Abgewickelt.

Insolvenzen gehören ja leider mittlerweile zu den 00er Jahren wie Ernie zu Bert, Tokio zu Hotel oder Westerwelle zu fortgeschrittener eloquenter Idiotie.

Insbesondere in Zeiten der Krise gehören die beinah täglichen Insolvenzmeldungen so sehr zum Alltag wie die ständig neuen Aktienhöchststände zu den besten Zeiten der New Economy.

Es schockiert kaum noch, wenn Quelle pleite geht, bei Märklin der letzte Zug abfährt, nachfolgende Generationen Karstadt für einen weiteren Ort in den Neuen Bundesländern halten – und Unterwäsche von Schiesser war eh immer uncool.

Das Prozedere einer Abwicklung ist mittlerweile hinlänglich bekannt: Es wird ein Experte für Insolvenzen bestellt, der eigentlich nur Eines nicht haben darf: Mitgefühl mit der Firma und deren Mitarbeitern. Es wird rigoros gespart, schmerzhafte Einschnitte werden gemacht, Traditionen aufgebrochen, und mit viel Glück kann man am Ende statuieren: Rekordumsatz (Märklin) – oder eben Ende der Privileg(ien) (Quelle).

Nur an die Begrifflichkeit kann und will ich mich nicht gewöhnen: Abwicklung.
Das klingt so abgekartet, kurz, schmerzlos und keinesfalls nach Entlassungen, Verzicht, No Future.
Ich wickle relativ wenige Dinge in meinem Leben ab: das ein oder andere Geschäft über eBay (jetz nimmer wegen PayPal, aber das ist eine andere Geschichte), ab und an mal ein wenig Klopapier, auf Arbeit die verschiedensten Kabel oder Seile – wobei gerade hier das Aufwickeln das eigentlich Spannende ist…

Jedenfalls empfinde ich es als reichlich unangemessen, wenn mittelständische Unternehmen einfach nur abgewickelt werden, kurze Pressemitteilung und gut.
Dass dahinter knallharte Geschäftsentscheidungen stecken, die in den meisten Fällen zu Lasten der Arbeitnehmer gehen – und das nicht zu knapp – deutet dieses Wort nicht einmal an; dieses Wort klingt eher nach lässigem Aus-dem-Handgelenk-wedeln als nach der Zerstörung von Existenzen, Familienplanungen und Sicherheiten.

Upps, ich muss jetzt gehen. Hier liegt eine Lakritzschnecke herum, die abgewickelt werden will.

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Über sushey

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