Schrödingers Katze VII – Blitze

Schrödingers Katze war unbehaglich zumute, als sie aus dem Kasten kletterte, denn das Wetter erschien ihr nicht besonders einladend. Es war dunkel, bewölkt und ein feuchter Winde wehte in Böen um ihre Nase; er schien sich sofort durch ihr ansonsten recht warmes Fell zu bohren.
Doch noch mehr als diesen Wind verabscheute sie in diesem Augenblick ihren Kasten, denn der hatte sie gefühlte Wochen in seinem Inneren festgehalten. Es waren nicht nur der Hunger und der Durst gewesen. Nein, viel schlimmer wog die Tatsache, dass sie ihren Jagdtrieb nicht ausleben konnte. Zur Bewegungslosigkeit verdammt, hatte sie im Dunkeln gesessen und gewartet.
Zu ihrem großen (und unbewussten) Glück hatte sie ein anderes Zeitverständnis als die Menschen, und so war das Warten für sie nicht ganz so unerträglich, denn sie lebte sehr stark in der Gegenwart. Wenn allerdings auch die Gegenwart nicht viel Abwechslung bietet, wird es irgendwann nervig, selbst für eine Katze.

Ein Gewitter braute sich zusammen, das brauchte sie nicht erst anhand des Grollens der sich düster zusammenballenden Wolken feststellen. Auch den Wechsel des Windes registrierte sie, hätte aber schon vor Stunden – sofern sie an diesem Ort gewesen wäre – gewusst, dass es ein Gewitter geben würde. Dafür gab es genügend andere, für den Menschen unspürbare Indizien: die Ladung der Luft beispielsweise, die sich geändert und ein Kribbeln in ihrem Fell verursacht hatte. Die Luftfeuchtigkeit hatte zugenommen, das konnte ihre Nase wittern. Und ihre Schnurrhaare schließlich spürten das Zittern der Luft durch den Donner schon lange, bevor sie es hören konnte.

Trotzdem würde Schrödingers Katze auf die Jagd gehen, jetzt gleich.

Immerhin steckte in diesem flauschigen Fell ein Raubtier, auch wenn es sich selber meistens nicht bewusst war. Also spazierte sie los; dort vorn hatte es doch irgendwo nach Maus gerochen…

In der Zwischenzeit wuchs das Gewitter zu einem ordentlichen Unwetter heran. Blitze zuckten und krachten mit Getöse auf die vom Regen aufgeweichte Erde nieder, als wolle das Wetter selber die Erde in die Knie zwingen.
Auch Schrödingers Katze kam inzwischen zu der für Katzenverhältnisse sehr weisen Einsicht, dass man ab und zu den Stolz begraben müsse. Immerhin hatte sie ihre Jagdlust und ihren Hunger getilgt und war bereits auf den Weg in einen sicheren Unterschlupf, als plötzlich ein Blitz direkt neben ihr mit einem unglaublich lautem Knallen einschlug, sodass sie zu Tode erschrak und aufsprang.
Zum Teufel mit dem Kasten, sie wollte hier weg!

Also sprang sie schnell die paar Schritte und landete klatschnass mitten im Kasten, welcher sich ordnungsgemäß schloss. Just in diesem Augenblick krachte in Blitz in den Kasten; wäre er nicht geschlossen, dann hätte es die Katze erwischt. Das hätte zumindest auf Herrn Schrödinger erstaunlich, wenn nicht gar zutiefst verstörend gewirkt, hätte er den Kasten geöffnet. Von der Katze ganz zu schweigen…

So aber traf der Blitz den Kasten, welcher plötzlich in einen Funkenregen gehüllt war. Ein geheimnisvolles blaues Leuchten machte es dem menschlichen Betrachter schwierig, die Augen auf den Kasten zu fokussieren.

Plötzlich gab es einen weiteren Blitz, der diesmal vom Kasten zu kommen schien – und er verschwand!

