Wie ein einziger, langer Tag

Während ich den Columbiadamm entlang nach Hause fahre und dabei den Mengen an Menschen ausweiche, die irgendwo auf eine Party oder ein Konzert wollen, füllt eine Flut von Gedanken, Impressionen und Erinnerungen meinen Kopf, und ich weiß, dass ich eine Menge Dinge einzusortieren habe.
Das sind natürlich zum Großteil Erlebnisse, die ich seit Montag mit den 34 SchülerInnen gemacht habe, deren Klassenfahrt ich mitbetreuen durfte.
Allesamt im spannenden Alter von 12/13 und vereinzelt 14 Jahren und zum überwiegendem Teil aus Verhältnissen, in denen gegenseitiges Anschreien, wahlweise auch völliges Desinteresse und Ignoranz an der Tagesordnung zu sein scheinen.
So gestaltete sich die Klassenfahrt zu einem ständigen Balanceakt zwischen Fördern und Fordern, bei dem ein Überfordern allzu schnell zu Blockaden führte. Was vor allem auch ich zu lernen hatte, war der Punkt – schnell erreicht – ab dem wir den Jugendlichen zu viel abverlangten.

Im Fall von Steffen* war das sehr einfach – er kann sich eine Weile konzentrieren, und sobald sein Level erreicht ist, beginnt er offensiv zu (zer)stören, was wir uns vorher mühselig und sehr kleinschrittig erarbeitet hatten. Glücklicherweise konnte ich ihn ein wenig mit körperlichen Tätigkeiten beschäftigen, sodass die Gruppe weiterarbeiten konnte, ohne dass wir ihn maßregeln oder gar bestrafen mussten – eine Strafe hätte in diesem Fall auch nicht viel gebracht; sobald er kritisiert wird, blockiert er völlig.
Während er mir half, war er dann lammfromm, höflich, offen und wissbegierig – ein erstaunlicher Gegensatz zu dem Verhalten unmittelbar zuvor, wo er sich nicht nur störend, sondern auch arg frauenfeindlich gezeigt hatte.

Dana hingegen war zwar weniger auffällig, aber ungleich schwerer zu durchschauen. Sie zu motivieren, Herausforderungen anzunehmen, endete fast ausschließlich mit einem „dafür bin ich zu dumm“, „das kann ich nicht“ und Dergleichen. Man fragt sich, warum sie dieses Verhalten gelernt hat und sich selber schlecht macht. Ein einfaches „Aufmerksamkeit!“ reicht mir nicht.

Einen ersten Ansatz liefert die Frage nach der Herkunft. Lena ist da exemplarisch. Ein liebes, nettes Mädchen, manchmal ein wenig muffelig, aber leicht zu motivieren. Ihre Mutter viel von zuhause weg, so viel, dass sie das Sorgerecht nicht übernehmen kann. Müsste sie aber eigentlich, denn einen Vater gibt es nicht. Somit lautet die Alternative: Heim. Und später betreutes Wohnen, hofft sie. Zumindest in ihrem Fall bin ich optimistisch, dass sie sich schon durchbeißen wird, denn sie hat zumindest Ziele.

So oder so ähnlich sind erstaunlich viele Lebensumstände der Kids, die wir betreut haben. Kein Wunder, dass sie in unserer Leistungsgesellschaft sofort anecken. Der Fall von Steffen zeigt es: er ist keinesfalls dumm oder unfähig. Er passt lediglich nicht in Strukturen, die auf Gehorsam und akademische Leistungen ausgelegt sind. Doch nicht nur er, sondern auch viele andere Fälle vor ihm haben mir und einigen meiner Kollegen gezeigt, dass es sich lohnen kann, den sehr anstrengenden Weg zu gehen, und „Fehlverhalten“, also nicht-angepasstes Verhalten zu sanktionieren, sondern uns – soweit irgend möglich – auf dieses Verhalten einzulassen und damit umzugehen.
Denn darum geht es meiner Ansicht nach: die Ursachen kann ich im besten Fall herausfinden, ändern kann ich sie keinesfalls. Ich kann noch nicht mal das Umfeld ändern oder irgendeine andere Rahmenbedingung – das hat mich am Anfang nicht nur frustriert, sondern auch deprimiert.
Ich kann allerdings auch in wenigen Tagen den vielen Steffens, Lenas, Danas, die ich bisher getroffen habe, zeigen, dass es auch anders geht. In manchen Fällen reicht es, ein offenes Ohr zu haben. Oder man spielt eine Runde Karten mit. Drückt bewusst das eine oder andere Auge zu. Gestaltet ein Programm, dass neben den sozialen Zielen, die wir verfolgen, Spaß macht. Und so weiter.

Es gibt nämlich einen großen Vorteil: man bekommt den Einsatz oft sehr schnell zurück. Weil man merkt, dass die Gruppe Spaß hat. Weil aus Einzelkämpfern – in Ansätzen – Mannschaftsspieler werden. Weil man Dankbarkeit seitens der Jugendlichen verspürt. Und ab und an den einen oder anderen guten Witz erzählt, etwas Gebasteltes geschenkt, ein Lied gesungen bekommt.

Deswegen macht mir Kinder-und Jugendarbeit nach wie vor viel Spaß, auch wenn es sehr anstrengend ist: Wenn ich ihnen ein positivistisches, entspanntes Menschenbild vorlebe und dann sehe, dass sie auch nur ein klitzekleines Bisschen davon aufgenommen haben, habe ich immer die Hoffnung, dass der eine oder die andere irgendwie seinen/ihren Weg nicht nur gehen, sondern auch positiv gestalten wird und die anderen Menschen dabei beeinflusst.

Trotz aller Umstände hatten diese beiden Klassen mächtig Glück mir ihren Lehrern, die mit viel Motivation und Herzblut an die Aufgabe gehen, allen ihren Schülern den für sie bestmöglichen Abschluss zu verpassen.

So war diese Klassenfahrt von der Ereignisdichte her wie ein einziger, langer Tag. Stets gab es etwas zu tun, mit jemandem zu reden, Konflikte zu bereinigen oder einfach nur Programm zu machen.
Wie anstrengend die Gruppe wirklich war, habe ich gemerkt, als ich gleich im Anschluss an die Fahrt am Freitag noch eine Erwachsenengruppe im Hochseilgarten betreut habe – das habe ich nämlich schon als Erholung betrachtet.

Und ich? Ich hatte sowieso wahnsinnig viel Glück. Auch das habe ich gemerkt, als ich über den Columbiadamm gefahren bin, den Kopf voller Gedanken.

*: die Namen habe ich natürlich alle geändert. Ebenso die näheren Lebensumstände. „So oder so ähnlich“ muss in diesem Fall reichen.

Über sushey

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