Döner – Kalle (37)

Physik macht Spaß!

„Ich habs herausgefunden.“ – Kalle guckt ein wenig überrascht. Erstens, weil an einem Tag mit solch beklopptem Wetter niemand sich erbarmt und vor die Tür geht, geschweige denn einen Döner kauft, zweitens, weil ich mit meinen Regenklamotten – graue Regenjacke mit Reflektorstreifen, blaue Regenhose, die in Schwarz gabs nicht mehr – und trotz alledem völlig nassen Schuhen vor ihm stehe, und drittens, weil er vermutlich nicht mehr weiß, was ich herausgefunden haben könnte.

Dafür muss ich ein wenig zurückgreifen. Als Kalle und ich uns vor ein paar Wochen nach langer, langer Zeit wiedergesehen hatten und unwissentlicher Weise von Schrödingers Katze besucht worden waren, hatten wir uns danach noch ein Weilchen unterhalten. Dabei kamen wir auf ein Thema, dessen Aufklärung ein kleines Faszinosum ist: Warum klingt der Löffel anders, während man eine Flüssigkeit in der Tasse umrührt?

Für viele Menschen ist diese Frage sicherlich eher banal. Man rührt seinen Tee oder Kaffee oder ihretwegen auch den Kakao halt um. Punkt. Da gibts keine Geräusche, ausser dem Rühren, und das klingt immer gleich.

Eine intensive Versuchsreihe und noch mehr Nachdenken später muss ich zugeben, dass die Unterschiede subtil sind, aber dennoch vorhanden.

„Wat haste rausjefunden? Du aus deener Wohnung, ja, dit seh ick. Willste nen Döner? Meinetwejen och vejetarisch.“

– „Ach nee, mach mal heute die Sucuck-Variante. Ich habe noch immer meine Ausnahmetage…“

„Och jut. Also. Wat isset, wat du so rausjefunden hast?“

– „Na du erinnerst dich doch an den Tee, der so komisch in der Tasse geklungen hat?“

Kalle schaut mich kurz so an, als hätte ich vorgeschlagen, seinen Dönerspieß mit Raketen auszustatten und auf den Mond zu schießen. Dann fängt er sich und erinnert sich offensichtlich an das letzte Gespräch. Es ist immer wieder schön, seinem Gehirn dabei zuzuschauen, wie es hochschaltet…

„Ah, rischtig. Ick erinnere mich. Und, hat Einstein eine Theorie?“

– „Die habe ich. Pass auf. Hast du mal ne Tasse und Milch? Und nen Löffel natürlich!“

Es sei kurz drauf hingewiesen, dass kleine Kinder dieses Experiment nicht nur nachmachen dürfen, sondern ausdrücklich dazu angehalten sind. Es kann nichts passieren, ausser dass man extrem gut durchgerührten Kakao (oder eben Tee oder Kaffee) bekommt.

Kalle liefert mir alles für den Versuchsaufbau und lehnt sich gespannt auf seinen Tresen. Ein etwa siebenjähriges Mädchen, das eigentlich wegen eines Schokoriegels gekommen war, schaut ebenfalls gespannt zu.

– „Also, passt auf. Wir machen die Tasse voll und stecken den Löffel rein, ja? Wenn er jetzt auf den Boden schlägt, dann macht es folgendes Geräusch: „Tick“. Ist ja klar, der klopft ja auf den Boden der Tasse. So, jetzt rühren wir das Getränk um.“ – ich rühre den Kakao um – „Und wenn die Flüssigkeit sich noch dreht, klopfe ich auf den Boden. Was passiert?“

Ich klopfe auf den Boden.

Es macht „Tock“.

Ein tiefes, sattes „Tock“. Viel tiefer und satter als das „Tick“ eben.

Man hört den Dönerspieß brutzeln. Draußen gehen Menschen vorbei, Autos fahren.

Ich klopfe noch einmal auf den Boden.

Es macht „Tack“. Nicht mehr so satt und voll wie eben, aber schon näher am Tick.

Der Mund des Mädchens steht offen.

Auf Kalles Stirn bildet sich ein Schweißtropfen.

Weitere Menschen kommen vorbei.

Die Flüssigkeit ist fast zum Stillstand gekommen.

Ich klopfe noch einmal, und dieses „Tiack“ ist schon fast das „Tick“ vom Anfang.

– „Na, was meint ihr? Warum ändert sich das Geräusch?“

Das Mädchen schaut die Tasse an, dann mich: „Vielleischt, weil der Kakao bessa uffjelöst ist, als vorher?“
So klein, schon soooo ne Berliner Schnauze…
– „Aber dann müsste das Geräusch ja jetzt auch noch anders sein.“ antworte ich.

Kalle strengt sich geistig nun richtig an. „Dit hat mit der Bewejung zu tun, wa?“

– „Schon nicht schlecht. Aber inwiefern ändert die den Klang?“

Die Kleine wird ganz aufgeregt und fängt an zu zappeln. „Ist das so, wie beim Polizeiauto? Wir waren neulich vonner Schule aus bei der Polizei, und da sind die mitm Auto jefahrn, und da hat sich dit Jeräusch ooch jeändert. Von hoch auf tief!“

– „Schon nicht schlecht! Also, ich hab lange nachgedacht, und ich glaube, der Grund ist ein Ähnlicher, wie beim Polizeiauto. Das hat mit der Schallausbreitung zu tun. Schaut mal, wenn die Flüssigkeit still ist, dann geht der Schall vom Boden aus so nach oben,“ – ich zeige mit dem Finger von unten nach oben – „und wenn sich die Flüssigkeit dann bewegt, dann ist der Weg länger,“ – ich mache Spiralen mit dem Finger – „und da die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Schalls noch immer gleich ist, muss die Wellenlänge länger werden. Und dann wird der Ton tiefer.“
Um das der Kleinen zu veranschaulichen, hat Kalle eine klasse Idee: Er nimmt ein Lineal, fixiert einen Punkt auf dem Tisch und lässt es schnarren, mal länger, mal kürzer.
Die Kleine ist begeistert: „Dit is ja total klasse, dit muss ick meener Mutta mal zeijen. Aber wisste, wat doof ist?“

„Nee“

– „Nee“

„Ick mag keenen Kaba, ick mag nur Nesquick. Tschüß!“

p.S.: das Experiment geht am besten mit einer großen, schweren Keramiktasse a la Waechtersbach und warmem Kakao…

Corioliskraft (Wikipedia)
Dopplereffekt (Wikipedia)

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Über sushey

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