Le Tour – ein (fast)Livebericht

Aus mannigfaltigen Gründen hatte ich mich entschlossen, streckenweise mit dem Rad zum Osterbesuch in die Heimat zu fahren. Hier ist der Bericht; weil ich Liveticker so gerne mag, im Tickerstyle.

7:00, Berlin: Hätte man mich des Morgens gefragt, ich hätte in voller Inbrunst der Überzeugung behauptet, mein Leben zu bescheiden, ohne jemals die Begriffe „Bahnhof“ und „hübsch“ in einen Kausalzusammenhang zu bringen. Wie es mein Schicksal, mein Portemonnaie, die Geographie und mein sportlicher Ehrgeiz so wollten, sollte der Fahrradteil meiner Reise in Uelzen beginnen. Und der dortige Bahnhof ist, nunja, wirklich hübsch. Und so verbrachte ich die

Km 0 – Km 0,1 damit, das Fahrrad draußen anzuketten, um den Bahnhof herumzulaufen und Photos zu machen:
Hundertwasserbahnhof Uelzen
Die anderen Photos wollen grad nicht. Sie stehen draußen mit der Kamera und rauchen.

Die Zugfahrt selber war übrigens sehr angenehm. Kurze Fachsimpeleien mit anderen Radlern, das kleine Mädchen, das Phase 10 gespielt hat, die freudige Erwartung…

Km 0,1 – 12: Das flutscht! Wetter ist gut, die Laune auch; der Rücken allerdings bemängelt die leicht asymmetrische Bepackung des Rucksacks.

Km 12 – 30: Sauber! Ich fahre im Windschatten eines Treckers samt Anhänger. Mir ist jetzt noch ganz tüdelig von den Abgasen.

Km 30 – ??? „Im Trecker vor mir fuhr ein dicker Bauer, ratta, rattatatata“ – er nickt mir noch anerkennend zu, als er abbiegt. Hätte ich ihm das mal nachgemacht. Aber ich verpasse meinen Wegpunkt und komme n büschen vom Kurs ab.

Km ??? wenn ich den Sonnenstand richtig interpretiere, bin ich zu weit in südwestliche Richtung abgedriftet. Erwarte die ersten Coffeeshops. 

Km ??????? Keine Coffeeshops. Auch nix anderes, wo man mal was essen oder trinken kann. Nehme mehrere Duplos zu mir, die sich gar nicht die Mühe machen, verdaut zu werden, sondern direkt in die Muskeln streben.

Munster Vermute kurz einen Tippfehler im Straßenschild, bin dann aber erleichtert, dass es kein Ü ist – dann wäre ich wirklich weit im Süden gewesen. Jedenfalls, wenn man bedenkt, dass ich in den Norden will.

Munster – Bispingen Eine Passantin nimmt mir die Vorfahrt. Ich nehme das freudige Ereignis zum Anlass, sie nach dem Weg zu fragen. Sie schaut mich entsetzt-mitleidig an und fragt, ob es denn keine Alternative gebe. Gibt es nicht, und ich zische im Stadt-Sprint-Tempo los. Kann ja nicht so weit sein.

kurz vor Bispingen atme inzwischen Duplos ein; auch die Cola nimmt den direkten Weg. Steigungen sind inzwischen minder geil; der Hintern meldet Bedürfnisse.

noch kürzer vor Bispingen versuche, auf dem Bauch zu fahren. Das klappt aber nicht: ich kann nicht mit den Ohren lenken.

wieder weiter weg von Bispingen es scheint internationales Hobby professioneller Beschilderer zu sein, kurz vor irgendwelchen Orten jegliche Hinweise auf deren Existenz nicht nur zu verleugnen, sondern den unbedarften Vorbeikommer völlig in die Irre zu leiten. Umwege erhöhen schließlich die Ortskenntnis.
Ich bin aber schlauer, haha! Entdecke einen meiner Wegpunkte wieder und re-orientiere mich. Was ich da noch nicht weiß: Diese Aktion kostet mich noch mal ca. 25 Km, da ich aus der verkehrten Richtung komme.

irgendwo in der Wildnis Die gute Nachricht: ich bin irgendwo in der Heide. Die schlechte Nachricht: laut Wikipedia kann Heide quasi überall vorkommen…

norddeutsche Tiefebene (hügeliger Abschnitt) Tiefebene, pöh! Die Gegend ist – gefühlt – hügeliger als Westerwelles Gesicht. Würde gerne auf dem Rad schlafen – aber ein Hügel weckt mich wieder.

Dehnsen Wie jetzt?!? Links Kopfsteinpflaster, rechts Treibsand. Während mein Hintern in einen ausgedehnten Warnstreik geht, entscheide ich mich für Ja. Nein. Ich mein…  Jein.

verfickte Scheißpisse Alles scheiße: die Idee, mit dem Rad zu fahren, die Beschilderung, die Wege, das Rad, der Wind, mein Leben, Guido, diese dämliche Heide, der Rucksack, die Duplos – und überhaupt. Gehe erstmal ein ordentliches Alster trinken, nachdem ich festgestellt habe, dass es nicht nur den Ort Evesdorf (mit v), sondern auch Eyesdorf (mit y) gibt. Beide liegen nicht weit voneinander entfernt – aber weit genug, um mich völlig durcheinanderzubringen.

Volkwardingen Endlich eine brauchbare Aussage! Noch mal noch so 10-12 Km, dann sollte ich endlich am Ziel sein. Das wäre auch ganz gut, denn der Hintern überredet gerade den Restkörper zum Generalstreik.

Wildnis, diesmal bekannt die Euphorie setzt unbekannte Energien frei. Wie von Sinnen setze ich zum Schlussspurt an. Oder liege schon delirierend am Straßenrand.

kurz vorm Ziel völliger emotionaler Zusammenbruch samt Wutauslassungen (nicht wiedergebbar). Erwäge Aufgabe. Nur der Stolz hält mich noch aufrecht. Grund: Hindernisse, die nicht auf der Karte eingezeichnet waren.

ich sehe das Ziel Ultimativ wichtig: das Posing. Wenn man strahlend durch das Ziel fährt, macht das den Gegner total fertig. Problem: in diesem Fall bin ich mein eigener Gegner…

ZIEL Schab Körper. Rien ne va Plus.

Der Routenverlauf, grob geschätzt

Mein GPS

so, und nu gehts noch die 20 Kilometerchen zu Oma. Diesmal kenne ich den Weg…

Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
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Eine Antwort zu Le Tour – ein (fast)Livebericht

  1. Pingback: Himmel, fahrt! | milchmithonig.de

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