Schrödingers Katze VI – Träume

“Wenn sich eine Katze in einem geschlossenem Behälter befindet, so kann sie entweder tot sein oder noch leben. Man erfährt es erst, wenn man nachsieht – das Öffnen des Behälters entscheidet über den Zustand der Katze. Es gibt jedoch eine weitere Zustandsform, die von Schrödinger übersehen wurde: lebendig, tot oder verdammt wütend.” – frei nach Terry Pratchett

Es raschelt im Gebüsch; ein kaum wahrnehmbares Geräusch. Alle Sinne sind hellwach; die Welt verwandelt sich in einen Tunnel, an dessen Ende sich das Geräusch befindet. Das periodisch-hektische Rascheln, das anscheinend nach etwas sucht, dann wieder verstummt, von Neuem beginnt, klingt sehr nach einer Maus.
Ein kurzes, konzentriertes Wittern.
Es riecht nach Erde, nach modrigem Laub, nach Kastanien, nach einem Hund, der vor Tagen diese Stelle markiert hat, nach anderen Katzen und ja, auch nach Maus.
Dort ein weiteres Rascheln! Ein blitzschneller Sprung, mühelos bei den perfekt zusammenarbeitenden Muskeln, hinein ins Gebüsch, dorthin, von wo das Geräusch kam. Jetzt kann sie die Maus auch sehen, die rasiermesserscharfen Krallen schon längst angespannt, ohne auch nur einen Moment des Bewusstseins dafür anzustrengen.
Die Maus weiß jetzt, dass ihr eine Gefahr droht, doch es ist schon zu spät; ihr Schicksal ist besiegelt. Zwei, vielleicht drei kurze Augenblicke noch, dann haucht sie den letzten Atem aus ihrem kleinen Körper, der sich im unerbitterlichen Schraubstock der Reißzähne befinden wird.

Schrödingers Katze träumt.
Sie liegt zusammengerollt in der Kiste, die ihr mittlerweile zu einem zweiten Zuhause geworden ist, die Vorderpfoten im selbstvergessenen Milchtritt bewegend, während die Hinterpfoten ein wenig zucken, ganz so, als würden sie die imaginäre Maus töten.
So tief schläft sie, dass man nur ihr leises Atmen hört, ab und zu vermengt mit dem Ansatz eines Schnurrens.

Der Moment der eigenen Geburt. Es sind keine klaren Bilder, vielmehr Gefühle, Gerüche und – Wärme. Die Zunge der eigenen Mutter, die sie sauber schleckt und ihren Atemreflex stimuliert. Der erste Luftzug, warm, erfrischend, lebendig. Sie spürt die Anwesenheit ihrer Geschwistert, riecht den verlockenden Geruch der Zitzen, und einzig an dem Geruch orientiert sie sich. Sie findet die Zitze und bewegt die Pfoten in einem merkwürdig vertrauten Muster. Warme, nahrhafte Muttermilch!

Schrödingers Katze atmet tief ein und wieder aus, und es klingt beinahe wie ein Seufzer.

Herumalbern mit den Geschwistern. Immer wieder besiegt ihr älterer Bruder sie, wirft sie auf den Boden und berührt mit seinen Zähnen ihre Kehle. Eines Tages merkt sie, dass er immer nach der gleichen Strategie vorgeht. Sie provoziert ihn, fordert ihn, und er geht drauf ein. Darauf hat sie gewartet. Unmittelbar vor dem Augenblick, als er sie packen und am Boden fixieren will, macht sie eine Finte und packt ihn seinerseits im Genick.
Die Mutter, die alles aufmerksam beobachtet hat, murrt aufmunternd. Ein warmes Gefühl macht sich in ihr breit; Menschen hätten es als Stolz bezeichnet.

Schrödingers Katze zuckt. Die Erinnerung an ihren Bruder weckt zahlreiche Emotionen, mit denen umzugehen eine Katze niemals lernt. Sie dreht sich um und rollt sich noch enger zusammen, dreht den Kopf dabei so um seine Achse, dass seine Oberseite auf dem Boden liegt, ihre Schnauze nach oben zeigt.

Sie ist unruhig. Ihr Bruder, der auf immer längere Streifzüge gegangen ist, war schon seit Tagen fort. Sie vermisst ihn, aber damit lässt sich ihre Unruhe nicht vollständig erklären. Sie spürt, dass die Zeit des Abschieds gekommen ist. Ihre Mutter, die ihr immer Wärme und Nähe gespendet hat, distanziert sich, betrachtet sie als Konkurrentin für ihr Revier.
Sie möchte ein eigenes Revier haben. Es wird Zeit.

In der Kiste wird es langsam und kaum spürbar heller. Anscheinend öffnet sich ein neuer Tunnel in eine andere Welt. Schrödingers Katze wird unruhiger, ihr Atem schneller und unregelmäßiger. Sie liegt nicht mehr ganz so eng zusammengerollt da.

Große, faltige Hände packen sie mit festem Griff. Sie versucht sich zu wehren, doch sie hat keine Chance, die Hände wissen, was sie tun. Sie riechen nicht unangenehm, sondern wecken im Gegenteil verloren geglaubte Erinnerungen an ihre Kindheit. Trotzdem ist sie misstrauisch.
Die folgenden Tage sind geprägt vom Widerspruch zwischen Misstrauen und dem Wunsch nach Geborgenheit, den die Hände geweckt haben. Langsam nähert sie sich dem Menschen, zu dem die Hände gehören. Ein sonderbarer Mensch, manchmal geistig so abwesend, dass sie denkt, eine Hülle vor sich zu haben. Dann wiederum ist er so präsent, dass der ganze Raum angefüllt scheint von seinem Geist.

Schrödingers Katze ist jetzt fast wach. Ihre Schnurrhaare zucken, ihre Ohren bewegen sich un Richtung des kleinsten Geräusches. Ihre rechte Pfote zuckt, ich Schwanz beginnt, sich hin und her zu bewegen.

Jetzt liegt sie in seinem Schoß. Seine großen Hände streicheln sie geistesabwesend, seine Pfeife qualmt halbvergessen im Mundwinkel. Sie weiß, er denkt über irgendetwas Bedeutsames nach. Plötzlich, und ohne weitere Vorwarnung, platzen sie in den Raum, diese ekelhaften uniformierten Männer mit ihrem barschen Gebahre, wie schon die Male zuvor. Doch dieses Mal bleibt es nicht bei Drohungen; die Männer packen ihren Wissenschaftler, der noch versucht, sich den eisernen Griffen zu erwehren, und ziehen ihn durch die Tür. Sie sprintet hinterher und springt einem der Männer auf den Rücken, doch der wischt sie mit einer brutalen Bewegung seines Armes fort, sodass sie seitlich auf den Boden fällt. Sie spürt die Bedrohung dieser Männer, weiß, dass sie nicht nur spielen wollen. Dies hier ist ernst, ernster als alles andere.

Unmittelbar, bevor Schrödingers Katze in ihrem Traum auf den Boden aufprallt, erwacht sie in ihrer Kiste und ist sofort hellwach.
Ohne sich an den Traum zu erinnern, weiß sie jetzt, dass sich ihr Wissenschaftler in großer Gefahr befindet, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie muss ihn retten, doch diese blöde Kiste hat anscheinend andere Pläne mit ihr. Ihr bleibt nichts weiter, als das Spiel mitzuspielen.

Und geht durch die Öffnung ins Licht…

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Über sushey

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