Ein Spreequell, bitte! – und zurück.

Bikes & Beer

Ein Reisebericht.

Nein, wirklich triumphal war unsere Ankunft in Neugersdorf nicht. Dafür hatten wir zu sehr das Gefühl, den widrigen Umständen – Wetter, Anstiege, rechtzeitige Rückkehr – nur teilweise getrotzt zu haben. Und doch war es eine sehr schöne, spannende und abwechslungsreiche Reise, deren Ende nicht besser hätte passen können.

Doch der Reihe nach. Meine Kollegen Christopher und Raphael hatten schon im letzten Jahr zu Himmelfahrt eine Radtour in den Nordosten der Republik unternommen. Nach einigem Hin und Her gab es dieses Jahr die Entscheidung, von Berlin aus in den Süden zu fahren, und zwar zumindest teilweise entlang des Spreeradweges.

Der Plan sah vor, zunächst mit dem Zug von Berlin nach Königs Wusterhausen zu fahren, uns dort auf die Drahtgäuler zu schwingen und nach Cottbus zu fahren – rund 125 km, nicht schlecht für den Einstieg.
Am zweiten Tag würden wir nach Bautzen fahren, und für den dritten Tag hatten wir noch kein wirkliches Ziel – abhängig vom Wetter und unserer Fitness wollten wir entweder nach Dresden, an die Spreequelle oder nach Zittau – und auf jeden Fall abends wieder nach Cottbus, Pokalfinale schauen.

Tag 1:  Königs Wusterhausen – Cottbus (125Km)
Je später der Abend, desto schöner die Gäste…
Die Laune ist gut, das Wetter ebenfalls – jedenfalls angesichts späterer Ergüsse – und in KW angekommen, staunen Raphael und ich über das Tempo, das Christopher anschlägt; wir spüren einerseits den Spaß an der Bewegung, andererseits staunen wir über den Detailreichtum, mit dem Christopher über die bewegte Geschichte vieler durchfahrener Örtlichkeiten berichten kann.
Das hohe Durchschnittstempo (22 km/h, wir hatten mit 15 geplant) blieb, es ging gut voran – bis irgendwann keine Schilder mehr kamen. Der Blick auf einen lokal aushängenden Umgebungsplan verdeutlichte unsere Befürchtungen: war waren falsch gefahren. Also wieder zurück bis zum nächsten Schild – zum Glück nur 2 km – und festgestellt, dass irgendwelche Spaßvögel das Schild verdreht hatten.
Immerhin waren wir jetzt wieder auf der richtigen Spur, und es ging fröhlich weiter.
Meine Gangschaltung machte ein paar Speränzchen – ich hatte unmittelbar vor der Reise Kette und Schaltzug gewechselt und nicht perfekt konfiguriert – sodass ich nur die sehr schweren oder die sehr leichten Gänge nutzen konnte.
Abgesehen davon war alles schick; unser Bergfest feierten wir mit Bier und Bratwurst in Groß Wasserburg.
Überhaupt Bier: je näher wir Cottbus (und dem Abend) kamen, desto lustiger kaputter schräger alkoholisierter wurden die Damen und Herren, die uns entgegenkamen…

Eine weitere Pause legten wir in Lübbenau ein, wo das Titelfoto entstand und wir uns ein weiteres Bierchen und ein buntes Sortiment Gewürzgurken einverleibten, um dann auf dem Gurkenradweg weiter zu fahren, der immer an der Spree entlang durch den Wald führte.

Der Marktplatz in Lübbenau

Und dann war es irgendwann geschafft: 125,3 Kilometer, bei einem Schnitt von knapp 20 Kilometern in der Stunde. Eine reife spochtliche Leistung, die wir abends mit Grillen und Bier würdigten.

Tag 2: Cottbus – Bautzen (95 Km)
Kühe und vor allem: Regen, Regen, Regen

Die erste Überraschung des Tages: Treppensteigen geht gerade eben so. Auch mein Hintern meldet sich erstaunlich frisch auf dem Sattel zurück. Den anderen Beiden geht es ähnlich; und so starten wir frohen Mutes in die zweite Etappe.
Zunächst geht es quer durch Cottbus, und dann hinaus ins Land – die Spree immer fest im Blick.
Erster Stop des Tages: ein Rapsfeld, ca. 10 Kilometer ausserhalb. Sah auch wirklich toll aus, das Gelb:

Rapsfeld

Das Gelb ist das einzig Fröhliche...

Wir fuhren zügig weiter, sodass der nächste ernstzunehmende Stop erst an einem Hochseilgarten in Neuhaus war, den ich mit professionellem Interesse angeschaut habe – Christopher und Raphael machten unterdessen eine kleine Trinkpause.

