Tag 3: An welchem mir Entscheidungen schwer fallen.

oder: Wie ich die Geschichten Vieler an der Geschichte eines Deutschen messe.

Es fällt mir immer wieder erstaunlich schwer, meinen Mitmenschen zu vermitteln, welches mein Lieblingslied ist – denn einfach so ein Lied zu benennen, das über allen anderen steht, welches ich immer wieder hören kann – vielleicht gar muss – und welches in allen Lebenslagen unzweifelhaft richtig ist – das gibt es nicht. Geht es um Vielfalt und technische Fertigkeit, dann muss es „Six Degrees of Inner Turbulence“ von Dream Theater sein. Geht es um Gefühl, dann „Wish You Were Here“ von Pink Floyd. Es gibt viele Lieder, die treffen ihre Aussage perfekt und sie gefallen mir. Die beiden genannten haben mich vielleicht am dauerhaftesten begleitet.

3. Buchfrage: Dein Lieblingsbuch

Ähnlich geht es mir bei der Frage nach meinem Lieblingsbuch. Lange Zeit lautete die Antwort darauf – fast schon klischeehaft – „Herr der Ringe“. Ich mag das Buch; Tolkien kreiert eine eigene Welt, sozusagen die Essenz der Fantasy, ich mag den Sprachstil und die schiere Wucht, mit der das Wort den Leser fast erschlägt – vor allem, wenn er drei Seiten lang einen Busch beschreibt, an dem die Gefährten vorbei kommen, und der mit der Geschichte aber auch gar nichts zu tun hat…

Mag ich „Herr der Ringe“ aufgrund seiner Länge, so mag ich Charles Bukowski aufgrund seiner Kürze und Pointiertheit. „Perfektion ist, wenn man nichts mehr weglassen kann“ ist ein geflügeltes Wort, das mich nun schon eine ganze Weile beschäftigt, und Bukowski ist ganz gut darin, kein Wort zu viel zu verwenden.

Der Gewinner kommt aus einer ganz anderen Ecke und ist überraschend Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“ – mit dem Inhalt, das Sebastian Haffner seine Erinnerungen der Jahre 1914 – 1933 auf äußerst eloquente und begeisterungswürdige Weise erzählt. Faszinierend finde ich, dass er in Retrospektive auf sein eigenes Erleben dieser sehr düsteren Zeit schaut und es wiedergibt, ohne sich zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Und gleichzeitig – so sagt er es auch selber – hebt er sozusagen das wortgewordene Schwert gegen das Hitler-Regime. Hier treffen sich also mein geschichtliches Interesse – Geschichte als das Handeln des Menschen aus seiner historischen Lage heraus – mit sorgfältigen, geschliffenen, beinah schon poetisch wirkenden Formulierungen – auch wenn sie manchmal ein klitzekleines bisschen selbstverliebt wirken.

Über sushey

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