Döner – Kalle (38)

döner-kalleGoing Deeper Underground

Kalle schaute mich an, wie ein Tourist in den Rocky Mountains Bigfoot anschauen würde, begegneten sich beide zufällig in den Bergen – und ganz verdenken konnte ich es ihm nicht, denn ich vermutete, dass ich in meinem Aufzug – Regenkleidung, dunkle Wollmütze und das unrasierte Gesicht über und über mit Schlamm bespritzt – in einem Bigfoot-Lookalike-Wettbewerb zumindest Chancen auf einen Recall haben würde.
Immerhin wäre „Germanys Next Bigfoot“ gehaltvoller als alle anderen „Next“-Shows. Da Bigfoot hierzulande nicht allzu populär sein dürfte, müsste man die Show vielleicht umbenennen in „Gemanys Next Problembär“ – und wer das Casting gewänne, würde von einem Jäger seiner/ihrer Wahl abgeknallt werden…

Meine aggressiven Gedanken nahmen zu, wie ich bestürzt zur Kenntnis nahm. Es wurde Zeit, etwas für meinen Blutzuckerspiegel zu tun, und die erfolgreiche Bestellung einer Falafel – auf mein nachbohrendes Bitten hin sowie einige wissenschaftliche Versuche später hatte Kalle sich dazu durchgerungen, die Falafeln aus frischem Teig selber zu machen und sozusagen On-Demand zu frittieren, was der kulinarischen Qualität seiner Bude echt guttat – würde ein erster Schritt dahin sein. Also eher mittelfristig; kurzfristig half eine Flasche Spezi.
Mit echtem Orangensaft, wie mir das Etikett versprach. Ich vermutete eher Aroma und Johannisbrotkernmehl, aber das tat dem Genuss des Getränks keinen Abbruch – wenn schon Junk-Food, dann richtig.

Offensichtlich musste ich Kalle Respekt einfgeflößt haben, denn ich bekam meine Falafel schnell und ohne Zwiebeln, serviert vom Geschäftsführer persönlich, der sich alsdann an meinen Tisch setzte.

„N‘ juten.“

„Danke.“ Der erste herzhafte Biss.

„Sach ma, wieso siehste n eigentlich aus, als wärste durch den Schlamm hierherjerobbt?“

„Mhjamradundmhmmmhmeisundschlamm.“ – vielleicht sollte ich den Mund nicht ganz so voll nehmen, dachte ich nicht zum ersten Mal, vor allem, da Kalles Blick eher verstörter wirkte.

„Lass mich mal eben aufessen. Ist lecker, übrigens.“

Kalle wartete und beschäftigte sich mit dem Glattstreichen der Wachstischdecke. Er nahm den Aschenbecher, in dem sich der klägliche Rest einer Kippe, ein Kaugummi und das Verpackungspapier eines Zahnstochers befanden, leerte ihn im nächstgelegenen Mülleimer und platzierte ihn sorgfältig auf der Mitte des Tisches, die Halteöffnungen für die Zigaretten jeweils um 45 Grad gegenüber den Faltkanten des Tischtuches versetzt.

Ich begann mit der Erklärung meines rustikalen Aussehens:

„Wie du ja sicherlich bemerkt hast, war Berlin in den letzten Wochen in fester Hand einer eisigen Kälte. Erst Schnee, dann Frost, und inziwschen war alles von einem Eispanzer bedeckt, weil es ja wieder angefangen hat, zu schmelzen.“

Kalle nickt, während er misstrauisch nach draußen blickt. Ob er nach Kunden, meinem Fahrrad oder der Erleuchtung sucht, kann ich nicht beurteilen.