Dieser erste Teil der Etappe war sehr angenehm und erfüllt von so intellektuellen Diskussionen wie die Erörterung der Fragen, wie Kühe dick werden können, wo sie doch nur Gras fressen und was die eigentlich den lieben langen Tag so machen, wenn sie denn mal kein Gras fressen…

"So viel Feld, und die stehen alle in der Ecke rum."

Leider wurde es kurz anschließend weitaus weniger angenehm, denn es wurde arg feucht. Zunächst nieselte es nur, sodass wir siegesgewiss die Regenhosen in den Taschen ließen.
Ein schwerer Fehler. Fünf Kilometer später rüsteten wir komplett auf Regenklamotten um; da wir aber noch fünfzig Kilometer vor uns hatten, wurden wir trotzdem klatschnass.
Diese fünfzig Kilometer ähnelten mehr einem Durchhaltewettbewerb als einer gemütlichen Radtour – dafür wurden wir mit der Unterkunft belohnt: Als wir auf dem Campingplatz anmeldeten und die Chefin uns sah, meinte sie (den breiten sächsischen Akzent bitte dazu denken): „Na sie sind ja nass! Wir haben einen Heizungsraum, da können sie ihre Sachen reintun. Eigentlich müsst ich ihnen einen heißen Tee machen. Na, hier ist ihr Schlüssel, die Formalitäten machen wir dann später!“ – wir hätten mit allem gerechnet, aber nicht mit einem solch herzlichen Empfang.
Sanitäre Anlagen und Hütten waren ebenfalls sehr schön.
Dieser Campingplatz ist mehr als empfehlenswert!

Ausblick aus der Hütte



"Steck die Füße doch in eine Tüte"

Als wir geduscht und wieder trocken waren, konnten wir den – immer noch verregneten – Abend mit einem leckeren Essen im nahegelegenen Hotel und der einen oder anderen Runde Billard genießen. Absolutes Highlight: Da wir natürlich je nur ein Paar Schuhe hatten, die klatschnass waren, sind wir zunächst in Plastiktüten, und dann erst in die Schuhe gestiegen…

Tag 3: Bautzen – Neugersdorf / Cottbus (60 Km + 2 Stunden im Zug)
Auf und nieder, immer wieder
Gleich am Morgen die erste gute Nachricht: Die Klamotten sind tatsächlich getrocknet!
Die zweite gute Nachricht: Es ist zwar erbärmlich grau draußen, aber immerhin trocken.
Also, aufgesattelt und losgefahren. Wir wollten zwar eigentlich in Bautzen frühstücken, aber das haben wir auf zwei Ortschaften später verschoben, weil wir wahlweise
– garnichts gefunden haben
– etwas gefunden hatten, das aber geschlossen war
– etwas gefunden hatten, das später öffnen würde
Und so landeten wir in einer, sagen wir mal: urigen Kneipe. Dort war man reichlich irritiert darüber, dass tatsächlich drei Jungspunde wie wir ein ordentliches Bauernfrühstück verlangten, aber die Portionen waren reichlich und lecker.
Auf einem Bierdeckel des „Dresdner Feldschlößchen“ habe ich endlich die Wortherkunft des „Pichelns“ klären können: Und zwar kommt der Begriff von den Männern, die früher die Fässer mit Pech versiegelten – was man „Pichen“ nannte.
Weil diese guten Herren sich anschließend den einen oder anderen Schluck gegönnt haben, nannte man dies „Picheln“ – wieder was gelernt!
Noch ein Wort zu Bautzen: Ein spannender Ort, der so wirkt, als sei er durch eine Art „Zeitdrehwolf“ gedreht worden. Mittelalterliche Bauten gibt es zuhauf, und sogar den einen oder anderen modernen Bau (vor allem der Bau sah reichlich modern aus…).

Bautzen. Nicht im Bild: Senf, Knast

Angesichts der schon bewältigten Strecken, haben wir ursprünglich noch über die Entfernung von 65 Kilometern geschmunzelt.
Da wussten wir aber auch noch nicht, dass es die ganze Zeit aufwärts und abwärts gehen würde, und zwar mehr auf als ab.
Schnell erkannten wir, dass unsere bisherigen Bergwertungen Makulatur waren und es heute um die wirklichen Punkte gehen würde.
Eine der drei Spreequellen haben wir dann auch kassiert; die anderen beiden waren uns schlicht zu weit ab vom Schuss, denn wir wollten vor 20 Uhr wieder in Cottbus sein, um Fußball zu schauen.
Da die Züge nicht so dicht getaktet waren, wie wir dachten, stellte es sich als Glücksgriff heraus, in Neugersdorf den Bahnhof anzusteuern, denn ansonsten hätten wir den richtigen Zug verpasst und wären zu spät gekommen. Nicht, dass es was gebracht hätte. 4:0, pöh!
Alles in allem eine sehr schöne Reise!

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