Döner – Kalle (41)

Flashforward

Als ich in die altbekannte Dönerbude komme – Kalle und ich hatten in gegenseitigem Einvernehmen und unter Tränen beschlossen, uns wieder häufiger sehen zu wollen – befällt mich zunächst eiskalter Schrecken:

Kalle liegt regungslos auf dem Boden!

Kreislaufzusammenbruch? Der erfahrene Ersthelfer vermutet diese Erklärung; des Geschichtenerzählers Phantasie malt schon mal die schönsten Bilder: Bewaffneter Raubüberfall? Tod? Ehestreit?

Ich spreche ihn an, stubse vorsichtig in den Bauch. Leichte Klapse ins Gesicht – nichts.
Anscheinend doch irgendwas Schlimmeres.

Ich will gerade mit der Reanimation beginnen, als eine Eieruhr klingelt – und Kalle aufsteht, als sei überhaupt nichts geschehen.

„Was zum Teufel…“ entfleucht es mir, als ich Kalle hilfreich meine Arme zur Unterstützung anbiete, doch der winkt ab: „Keen Rumjefluche, wa. Nu lass ma los, dankeschön. Mir jehts doch jut, bin doch keen alta Oppa!“

„Aber was hast du da auf dem Boden gemacht?“ will ich wissen, als wir beide eine Fritz-Kola zur Beruhigung trinken und das Treiben auf der Straße beobachten. Um den milden, sonnigen Tag zu feiern – der Frühling kommt! – haben wir uns nach Draußen gesetzt; scheißekalt ist es, wenn man sich nicht bewegt.

„Zukunftsplanung“ lautet das kryptische Erklärungswort des Gastronomiefachwirtes, der gerade ein paar Spatzen mit Brotkrumen füttert.

„Zukunftsplanung?“ frage ich zugegebenermaßen dümmlich nach.

„Ja, ick hab jestern wat im Fernsehn jesehn darüber. Zwee Minuten in Ohnmacht fallen, und denn kannste sechs Monate von jetzt an in die Zukunft blicken. Dit hab ick ooch ausprobiert.“ – mir schwant nichts Gutes, und in der Tat schaut Kalle etwas missmutig drein, was mich zum erneuten Nachfragen animiert.

„Wie – ausprobiert? Was haste denn gesehen?“

„Dit isset ja – nüscht.“

„Was, gar nichts?“ – (waren die nicht dem Tode geweiht…) denke ich, aber nur in Klammern.

„Doch.“ Ich seufze. Mal wieder Antworten aus der Nase ziehen.

„Und was genau…?“

„Naja, nüscht viel, wie ick sachte. Die Bude. Den Spieß. Mich. Wie ick nen Döner mache.“

Oh. Klang nicht gerade spannend.

„Na eben. Und deswegen versuche ick jetze, mir wat Anderet vorzustellen. Ne Million im Lotto oder so. Aber et ist immer nur die alte, abjeranzte Dönerbude.“

Mir hätte gleich auffallen müssen, dass die Stelle, an der Kalle gelegen hatte – im Gegensatz zum Rest des Bodens – spiegelblank geputzt war…

Über sushey

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