„Also sind die Straßen nass, und was noch viel schlimmer ist: der ganze Schmodder – der ja in den vergangenen Wochen nicht abfließen konnte wie normalerweise bei Regen – taut jetzt ebenfalls auf, und das spritzt natürlich ordentlich rum. Deswegen die Regenklamotten, aber mein Gesicht ist nunmal nicht bedeckt.“

„Ja, aber haste keene Schutzbleche?“

„Nee, weil der Rahmen für mein Fahrrad dicker ist, als der anderer Räder. Special sozusagen.“

„Ach, special mir doch den Rücken runter. Ick würd doch nischt rumloofen wien Schlammcatcher. Aber weeste, wat ick beim Radfahrn jemerkt hab?“

„Nee.“ Jetzt bin ich echt mal gespannt. Seit ich Kalle kenne, ist der nicht mal in die Nähe eines körperlicher Ertüchtigung, geschweige denn eines Fahrrades gekommen.“

Er holt aus.

„Also, damals, als ick noch jefahren bin – jeden Tach zur Schule und zurück, stell dir dit mal vor, det warn bestimmt für jede Strecke um die vier oder fünf Kilometer – also damals jedenfalls bin ick bei jedem Wetter unterwechs jewesen. Obwohl ick natürlich einen ordnungsjemäß ausjestatteten Drahtesel hatte, der och Schutzbleche besaß, hab ick jemerkt, dit jeder Bodenbelach anders ist, wat seine, sajen wir mal – physikalischen Eijenschaften betrifft. Nimmste mal die Straße. Damals warn die noch n bisschen rauer, aber dit is nebensächlich, also Asphalt jedenfalls. Macht Spaß, weil er so schön glatt ist. Kannste schnell und jut druff fahrn. Aber der janze Boden is versiejelt, da muss et nur een bisschen nieseln, und schon isset nass. Deswejen bin ick lieber uff jepflasterten Strecken jefahrn, da kann det Wasser in die Ritzen fließen, und dazwischen isset trotzdem schön glatt.“

Inzwischen hatte ein Kunde die Bude betreten und über das Faszinosum „Verschiedene Untergründe – eine Abhandlung von Döner-Kalle“ beinah vergessen, dass er eigentlich hergekommen war, um sich „einmal zwee halbe Hahn und zwee Pommes Schranke“ zu bestellen – ach, Familiensonntage, herrlich.

Zu unser aller Erquickung konnte Kalle seine Überlegungen auch während der Zubereitung dieser ausgewogenen Mahlzeit fortsetzen:

„… aber da musste natürlich uffpassen, weil meistens nur die Fußwege jepflastert sind. Ausserdem kann nischt soo viel Wasser abfließen. Dann hab ick mir mit meinem jugendlichen Elan jedacht, ick könnte uff nem Boden fahrn, der det Wasser förmlich absorbiert – nämlich sonem Schlackeweg. Da sickert det Wasser ja gleich weg. Nen halben Tach musste ick meen Fahrrad danach putzen, weil nasse Schlacke och nischt besser ist, als Schlamm. Aber schließlich, und endlich hatte ick meenen Traumboden jefunden, aber leider Jottes war dit een Muster ohne Wert: Kleensteenpflaster ist der ultimative Boden, wenn du keene Schutzbleche hast. Bisschen holperiger als Pflastersteine, aber weil die Oberflächen der Steine nicht gleichmäßig sind, kann det Wasser in die vielen kleinen Ritzen. Ein Traum! Herrlich, sag ick dir!
Aber ick sollte nie in den Jenuss kommen…“

Kalle wirkt beinah ein bisschen wehmütig, wie er – augenscheinlich in seinen Erinnerungen verloren – mit routinierten Handgriffen die Pommes erst in das Fettpapier, dann den Thermosack, und schließlich in die Zeitung von gestern wickelt. Ab in die Plastiktüte, das ähnlich präparierte Hähnchen – „Broiler, meen Kleener, wenn de hier wat werden willst, dann heißt det Broiler“ – oben druff und dem Kunden in die Hand gedrückt, der jetzt ebenfalls auf die Pointe wartete.

„Wo war ick?“

Ich erzählte ihm, dass er gerade über Kleinsteinpflaster sinniert hatte.

„Ach ja. Naja, bis ick det mit dem Kleensteenpflaster raus hatte, hatte ick mir natürlich een Auto jekooft und bin nie wieder mit dem Rad jefahrn.“

Es hätte mich auch gewundert, wenns anders gewesen wäre…

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Über sushey

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