Die Statue des unbekannten Künstlers

statue von shadowplay

photo von shadowgate

Draußen im Wald, auf der kleinen Lichtung, die so leicht zu übersehen ist, weil sie von dichtem Gestrüpp fast vollständig umwuchert wurde.

In der Ruhe der Abgeschiedenheit, überschattet von großen, alten, knorrigen Bäumen, von der Welt getrennt durch dorniges Gebüsch und fast verschluckt durch das Efeu, das an ihr hinaufrankt, steht eine Statue.

Verhüllt in ihrem steinernen Umhang ragt sie aus dem ewigen Grün heraus; seit Jahren war kein Mensch mehr an dieser Stelle. Es gibt niemanden mehr, der wüsste, wer hier abgebildet ist und warum – oder wer überhaupt der unbekannte Künstler war, und weshalb die Statue inmitten dieser Lichtung steht.

Es mag in den vergangenen Jahrzehnten die eine oder andere Person gegeben haben, die zufällig über die Statue gestolpert sein mag – doch die nächste Siedlung ist so weit entfernt, dass auch diese spärlichen Besuche seltener und seltener geworden sind.

Dunkle Linien mäandern durch das ehemals schneeweiße Gesicht und zerteilen es in tausend Stücke, allesamt wie durch Magie in Form gehalten. Hier und dort sind Stellen herausgebrochen; dunkelgrünes Moos, Wasser und Frost haben nach und nach größere und kleinere Brocken aus der Statue gesprengt.

Wer hätte sich auch im sie kümmern sollen?

Trotz alledem sieht die Statue seltsam erhaben aus, wenn die schräg stehenden Sonnenstrahlen eines Sommerabends – durch Baumstämme und Äste in schattige Einzelteile unterbrochen – die Statue in ein Gitter aus Hell und Dunkel tauchen, goldenes Sonnenlicht unterbrochen von der Schwärze der Nacht.

Die Figur ruht auf einem Sockel und wirkt deswegen groß und furchteinflößend; und doch steht sie gebeugt, das Gesicht hinter den marmornen Fingern verborgen – als wolle sie sich abwenden oder könne nicht mitanschauen, was vor ihren Augen geschieht.

Die Linke liegt auf dem Halsansatz, ganz so, als versuche die Figur, sich selber zu schützen.

Oder sich zurückzuhalten…

Es wird einen Tag geben, an dem die Statue die Hände vom Gesicht nimmt und ihre Arme ausstreckt.
Sie wird sich zu ihrer vollen, erfurchtgebietenden Größe aufstellen und langsam den Efeu von ihrer dann rosigen Haut abziehen.
Die Tunika wird schneeweiß in der Brise wehen; keine Spur von Zerfall oder Moos.
Sie wird langsam die Kaputze absetzen und ihr pechschwarzes, schulterlanges Haar zeigen, bevor sie ihre Augen aufschlagen wird.

Ihre Augen werden glühen, ihr Blick alle Seelen durchdringen, die sie erblickt.

Sie wird ihre Stimme erheben, und ihrem Verdikt wird kein Flehen, kein Bitten widerstehen; ihre unbestechliche Logik wird nicht zu wiederlegen sein.

Was dieses Urteil sein wird und über wen es verhängt werden wird, das weiß nur ein unbekannter Künstler, längst nicht mehr als eine kleine Fußnote im Strudel der Zeit…

moloko – statues

Über sushey

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