Das Imaginarium des Dr. Gilliam

Mit Jahrmärkten ist es doch so: man entflüchtet für eine kurze Zeit in eine Welt, die der unseren ähnelt, aber ungleich bunter und magischer ist. Man hat viel Spaß, taucht ein in diese Welt – und ärgert sich im Nachhinein ein wenig über die Geisterbahn, die nicht ganz ihre eigenen vollmundigen Versprechungen halten konnte.

Im „Kabinett des Dr. Parnassus“ ging es mir ganz ähnlich.

Das Optische vorweg: der Film sieht toll aus; man kann auf der Stelle erkennen, in wessen Imaginarium man eigentlich wirklich unterwegs ist. Szenenbilder und Kostüme sind beeindruckend, und einige der phantastischen Welten sind trotz der allzu offensichtlichen Herkunft aus dem Computer schlichtweg überwältigend – herrlich bunt, wunderbar lebendig. Ein besonders beeindruckendes Beispiel ist die erste Kamerafahrt, die ein London zeigt, in dem man Jack The Ripper vermutet – bis der Bruch kommt und wir zum Eingang eines Technoclubs versetzt werden.

Die Story fällt dem gegenüber leider stark ab. Sicher, sie ist ebenso simpel wie effektiv – Der heruntergekommene Jahrmarktsdarsteller Dr. Parnassus wettet mit Mr. Nick (ein großartiger Tom Waits als Teufel) und verpfändet die Seele seiner Tochter (very british & very bleich: Lily Cole) – Mr. Nick erklärt sich allerdings bereit, auf den Wetteinsatz zu verzichten, wenn es Dr. Parnassus gelingt, fünf Seelen für sich zu gewinnen.
Zu praktisch, dass gerade ein mysteriöser Unbekannter ohne Gedächtnis auftaucht, der offensichtlich eine Begabung darin besitzt, Menschen zu überzeugen…

Und so entwickelt sich ein unterhaltsames Seelenjägerspiel mit Irrungen, Wirrungen und den ewig undurchsichtigen Täuschungen des Mr. Nick – leider bleiben die Charaktere ein wenig blass, auch wenn die Darsteller durchweg gute Leistungen abliefern – Heath Ledger schien sogar ein wenig vom Verve des Jokers mitgenommen zu haben.
Doch insbesondere die Auswechselspieler Colin Farell, Jude Law und Johnny Sparrow Depp konnten angesichts der Kürze ihrer jeweiligen Auftritte ihren Rollen nicht viel Tiefe geben, auch wenn sie sichtlich Spaß an ihren Auftritten hatten.

Und so ist es dann wie auf dem Jahrmarkt, wenn man mit von der Zuckerwatte klebrigen Fingern, ein wenig kalten Füßen und dem leichten Schwindel im Kopf nach Hause geht: Die Geisterbahn war vielleicht wirklich ein bisschen lahm – aber Spaß, den hat der Jahrmarkt auf jeden Fall gemacht!

Für Fans von Sweeney Todd und Tideland – und in seinem vorletzten Film war Heath Ledger schlichtweg grandios.

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Über sushey

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4 Antworten zu Das Imaginarium des Dr. Gilliam

  1. ohrenrausch schreibt:

    Da fühl ich mich parallelunversumt: So ähnlich ging es mir bei „Shirlock Holmes“, super Effekte, schönes optisches Gedüstere, ein recht ordentlicher Robert Downey Junior (obwohl – warum unbedingt amerikanische Schauspieler einen britischen Akzent generieren müssen und kein passender Angelsachse zur Stelle war, wird mir ewig ein Rätsel bleiben), aber irgendwie ein wenig blutarm. Kurz: Guy Ritchie hat sich redlich bemüht, doch da wäre noch Luft nach oben.

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    • sushey schreibt:

      Ach schade. Der sieht doch in der Vorschau so toll aus. Aber ich werd ihn mir trotzdem anschauen.
      Britische Schauspieler: Versteh ich auch nicht. Es gibt schon einige tolle, wie z.B. James Nesbitt, der brilliant in der BBC-Miniserie Jekyll gespielt hat.
      Die Serie lohnt sich übrigens!

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  2. ohrenrausch schreibt:

    Ich fürchte, die Vorschau ist ein Highlight-Konzentrat. James Nesbitt: sicher ein schneidiger Holmes. Kenn zwar die Mini-Dingens nicht, doch werde ich mir mal zu Gemüte führen. Und wenn man mal utopisieren kann: ein jüngerer Bill Nighy wäre sicher auch super, oder Jonathan Rhys-Meyers? Vielleicht zu schön, aber was füs Mädchenauge.

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  3. sushey schreibt:

    … also JRM wäre definitiv zu schön… und zu jung. Der wäre eher was für Lord Vetinari in einer Pratchett-Verfilmung.

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