So wie immer

Erwin steht auf seinem Balkon und beobachtet das Treiben unter ihm auf der Straße, während er raucht.

Er zieht an der knisternden Zigarette, während der leise nieselnde Regen sich mit dem Grundrauschen der Stadt vereint. Der in orange-rosa schimmernde Himmel spiegelt sich auf den dunklen Straßen; unter dem Balkon stehen zwei Männer und unterhalten sich, ihre Mantelkrägen hochgeschlagen, den rot leuchtenden Glutpunkt der Zigaretten jeweils in der Faust versteckt.

Ein Jugendlicher steuert schnellen Schrittes auf den Spätverkauf zu; vermutlich um sich ein Feierabendbier, ein paar Süssigkeiten oder etwas Freizeit ausserhalb seiner Wohnung zu erkaufen.

Erwins Frau schreit irgendetwas Undefinierbares aus der Wohnung heraus. Erwin registriert es mit dem beiläufigen Desinteresse desjenigen, der dieses oder Ähnliches schon tausende von Malen gehört hat – und vermutlich noch tausende von Malen hören wird.

Unbewusst schnippst Erwin die Zigarette über die Brüstung, hinaus in einen nasskalten Tod.

Wann war sie ihm eigentlich egal geworden? Er hatte sie doch schließlich geliebt, so wie sie ihn auch. Wann hatte sie begonnen, ihm undefinierte Dinge aus der Wohnung hinterherzuschreien? Wann hatte er begonnen, sie zu verabscheuen – und wenn er ehrlich war, auch sich?

Sie hatten so viele Pläne gehabt. Kinder, ein eigenes Haus auf dem Land, jede Menge Reisen ins Ausland. Er hatte noch mal studieren wollen, und sie hätte noch vor den Kindern Karriere machen können.

Für einen kurzen Moment leuchtet dieses Bild heller, trockener Glückseligkeit vor Erwins innerem  Auge auf und überstrahlt die dunkle, feuchte Großstadtrealität.

Für einen winzigen Moment verschwindet sein Balkon und macht einer Terrasse Platz, hinter der ein gepflegter Rasen, einige Obstbäume und ein Gemüsebeet sind.

Der Nachhall ihres Ausrufes weicht dem Gezwitscher von Vögeln; das Rauschen des Niesels wird zum Wind in den imaginären Baumwipfeln.

Er lässt es nicht zu, doch in seinen Träumen durchlebt er immer und immer wieder dieselbe Frage: Wie konnte es zu alldem kommen? Wann hatten sich seine Träume in einen undefinierten Schrei aus einer muffigen Wohnung heraus verwandelt?

Erwin hätte es nicht sagen können, hätte er sich der Frage gestellt, doch würde man ihn fragen, wie es ihm geht, in diesem Augenblick zwischen dem Fortschnippsen der Zigarette und dem anschließenden Hochziehen und Ausspucken jener gelblich-braunen Bröckchen, unmittelbar bevor er wieder in den Muff der Wohnung zurückkehrte, dann hätte er gesagt:

So wie immer.

Warum sollte es auch anders sein?

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Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
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2 Antworten zu So wie immer

  1. ConnyD schreibt:

    Super Post, jedoch habe ich mal eine Frage. Wie kann ich diesen Beitrag zu meinem Feed Leser hinzufügen? Ich finde das Icon nicht. Danke

    Gefällt mir

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