Schrödingers Katze VIII – Am Ende des Ganges

Es war grausam.

Der Kasten hatte Schrödingers Katze in einem muffigen, dunklen Flur ausgespuckt, in dem der metallische, bedrohliche Gestank der anscheinend allgegenwärtigen Nazis überwältigend war. Unangenehme Erinnerungen an Begegnungen im Haus ihres Wissenschaftlers kamen in ihr auf, und was sie beunruhigte, war die Tatsache, dass sie Schrödinger hier wahrnahm, und er roch nach Angst.

Dort, am Ende des Ganges.

Dort, wo sich auch der Geruch von Adrenalin, Metall und Extremismus verdichteten. Schrödingers Katze witterte fünf Menschen, einer von ihnen ihr geliebter Wissenschaftler. Sie roch Aggression, Wut, Hilflosigkeit. Sie musste auf der Hut sein, das wusste sie, aber sie spürte auch, wie der Jagdtrieb in ihr wuchs.

Das innere Raubtier lauerte.

Unendlich vorsichtig näherte die kleine Katze sich dem Raum am Ende des Flures. Sie hielt sich stets im Schatten verborgen, huschte von Wand zu wand und übersprang blitzschnell die Einbuchtungen, in denen weitere Türen eingelassen waren. Ihre Schnurrhaare meldeten kleinste Veränderungen des Luftdruckes an ihr von allen Sinnen geschärftes und in höchster Alarmbereitschaft arbeitendes Gehirn; so wusste sie immer einen Augenblick vorher schon, wann jemand in den Flur treten würde und konnte sich verstecken.
Die zackige, militärische Sprachte schmerzte in ihren Ohren; Sprachfetzen drangen aus allen Richtungen auf sie ein.

Schließlich hatte sie den Flur überwunden und saß vor der verschlossenen Tür, hinter der sie ihren Wissenschaftler spürte. Er hatte große Angst, das spürte sie, doch zugleich schien er sich in einem stabilen Zustand zu befinden. Er war ein Kämpfer, genau wie sie – doch das wussten beide noch nicht.

Der Raum war Innen mit Leder ausgekleidet; er sollte für Menschen schalldicht sein. Doch was waren schon menschliche Ohren gegen ihre?
Die Männer sprachen auf Schrödinger ein. Natürlich verstand sie nichts vom Inhalt, doch es schien ihr offensichtlich, dass sie ihn bedrängten. Sie wollten ihn augenscheinlich zu etwas bewegen – noch blieb er standhaft und ruhig, trotz seiner Angst.
Plötzlich hörte sie ein lautes Poltern und Geschrei, und sie konnte spüren, wie Schrödinger das Herz förmlich bis zum Hals klopfte – doch er blieb nach Außen hin ruhig.

Für den Bruchteil verspürte Schrödingers Katze für ihren Wissenschaftler das gleiche Gefühl, wie jenes, das er ihr vermittelt hatte, als sie ihm die erste Maus auf die Fußmatte gelegt hatte: die Menschen hätten es Stolz genannt.

Da! Eine winzige Veränderung im Luftdruck! Jemand kam auf die Tür zu. Behände sprang Schrödingers Katze in eine dunkle Ecke ein paar Meter weiter. Die Tür öffnete sich, und heraus kamen zwei der Männer. Irgendetwas irritierte die Katze, doch es blieb keine Zeit, darüber zu sinnieren. Wo die Tür schon einmal offen war, musste man die Gelegenheit nutzen.
Unbemerkt und unbehelligt schlüpfte sie durch die Tür und verbarg sich auf der anderen Seite der Wand sofort in einer dunklen Ecke unter einem Schrank.
Niemand hatte etwas gemerkt.

Aus ihrem Versteck heraus machte sich das Tier ein Bild vom Raum. Er war etwa drei große Sprünge breit und ebenso lang. Bis auf den Schrank, unter dem sie verborgen war, einem Stuhl in der Mitte – unbekannte Emotionen durchflossen sie, dort war ihr Wissenschafter, und irgendetwas hinderte ihn daran, aufzustehen oder seine Hände zu benutzen – einigen Tischen und einem weiteren Stuhl, der im Raum lag, ganz so, als sei er von gegenüber Schrödingers Stuhl dorthin geschleudert worden, und zwei Nazis – war der Raum leer.

Ihr Wissenschaftler befand sich in einem bemitleidenswerten Zustand: über seinem rechten Auge befand sich ein blutender Riss. Seine Haare waren verfettet und wilder als sonst, sein einst weißer Laborkittel grau, zerrissen und besudelt mit Dreck.
Er ließ den Kopf hängen, während sich die beiden Schergen des Bösen von ihm weggedreht hatten und miteinander tuschelten. Sein müder Blick richtete sich auf und blickte Richtung Schrank, genau dorthin, wo sie sich versteckt hatte. Für Augenblicke veränderte sich sein Geruch. Freude. Er hatte sie wahrgenommen!
Seine Haltung straffte sich. Sein Blick wurde wacher und richtete sich klarer auf die beiden Männer, die von alledem nichts mitbekommen hatten, aber den Blick in ihrem Rücken spüren mussten, denn jetzt hörten sie auf zu tuscheln und drehten sich wieder zu Schrödinger um.

Für den Moment konnte Schrödingers Katze nicht viel tun, aber sie hatte ihrem Wissenschaftler neuen Mut verliehen.

Es tat sich etwas auf dem Flur. Die beiden Männer kamen zurück, und sie hatten einen dritten, offensichtlich ranghöheren Mann mitgebracht, der etwas Kaltes, Furchteinflößendes ausstrahlte.

„Nun, Herr Schrödinger. Sie wissen, wer ich bin? Nun, sparen wir uns das Formelle. Ich will ohne Umschweife zum Thema kommen. Im Laufe meiner Karriere als – Wahrheitsfinder – habe ich mir ein umfangreiches Wissen über mittelalterliches Instrumentatium aneignen dürfen. Es ist ganz erstaunlich, zu welch feinsinnigen Überlegungen und geistreichen Erfindungen die Menschen in der Lage sind, wenn es darum geht, die Wahrheit herauszubekommen, finden sie nicht auch?“

Plötzlich wurde Schrödingers Katze bewusst, was sie an den Gerüchen der Männer gestört hatte:

Auch sie hatten Angst, und zwar vor diesem Mann. Ihre Nackenhaare stellten sich weiter auf, und nur mit Mühe konnte sie ein tiefes Knurren unterdrücken.

Das innere Raubtier lauerte.

Doch auch im Innern dieses Mannes lauerte ein Raubtier, und es hatte gerade erst begonnen, zu spielen…

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