Rammstein – Liebe Ist Für Alle Da

„Liebe Ist Für Alle Da“ hat die Menschen polarisiert. Die eine wollte es auf den Index setzen, andere regten sich darüber auf – und vielen war es herzlich egal.

Musikalisch – soviel kann ich vorab verraten – ist die Band gut drauf, auch wenn sie mehr kann.
Zwischen Pop-Rock und Gothmetal präsentiert sich das Album recht abwechslungsreich; textlich gibt es Diskussionsbedarf.

Ich werde in Folge den Beweis antreten, dass es sich beim – vielleicht? man weiß es nicht – letzten Album von Rammstein mitnichten um jugendgefährdende Ware handelt – sondern im Gegenteil um das verkannte humanistische Machwerk der Rocker.

Erste Andeutungen finden sich schon im Albumtitel: „Liebe Ist Für Alle Da“ ist ein Versprechen nicht nur an die Reichen und Schönen, sondern es vermittelt auch noch dem letzten DsDS-Teilnehmer: du wirst geliebt.

Der krachig-rockende Opener „Rammlied“ etwa bezeichnet das durchweg gute Verhältnis zwischen schmerzlich vermisster Band und dem geneigten Fan – Querreferenzen zu Queens „One Vision“ inbegriffen.

„Ich tu dir weh“ – letztlich der Grund für die Indizierung des Albums –  versteckt seine positivistische Grundaussage etwas geschickter.
Es beschreibt eine asynchrone partnerschaftliche Beziehung und verbindet diese mit dem liberalen Tenor: „Erlaubt ist, was gefällt“ – offenbar versucht das lyrische Ich, dem Partner / der Partnerin auch abseitigere Wünsche zu erfüllen, getreu dem Motto: „Du bist das Schiff, ich der Kapitän / Wohin soll die Reise gehen?“

Zunächst in den Wald: „Waidmanns Heil“ thematisiert den Konflikt zwischen Jäger und Gejagtem – Problembären lassen grüßen. Musikalisch ist das Lied mit seinen thrashigen Metal-Anleihen sehr viel spannender, als textlich.

Sowohl textlich, als auch musikalisch spannend ist die Brecht-Hommage „Haifisch“. Poppiger Stampf-Rock, der Spaß macht, konterkariert die ernste Thematik.
Abermals lohnt ein Blick zwischen die Zeilen: Wie schon im originalen Moritat von Mackie Messer, beschreibt der Text das zwischenmenschliche Miteinander, in diesem Falle zwischen der öffentlichen Wahrnehmung der Musiker und deren ureigene Menschlichkeit, die im Lichte der Pyrotechnik allzu gerne untergeht.
Zu oft, so drängt sich der Eindruck auf, projiziert das Publikum die vordergründigen Provokationen der Band auf ihre feinfühligen Mitglieder – der Mensch ist des Menschen Haifisch.

„B**********“ handelt letzten Endes vom immerwährenden Konflikt des „Es“ und des „Über-Ich“ im lyrischen Ich – und der schmerzlichen Erkenntnis, dass es manchmal schwer ist, seinem Verlangen zu widerstehen.

Es folgt die erste Ballade „Frühling in Paris“ – die Geschichte eines Jünglings, der von einer älteren Dame entbübt wird – für den Erzähler offensichtlich eine positive, einprägsame Erinnerung.

„Wiener Blut“ ist die bedrückende Aufarbeitung des Kriminalfalls von Amstetten.

Es folgt das textliche Highlight des Albums, die Single, die aufgrund der – vermeintlich – gefilmten kopulierenden Bandmitglieder schon im Voraus für viel Furore gesorgt hat: „Pussy“.
Im Großen und Ganzen handelt das Lied von der Über-Erotisierung unserer Gesellschaft. Textliche Perlen wie „Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr“, „Steck Bratwurst in dein Sauerkraut“ gehen Hand in Hand mit dem poppigen, sehr einprägsamen aber arg plastikartigen Sound des Songs.

Musikalisch deutlich düsterer werdend, folgt der Titeltrack „Liebe Ist Für Alle Da“ – das lyrische Ich fühlt sich von der Schönheit des Lebens und des anderen Geschlechts ausgeschlossen; es kann seine Zuneigung nur in seinen Träumen ausleben.

„Mehr“ ist eine Abrechnung mit dem gierigen Verhalten der Bankmanager vor und während der Finanzkrise – gerechtfertigt, wenn man bedenkt, dass die Band vermutlich auch die eine oder andere Million durch Fehlspekulationen verloren hat.
Wer kann das nicht nachvollziehen?

Die zweite Ballade „Roter Sand“ kling beinahe Kammer-pop-artig. Es geht um den Kampf zweier Ehrenmänner um die Gunst eines holden Weibes – leider mit negativem Ausgang für den Erzähler. Eine düster-romantische Geschichte und musikalisch sehr schön eingerahmt.

„Liebe Ist Für Alle Da“ ist also in der Quintessenz seines Inhaltes ein zutiefst romantisches, manchmal melancholisch-schwelgerisches Album, dessen metaphorische Aussagen zugegebenermaßen missverständlich interpretiert werden können – es ist durchaus denkbar, dass es in der Strophe „Bratwurst in dein Sauerkraut“ nicht vorrangig um kulinarische Genüsse geht.

Ein Schelm, wer denkt, die Band habe irgendwen provozieren wollen.

Beschreibung des Albums auf de.wikipedia.org

Rezension auf laut.de

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Über sushey

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2 Antworten zu Rammstein – Liebe Ist Für Alle Da

  1. ohrenrausch schreibt:

    Brüll, kreisch, kicher….viel Argumentationshilfe, um meine liebste Schäm-Band auch meiner Tante vorzuspielen.

    Gefällt mir

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