Samstags wär ich gerne arbeitslos

oder: Glück und Subjektivität

Es war ein recht kalter, dunkler, feuchter Samstagnachmittag, an dem das Hinterrad meines Fahrrades die urplötzliche Neigung verspürte, mich zu überholen; und es ist egal, welche Wendung man der Geschichte gibt: ich muss sie meiner Unaufmerksamkeit anschulden.

Um kurz die räumlichen Gegebenheiten zu klären: ich befand mich auf der Kreuzberger Seite der Oberbaumbrücke, wo die Oberbaumstrasse einen recht scharfen Knick macht – subjektiv auf meine Geschwindigkeit bezogen – und zwar nach rechts.
An der Stelle ändert sich auch der Straßenbelag, und es gibt zwei Gullis, die in den Knick eingelassen sind. Ich weiß nicht, ob es jene Straßenverhältnisse oder überfrierende Nässe waren, doch am Scheitelpunkt dieser Kurve bemerkte ich die Neigung, die mein Hinterrad mit erfrischender Konsequenz umzusetzen versuchte, und da es noch fest mit dem Rahmen verbunden war, drehte sich mein gesamtes Fahrrad – ehe ich also näher über das seltsame Verhalten meines Hinterrades nachdenken konnte, wurde mir bewusst, dass ich auf – allen Vieren – über/unter/neben meinem Rad über eine stark befahrene Straße schlitterte.

Das war Pech.

Subjektiv gesehen, stellte ich am Ende der Rutschpartie, als ich mich aus Metall, Asphalt und Dergleichen herausgewickelt hatte, fest, dass mir absolut nichts passiert war.

Nichts. Nada, niente, nothing.
Abgesehen vielleicht davon, dass meine Frisur schlecht saß – aber das hatte sie auch schon vorher getan, da bin ich mir recht sicher.
Nein, ich war völlig unversehrt. Kein Schädel-Hirn-Trauma, kein Auto, das mich hätte anfahren können, keine gebrochenen Handgelenke – absolut nichts, nicht einmal Kratzer.

Das war verdammt großes Glück.

Meinem Rad gings da schlechter. Nach dem missglückten Überholversuch war das Hinterrad eine sehr innige Liaison mit meiner Gangschaltung eingegangen. Die Beziehung stand – das Rad leider auch…
„Die Sache kriegen wir schon gebogen“ dachte ich mir und langte zu. Damit liefs einigermaßen, aber die Sache mit dem Schalten konnte ich vergessen.

Also führte eine der nächsten Reisen zum Hufschmied; der wollte den Teufel nicht an die Wand malen und behauptete, das sei doch alles nicht so schlimm, da müsse man nur ein bisschen biegen.
Pustekuchen. Die Schaltung war in sich verdreht, und damit Altmetall. Eine neue sollte her, und das für schlanke 100 Euronen.

Ich war versucht, zu wehklagen, Pech und so. Mit meinem Schicksal hadern, meinen Sternen, dem lieben Gott und überhaupt allem zürnen.
In was für einer doofen Situation ich dort doch steckte, ohnehin schon mit einem schmalen Salär ausgestattet, und das Fahrrad würde im Frühling eh teuer genug werden, wenn es sommerfit gemacht werden sollte, und nun auch noch dies.

Doch ich versuchte stattdessen, der Situation etwas Positives abzugewinnen. Die Schaltung hatte eh nen Schlag weg, und da ich das Auslaufmodell des letzten Jahres bekommen habe (das immer noch zwei Jahre jünger ist als die nun hinfällige Schaltung), war es nicht so teuer, wie die Schaltung eigentlich sein kann (man nehme obigen Preis zuzüglich vierzig Prozent) – und jetzt ist sie perfekt eingestellt und schaltet viel besser als vorher.

Irgendwie auch ein Glück. Nur das Design gefällt mir nicht ganz so, wie bei dem alten Modell.

An dieser speziellen Stelle unterwegs, mit dieser (unkonzentrierten) Laune und in dieser Geschwindigkeit zu dieser Uhrzeit war ich nur, weil ich vorher gearbeitet hatte und nach Hause wollte und nicht wie sonst, woanders hin. Ich vermute allerdings, dass Dies oder Ähnliches eh überfällig war, Arbeit hin oder Her.
Wie dem auch sei – ohne Unfall hätte ich an diesem Samstag einfach keine Lust zum Arbeiten gehabt, da ist ja manchmal das ganze Wochenende hin, und an diesem Samstag war das so und überhaupt hätte ich Freitag noch ausgehen wollen und eigentlich wäre ich lieber im Bett geblieben – aber dass meine neue Schaltung so super funktioniert, das macht mich glücklich!

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Über sushey

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2 Antworten zu Samstags wär ich gerne arbeitslos

  1. Xandriah schreibt:

    Mensch, was machst du denn für Sachen?! Das liest sich ganz schön böse, da hast du echt Glück gehabt, dass dir nichts passiert ist. Vielleicht sollte es auch so kommen. Für die Schaltung haben sich die Umstände immerhin gelohnt 🙂

    Und wenn’s nächstes Mal nas draußen ist, fährst du etwas langsamer 😉

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  2. sushey schreibt:

    …naja, das kommt davon, wenn man übellaunigkeit und unkonzentriertheit mit missachtung der eigenen grenzen und der umstände kombiniert…

    und JA, ich werde ein wenig vorsichtiger sein, wenn das wetter doof ist, versprochen.

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