Progpop und Lichterkettenbäume | Imogen Heap im Lido

„Jetzt ist sie völlig durchgeknallt.“ dachte ich mir, nachdem Imogen Heap sich eine riesige Sonnenbrille aufgesetzt und sich ihre Keytar umgehängt hatte, um dann mal ordentlich loszurocken.
Zu diesem Zeitpunkt war das Konzert bereits weit fortgeschritten, und auch wenn die prinzipiellen Zutaten bekannt waren – allerlei elektronische Spielereien, Immis Stimme, Klavier, und Samples, Samples, Samples – so unterschied sich der Auftritt wesentlich vom Gig vor zwei Jahren.

Natürlich hat sie viele Lieder aus ihrem aktuellen Album gespielt. Auch einige Vertreter des Vorgängers „Speak for Yourself“ waren dabei; die „Frou Frou“-Zeit fehlte fast völlig – und damit auch „Let Go“.
Und dann war da noch die Band – es wurden tatsächlich analoge Instrumente gespielt!Zusammen mit der Entscheidung Immis, viele Songs „pseudo-unplugged“ zu spielen – sprich, mehr Klavier, weniger Drum Machine – sorgte die Instrumentierung für ein warmes, analoges Feeling, das mir manchmal auf ihren Alben fehlt.
Gleichzeitig zeigt die Reduzierung aufs Allernötigste bei einem Song wie „Speeding Cars“, wie gut Immis Songwriting tatsächlich ist.
Dieses Talent wird höchstens noch von ihrer Fähigkeit ausgestochen, Klänge zu samplen – und das ist das eigentlich Spannende bei ihr: zu beobachten, wie sie Klänge, Melodien, Gesang und Rhythmen zu einem komplexen und eingängigen – Ding – kombiniert, das eigentlich mehr Collage als Popsong ist.

Das funktioniert live dann so:

Zunächst kommt eine Anekdote, welche die Entstehungsgeschichte des nächsten Songs erläutert – das sind erstaunlich oft Enttäuschungen oder Kuriositäten, die sie in ihren Beziehungen erlebt hat – dann huscht sie ein wenig verwirrt über die Bühne und sucht sich allerlei Zubehör zusammen, schnappt sich ein Mikro und sammelt Geräusche, die oft das rhythmische Fundament bilden. Kurz ans Klavier gesetzt, schnell zum Sequenzer, ein bisschen an der Drum Machine gedreht, zurück zum Klavier und – zumindest gestern – ab und an ans kurz vorher gekaufte Schlagzeugset.
Daraus wird dann irgendwie ein Lied.


Imogen Heap on Billboard.com

Dass der Grammy fürs bestproduzierte Album hochverdient ist, merkt man daran, dass sie auch mal einen Song abbricht, um die kaum hörbar verstimmte Geige nochmal neu zu samplen, um auch wirklich den perfekten Sound zu kreieren.
Steckt hinter der mädchenhaft-verspielten, sympatischen Britin, die stolz einen kleinen zwitschernden Spielzeugvogel präsentiert, eine auch live perfektionistische und detailversessene Produzentin?

Der Sound spricht Bände.

Übrigens ist sie der erste Mensch mit Mikros an den Handgelenken, um noch effizienter samplen zu können…

Nicht unterschlagen sollte man die begleitenden Musiker, von denen jede/r gestern ein Debüt hatte: keiner der anwesenden Musiker – Immi eingeschlossen – hatte vorher auf einer Bühne Schlagzeug gespielt.
Sie durften alle mal.

Erste Vor“band“ war Madeleine Bloom, eine Berliner Künstlerin, die nach dem bereits bekanntem Muster alles komplett selber erledigt. Auf der Bühne wirkte es ein wenig wie eine alternative Version von Imogen Heap – setzt man sich aber mit ihrer Perspektive des Gigs auseinander, dann muss man den Hut ziehen vor dieser Leistung.

Ihr tolles Album „Minutia“ schließlich zeigt, dass sie einen zwar ähnlichen, aber durchaus eigenständigen Stil besitzt, ein wenig orchestraler und abgründiger.

Der Gitarrist Back Ted N’Ted – der auch später einige Gitarrenparts übernahm – spielte nur mit Gitarre, Looper und Gesang bewaffnet einige schöne Songs, die allerdings prägnanter hätten sein können. Bei der Art Postrock, die er gespielt hat, wäre eine komplette Band meiner Ansicht nach zweckdienlicher gewesen – bemerkenswert ist ein solcher Auftritt trotzdem.

Emotional hat mich der Abend lange nicht so bewegt, wie der erste Gig im Frannz – daran hatte Zoe Keating aber auch einen großen Anteil.
Trotz Erkältung Immis war es aber allemal sehr unterhaltsam und lustig – auch weil das geneigte Publikum mit einigen Gesangsparts z.B. bei „Hide & Seek“ eingebunden wurde.
Für das stimmungsvolle Ende sorgte natürlich „The Moment I Said It“ – nur Klavier und Gesang und damit eine ganz andere Intensität als die ohnehin schon beeindruckende Version auf CD.

Wär wirklich schön, wenn Imogen Heap tatsächlich im Sommer noch mal vorbeikäme.

www.imogenheap.co.uk
Back Ted N’Ted (myspace)
www.madeleinebloom.com
Review im Tagesspiegel
Review zum Konzert vor zwei Jahren im Soundmag

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Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
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2 Antworten zu Progpop und Lichterkettenbäume | Imogen Heap im Lido

  1. Madeleine schreibt:

    Vielen Dank für den kleinen Absatz. 🙂

    Gefällt mir

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