nicht förderlich für das Wohlergehen des Menschen. Man beginnt sich zu sorgen – es könnte ja gestohlen werden, haha – man möchte mehr Besitz anhäufen, und jedes neue Besitztum, jedes Stück, das man der Sammlung hinzufügt, verlangt nach der Aufmerksamkeit, die man schon den anderen Dingen nur zu Ungenüge geben konnte. Schauen sie fern, dann können sie keine Musik hören. Hören sie hingegen Musik, können sie – wenn sie richtig Musik hören – nicht währenddessen am Computer arbeiten. Und dann erst die Bücher, die sie noch lesen wollten. Und stellen sie sich vor, die Bücher, die sie schreiben könnten. Oh, ist das ihre Gitarre? Ein schönes Stück. Wann haben sie sie zuletzt gespielt?“

Der Einbrecher hatte seine missliche Lage anscheinend vollständig vergessen. Er redete sich in einen regelrechten Rausch hinein, obwohl der eiserne (in diesem speziellen Fall wäre eigentlich „gläsern“ der korrekte Terminus) Griff des Fensters ihn noch immer gefangen hielt.

„Ich spiele, wenn mich der Drang danach packt. Genauso, wie ich nur selektiv fernsehe oder am Computer sitze, so wie jetzt, wenn ich das Gefühl habe, hier etwas Sinnvolles gestalten zu können. Finden sie ihren Bewertungsmaßstab nicht vielleicht ein wenig subjektiv?“

Der Fenstermann dachte ein wenig über meinen gedanklichen Ansatz nach, unterbrochen von meinem Angebot, ihm Tee zu servieren. Schwarz natürlich, und Zucker oder Milch hatte ich gerade nicht, schlechter Gastgeber, der ich war. Wobei sich dieser Gast ungebeten aufgedrängt hatte, das möchte ich festhalten.
Er hatte eine Antwort:
„Vielleicht bin ich hier auch mit ihnen an die falsche Person geraten. Sie scheinen mir ein gesundes Bewusstsein für ihren Besitz und dessen Folgen für ihre Psyche zu haben. Aber das haben nur Wenige. Gerade neulich erst war ich in einer Wohnung, die hätten sie sehen müssen. Räume voller Geschirr. Ein Zimmer komplett ausgefüllt mit Bergen an Videokassetten, und so weiter. Wenig Wiederverkaufswert, aber viel Besitz. Der Besitzer hatte anscheinend jegliches Maß für seinen Besitz verloren.“

Ich kannte auch jemanden, dessen Verhalten das eines Messis war. Vielleicht war mein ungebetener Besucher sogar dort eingebrochen, denn das Bild der Gebirge an Videokassetten hatte ich lebhaft vor Augen.

„Naja, das ist ein Extremfall. Aber sie nehmen anderen Menschen doch nicht den Besitz, um sie zu befreien, oder? Schließlich müssten sie in dem Fall auch eine Art Lehre erteilen, einen Gedankenprozess in Gang setzen, wie dies bei mir der Fall war. Ansonsten gehen die Leute doch los und statten sich sofort wieder neu aus, ohne über die Folgen für ihr Leben nachzudenken. Und überhaupt. Was machen denn sie mit dem vielen Geld, das sie mit ihrem zweifelhaften Geschäft erwirtschaften?“

Ich hatte ihn eiskalt erwischt. Seine Röte nahm abermals zu und vermischte sich mit dem Pink der Befreiungsanstrengungen zu einem dunklen Weinrot.

Ich meinte, einen unflätigen, in den Bart gemurmelten Spruch vernommen zu haben, in der Art so etwas wie „verfluchtes Fenster“, doch nach einer kurzen Bedenksekunde hatte er sich gefangen.

„Nun. Da haben sie mich erwischt. Äh, ich, äh. Ich bin doch nur ein normaler Einbrecher. Ich wollte sie um ihren Besitz erleichtern, um meinen Besitz zu vergrößern. Nicht ganz fair, ich weiß. Sie wissen ja nicht, wo ich wohne, und ich kenne ihre Heimstatt beinah in- und auswendig. Doch nun stecke ich in diesem Fenster und muss ihnen Rede und Antwort stehen und bin von ihrem Wohlwollen abhängig. Dabei dachte ich, dies könne ein einfacher Einbruch werden, schnell verdientes Geld.“

Ich hatte mich bisher ausserordentlich gut unterhalten gefühlt, doch nun wurde es Zeit, mit der Arbeit fortzufahren.

„Naja, ganz so schnell lässt sich das Geld wohl doch nicht verdienen. Aber sehen sie, ich danke ihnen für dieses Gespräch. Sie haben mir einige Ansätze gegeben, über die ich weiter nachdenken möchte. Leider muss ich noch arbeiten – sie wissen ja, Deadlines und so – und deswegen an dieser Stelle abbrechen. Ich werde sie aus dem Fenster befreien, wenn sie versprechen, von weiteren Besitzbefreiungsvorhaben abzusehen.“

Er versprach mir dies hoch und heilig. Was hätte er auch anderes tun können?

Ich befreite ihn aus dem Fenster, und er beeilte sich, von Dannen zu ziehen – nicht ohne mir vorher für den Tee zu danken.

Ihn aus dem Fenster zu befreien, war gar nicht so schwer gewesen.
Vielleicht auch, weil ich mir die Einbrecherfalle selber ausgedacht und sie konstruiert hatte…

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