Döner – Kalle (39)

döner-kalleVerloren

Langsam nähere ich mich der einst so willkommenen Neonreklame, die über der blauen Tür hängt, deren Lack zusehends abblättert. Transparente Aufkleber in der Fensterscheibe, in der sich der kleine aber sehr grüne Kirchenvorplatz spiegelt, verheißen die unterschiedlichsten kulinarischen – nunja, nennen wir es – Erlebnisse.
Ich würde jetzt nicht von Genüssen reden, denn dafür ist mir eine Dönerbude einfach zu rustikal.

Ich zögere vor dem Eintreten, zaudere vor meinem nächsten Schritt, zaudere vor dem Durchschreiten der blauen Tür, doch Kalle hat mich schon entdeckt und schwenkt einen Schal, dessen Blau verdächtig mit dem der Tür korrespondiert. Jetzt ist es auch egal…

„Na, Kleener, wie jehts dir heute? Isset nischt ein herrlicher Tag?“ begrüßt er mich überschwänglich und versucht, den Schal um mich zu legen, was ich stoisch über mich ergehen lasse, um auf die recht diesige Luft draußen hinzuweisen. Bei dem Wetter sehe ich immer aus, als hätte ich heimlich geschimmelt, weil der Niederschlag und die Kälte von den High-Tech-Membranen meiner Jacke blockiert werden und sich aussen am Stoff niederlassen.

„Ich weiß noch nicht so recht. Vielleicht wird er noch schön, wenn die Medien vermelden, dass Fred Rutten heimlich gekifft hat und Schalke die Punkte wieder aberkannt und Werder zugerechnet werden.“

Der ruhmreiche SV Werder von 1899 e.V., Abteilung Profifußball hat nämlich heute Nachmittag gegen Schalke – dessen Emblem auf Kalles Schal prangt – verloren. Und ich damit auch, irgendwie, denn wir hatten uns vorher natürlich verbal zu messen versucht, um erstens festzustellen, wer der bessere Fan ist – im reinen, ursprünglichen Sinne des Fan-Seins – und uns dann darüber einig zu werden, ob es für den wahren Fan denn nun besser sei, den einen oder anderen Verein zu unterstützen.
Wir hatten ein Unentschieden erreicht, weil ich zwar nicht ausreichend niedergeschmettert bin, wenn Werder verliert beziehnungsweise schlecht spielt, Kalle als Ostpreuße aber den Ruhrpott-Arbeiter-Ethos nicht authentisch verkörpern kann, der eigentlich zu S04 gehört.

Jetzt aber, nach diesem 1:0, ist alles anders. Da hilft es auch nicht, dass Schalke gegen keine Mannschaft so oft verloren hat, wie gegen Werder, jetzt zählt nur dieses blöde 1:0.
Nicht, dass ich jetzt besonders fertig wäre; als Werder-Fan musste man diese Saison schon Einiges mitmachen. Trotzdem ist sie natürlich die beste Mannschaft der Welt…

Kalle lacht laut auf wegen meines letzten Kommentars: „ßischer, ßischer, der Werder-Doc ist aber auch nicht so ganz ohne… magste n Döner? Nee, ick mein, Falafel. Da würd ick ja erst rescht heulen, erst verliert mein Verein, dann och noch keen vernünftiges Fleesch, sondern nur diese Kirchererbsen. Dass ick nischt kichere.“

„Naja, wenn du vernünftiges Fleisch hättest, wäre das vielleicht ne andere Sache. Aber dieses Zeug… das kratzt du doch von der Straße, oder?“

Ohne zu wissen, dass ich gleich ein verbales Eigentor schießen werde, hole ich zum  – vermeintlich vernichtenden – Schlag aus:

„Ich meine, eigentlich müsste dein Fleisch doch blau eingefärbt werden, um die arme Menschheit vor ihnen zu warnen, oder nicht?“

Kalle wirkt nicht im Mindesten erschüttert, sondern schaufelt eine gigantische Portion Zwiebeln in die Falafel, schaut mich an und sagt:

„Natürlich. Der Schalke-Döner. Die Nummer 1 schafft jeden!“

Advertisements

Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
Dieser Beitrag wurde unter döner - kalle, Fußball, werder veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar? Gerne!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s