Manchmal friert Elaine

Manchmal friert Elaine.

Das ist im Grunde nicht weiter verwunderlich; jedem Menschen ist in der ein oder anderen Situation einmal kalt.

Elaine aber weiß, dass ihr Frösteln manchmal nicht von aussen stammt; sie nimmt die wärmenden Sonnenstrahlen zwar wahr, doch sie bleiben an der Oberfläche hängen, denn die Kälte kommt von innen heraus.

Ein warmer Tee wäre gut, ein fetter Kakao oder ein Kaffee – aber selbst der Espresso, den sie gerade noch geschenkt bekommen hat, damit sie noch ein bisschen bleibt und die Bar nicht so deprimierend leer aussieht, hilft nicht wirklich.

Sie blickt herüber zur Gruppe von Menschen, die den Straßenmusikanten zuhören, jubeln, mitklatschen.
Leider zu selten im Takt, findet Elaine; überhaupt ist diese Mitklatscherei eine zwiespältige Sache. Es ist ja schön, wenn Menschen feiern und ausgelassen sind, aber dieses Mitklatschen verbreitet eine solche Volksmusikatmosphäre, findet sie.
Sie schaut sich die Menschen an, die an ihr vorüberflanieren; viele von ihnen tragen riesige Brillen, und Elaine weiß, dass sie die Brillen nicht wirklich brauchen, sondern aus stylischen Gründen tragen, um etwas darzustellen.

Die Menschen sollten mehr sein und weniger darstellen, denkt sie, und wird ein bisschen wütend. So schwer kann das mit dem Dasein nicht sein, oder?

Immerhin geht es allen gut; niemand muss um ihr oder sein Leben fürchten, zumindest in diesem Staat, niemand muss hungern, und was kann es Schöneres geben, als einen schönen Sommersonntagabend mit Livemusik?

Sie zupft sich an ihren Ärmeln und versucht, ihre Hände darin zu verbergen; mit eingeärmelten Händen greift sie ihre Kaffeetasse und muss ein wenig lächeln darüber; sie kommt sich reichlich vor wie ein Hollywoodklischee.

Dabei wäre sie doch eigentlich lieber Indie als Mainstream; sie versucht konsequent, sie selbst zu sein und hat das Gefühl, sich dabei manchmal von anderen und sich selbst zu entfremden.

Es sind solche Tage, an denen Elaine von innen heraus friert und sie die anderen Menschen so unerträglich findet, weil sie sich selber so unerträglich findet.

Über sushey

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