Ein bisschen Lena

oder: Schlag den Siegel

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photo von aktivoslo (flickr.com)

Ich konnte mich nicht wirklich erwehren.

Es war eben eine Party, und wie das so ist, wenn Ereignisse nationaler Tragweite anstehen – Länderspiele, Überschwemmungen, Musikentscheide – dann besteht der Kompromiss darin, dass man den Musikentscheid schaut, sie ist ja so süß, die Lena, und überhaupt, wir könnten ja mal wieder ganz vorne dabei sein – man könne den Ton ja so lange ausblenden, bis es dann zum entscheidenden Lied kommt.

Was ich nicht so wirklich verstehe; bis auf den Gesang ist eh alles Playback, und da man das Lied nach anderthalb Malen des Anhörens ohnehin auswendig kann, klingt es genau so wie man es schon aus diversen Ausschnitten, Zusammenfassungen, Porträts und Dergleichen kennt. Auch die Bühnenshow als solche wird Business as usual sein.
Oder – nicht ganz.
Lena – wie Frau Meyer-Landrut leider nun nur noch heißt – klang heute ein kleines bisschen nasal, ist also anscheinend erkältet, die Gute.

Egal. Wer mag, kann das niedlich, natürlich oder sympatisch finden, wie man überhaupt die ganze Frau, das ganze Mädchen, das ganze Popsternchen finden kann. Lena Meyer-Landrut ist niedlichsympatischnatürlichcrazy – und ganz Europa erlag heute ihrem Charme.

Eines vorweg: ich hatte während des gesamten Abends den Eindruck, LML sei die einzige Teilnehmerin dieser grauenvollen Veranstaltung gewesen, die wirklich Spaß an der Sache hatte.
Mag es Kalkül sein oder tatsächlich ihre Art – während alle anderen ihr Programm gelangweilt routiniert herunterspulten, versprühte sie wenigstens einen Hauch von Esprit.

Doch dies war nur der Endpunkt einer sehr geschickten Inszenierung durch Stefan Raab.
Ich hatte am Tag zuvor einen Teil ihres „Oslo-Tagebuchs“ gesehen, und was auffiel: Lena Meyer-Landrut quatscht in jede Kamera, in jedes Mikro, das irgendwie in der Nähe ist – sei es das eigene Kamerateam, oder eben die der anderen Länder. Ich vermute, das wurde die fünf Tage über konsequent durchgezogen – und sorgte so nebenbei dafür, dass der deutsche Zuschauer ein bisschen die anderen Teilnehmer kennen lernt, aber viel wichtiger: dass alle anderen überhaupt LML kennen lernen – und was bekannt ist, kann ja schon mal so schlecht nicht sein.

Den Rest erledigte der Song „Satellite“, der unglaublich eingängig ist – leider, mich nervt er inzwischen – und ein bisschen schräg. Man weiß nicht so wirklich, was man davon halten soll – aber LML ist ja sooo niedlich dabei, da kann man mal ein paar Punkte geben.
Dazu gehört aber auch, dass die anderen Songs fast durchweg grauenvoll waren, Konsenspop eben.

Übrig bleibt die Erkenntnis, dass Stefan Raab ein sehr guter Marketingstratege ist. Gemessen an Quoten, an Umsatz, an Bekanntheit – und das sind die Währungen, die im Fernsehen zählen – verhält sich das System Raab im Großen wie der Mensch Raab im Kleinen: ihn zu schlagen ist wirklich schwer.

Gepaart mit dem Ansatz, „Unser Star für Oslo“ etwas anders zu inszenieren als etwa „DSDS“, der Möglichkeit, den ewigen Ralph Siegel zu verdrängen, und dem Song, brauchte es da eben nur noch ein bisschen Lena, um eine weitere Ausgabe von „Schlag den Raab“ – Oslo-Edition – zu kreieren.

Ich gratuliere Lena aufs Allerherzlichste. Ich gönne ihr den Sieg, den ganzen Rummel, hoffe, sie dreht nicht völlig durch. Und vielleicht, vielleicht bleibt ihr ja mehr bescheiden, als ihre fünfzehn Minuten Ruhm und ein Albümchen.

Ich bin allerdings sehr gespannt, wie Stefan Raab das nächstes Jahr toppen will.

Über sushey

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2 Antworten zu Ein bisschen Lena

  1. ohrenrausch schreibt:

    Muss zugeben, bin auch ein willfähriges Lena-Opfer, einschließlich des kompletten Umfelds: Kneipe, Familie, Metal-Kumpels etc. Sie ist kamerageil, jawollja, und das Lied fand ich ursprünglich nicht den Burner. Aber irgendwie wächst der Satellite auf einem. Und ich bin vor allem gespannt, wie sie das toppen will.

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  2. sushey schreibt:

    …naja, vermutlich wird sie sich irgendwo zwischen Daniel Küblböck und Robbie Williams einpendeln.
    Will sagen: Wenn sie sich geschickt vermarktet/vermarkten lässt, dann könnte sie eine ganz ordentliche Popkarriere hinlegen – ich würde es ihr gönnen.
    Wenn nicht – das Dschungelcamp gibts bestimmt noch in 20 Jahren…

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