Schrödingers Katze bemerkte im Innern des Kastens zunächst nicht besonders viel. Aus ihrer subjektiven Sicht verhielt sich der Kasten wie eh und je – eigenwillig, höchst sonderbar – aber auch ein kleines bisschen interessant, sonst hätte sie es vermutlich gar nicht so lange dort drin ausgehalten.

Doch was war das? Ein merkwürdiges blaues Leuchten, das sie nie zuvor wahrgenommen hatte, erfüllte langsam ihren beengten Raum. Kleine Blitze zischten an den Wänden entlang und schienen nach ihr zu trachten. Sie stellte sich in die Mitte des Kastens und machte einen Buckel. Unwillkürlich stellten sich ihre Haare auf, um sie bedrohlicher erscheinen zu lassen, doch selbst ein Fauchen schien dieses sonderbare Phänomen nicht zu interessieren.

Plötzlich traf sie ein Blitz und…

… Schrödingers Katze, die mitten im Kasten stand, einen Buckel gemacht und gefaucht hatte, wurde von einem gleißend hellen Licht geblendet, das im Grunde nur normales Tageslicht war, an das sich ihre Augen erst gewöhnen mussten.
Das Rudel Löwen, inmitten dessen Siesta Schrödingers Katze so unerwartet geplatzt war, musste sich ebenfalls an ihren Anblick gewöhnen. Sie wunderten sich desinteressiert darüber, dass dieses kleine Wesen so unvermittelt aufgetaucht war und ihnen nun auch noch mit einer Drohgebärde entgegen kam. Doch zum großen Glück für Schrödingers Katze, hatten diese Löwen gerade ein prachtvolles Mahl gehabt, das sich deutlich vom kargen Einerlei der Savanne abhob, und so waren sie viel zu träge, um ihr gefährlich zu werden.

Viel Zeit hätten sie auch nicht gehabt, denn es gab einen weiteren Blitz und…

… „Meine Herrrrren, es ist onverrrrmeidlich, es diesen Onterrrrrrvölkerrrrn zu zeigen. Sie sind Tierrrre, nichts weiterrrr – aberrrr was haben wirrrrr den da?“ – Schrödingers Katze kannte Hitler rudimentär. Sie hatte in niemals zuvor gesehen, aber sie hatte seine Stimme oft in dieser Kiste gehört, aus der zwar menschlich klingende Stimmen kamen, die aber sonderbar blechern und künstlich klangen.
Sie hatte ihn sofort als Rudelsführer dieser abscheulichen Bande identifiziert, die ihrem Wissenschaftler ab und an das Leben vermiesten.
Noch aufgebracht von dem Erlebnis mit dem Blitz, musste sie sich abreagieren – und kratzte dem Führer mitten in dessen hässliche Visage.
Er schrie auf:“ Onerhörrrrt, dieses Biest! Warrrte nurr, bös öch meine Schäferrrrhunde auf dich hetze!“ – er tupfte sich die Kratzer im Gesicht ab und fuhr sich durch den Scheitel.
Generalfeldmarschall Göring und Dr. Goebbels, die sich noch Augenblicke zuvor in einer Unterredung mit Hitler befunden hatten, schauten beide fassungslos auf die Szene, bis sie nach einer barschen Aufforderung ihre Revolver zogen und die Katze erschießen wollten, doch es gab einen Blitz und…

… „Guten Abend meine Damen und Herren, hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Rom. Silvio Berlusconi wurde nach den Wahlen in Italien als Präsident wiedergewählt. Während er den Tag als „Feiertag für alle Italiener“ bezeichnete, erntete die Wahl von der Opposition heftige…“ – erst jetzt bemerkte Frau Berghoff die Katze, die am Ende ihres Tisches saß und ein wenig verschüchtert, aber anscheinend auch aufgewühlt wirkte und sie aufmerksam beobachtete.
Frau Berghoff brachte ein knappes „Verzeihung“ heraus und bedeutete dann dem Regisseur der Tagesschau, er möge doch um Himmels Willen dieses Mistvieh von ihrem Tisch befördern.
„Verzeihen sie, meine Damen und Herren, ein kleines technisches Problem. Die Wahl in Italien erntete von der Opposition heftige Proteste. Ein Vertreter der unterlegenen…“ – doch weiter kam sie nicht, denn Schrödingers Katze war neugierig geworden und hatte sich dem zitternden Zettel in Frau Berghoffs Hand genähert. Mit hektischen Bewegungen versuchte die arme Nachrichtensprecherin, die Katze zu verteidigen, während sie gleichzeitig erhoffte, irgendwie die Contenance zu wahren und wenigstens einen Teil der Nachrichten ans Volk zu bringen: „Naja, die Opposition war halt dagegen. Von deutscher Seite aus kamen Glückwünsche und … schafft endlich dieses Vieh hier weg!“

Nie hatte die Tagesschau eine höhere Quote als in dem legendären Moment, in dem Dagmar Berghoff versuchte, sich im ganz konkreten und handgreiflichen Sinne mit Schrödingers Gedankenexperiment auseinanderzusetzen. Die ARD reagierte schnell und schaltete eine Meldung, die auf eine „Technische Störung“ hinwies.
Davon bemerkte Schrödingers Katze nicht viel, denn es gab einen Blitz und…

… Schrödingers Katze roch erneut diese frische, unverbrauchte Luft, die sie schon einmal gerochen hatte. Sie kannte diese Luft, sie war schon einmal hier gewesen; nicht einmal weit entfernt existierte eine kleine Höhle mit Zeichnungen an den Wänden, die durch sie inspiriert worden waren.
Schrödingers Katze genoss die Stille. Kein Mensch weit und breit, kein Gewitter, keine Nazis, keine Nachrichten. Nur sie und die beinahe unberührte prähistorische Natur.

Und eine kleine etwas abgenutzte prähistorische Eichel, die direkt vor ihren Pfoten lag.

Und ein kleines Wesen, etwa halb so groß wie sie selber, das aussah wie die Mischung aus einem Säbelzahntiger, einem Eichhörnchen und einem von der Straße gekratzten, überfahrenen Frettchen, das anscheinend hyperaktiv war.
Es sah komisch aus, aber konnte man es fressen? Die kleine Maus hatte nicht lange vorgehalten…
Schrödingers Katze war auf jeden Fall fasziniert, und da sie bemerkt hatte, dass das Wesen sich anscheinend der Eichel irrational verbunden fühlte, wollte sie es weiter beobachten.
Sie ging also in Deckung und schaute zu, wie sich das Wesen vorsichtig – sehr vorsichtig – und doch auch mit Gier im Blick, der Eichel näherte. Es tastete sich vor, streckte eine Pfote aus, so weit es ging, ließ den Körper folgen und bewegte sich eher wie eine Amöbe fort, denn ein Eichhörnchen – oder was auch immer es war.
Es lag mit der großen Nase schon auf dem Boden und konnte die Eichel, das langgehegte Objekt der Begierde, fast mit der Pfote berühren, da gab es einen Blitz und…

… das Wesen war verschwunden!

Schrödingers Katze war ein wenig enttäuscht, aber in ihr wuchs die unartikulierte Ahnung, das Wesen könne in einem ähnlichen Kasten unterwegs sein, wie sie. Sie schaute sich um, alles schien ruhig. Sie schaute sich abermals um und peitschte ihren Schwanz ein wenig hin und her. Sie blinzelte, bewegte ihre Ohren unwillkürlich in alle möglichen Richtungen, ganz so, als könne sie das verschwundene Wesen hören.
Nichts geschah.
Verlegen begann sie, sich hier und dort zu putzen, aber das galt eher dem Zeitvertrieb, als dass es ernsthafte Hygiene war.

Dann gab es plötzlich einen Blitz…

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Über sushey

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