Der Unsympath

Zu den immer wiederkehrenden Ereignissen des Veranstaltungstechnikerlebens gehört vor allem auch ein Phänomen namens „Aufbautag“, bzw. in diesem Fall „Aufbauabend“.
Ich weiß nicht so recht, ob ich diesem Ereignis eine positive oder negative Konnotation verleihen soll, denn einerseits mag ich die (meinerseits) entspanntere Stimmung: der aufgeregte Bienenstock in der Büroetage beruhigt sich, der grobe Kram ist erledigt, und ich habe Zeit, in aller Ruhe den letzten Schliff zu machen, nur unterbrochen von den Wünschen des Kunden.
Die recht vielfältig sein können, und vor allem: nur weil man schon 20 Versionen des Grundrisses hatte und sich für diejenige, die vor zwei Stunden kam, entschieden hat, heißt das noch lange nicht, dass es nicht schon Versionen 21 bis 37 gibt, und überhaupt sei es unverständlich, wie man das Ganze so habe aufbauen können, denn das sei ja völliger Quatsch (immerhin, da gehen wir d’accord, dass der Grundriss Quatsch ist, habe ich beim Aufbauen auch schon gedacht…) und das müsse alles dringend anders – und wenn man das dann erledigt hat, dann fehlt hier mal ein Mehrfachstecker, dort ein Stuhl, hier ist ein Tisch zu viel, dort zu wenig und komischerweise passt das alles nicht mehr, das hat doch auf dem Plan gepasst?!?

Wie gesagt, das sind alles nur Kleinigkeiten, da kann ich ganz gelassen sein.

Ein Phänomen, das speziell die abendliche Aufbausituation betrifft, ist das der gedehnten Zeit – Einstein hätte sicherlich Einiges dazu zu sagen.
Es war also vertraglich ausgemacht, dass bis um 19:00 Uhr aufgebaut wird – gegenseitige Drohungen, Erpressungen und ausservetragliche Abmachungen inklusive.
Die Auskunft auf die vorsichtige Frage, wie lange man noch aufzubauen gedenke, es sei schon halb acht durch: „’ne Dreiviertelstunde. Wir machen so schnell, wie wir können.“ wird durch den um 21:00 Uhr erscheinenden Pizzaboten ad absurdum geführt.
Zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Unsympath schon längst seinen unrühmlichen Platz in meinen Annalen des Nicht-Mögens erarbeitet, und zwar so:

Der Unsympath

ist klassischerweise ein Mann, es gibt aber auch Frauen, die diesen Job par excellence beherrschen.
Der Unsympath kann zunächst nichts dafür, denn er ist meistens nicht derjenige, der die Verzögerung verursacht hat – er hat sie aber zu verantworten und – viel schlimmer noch – mit mir/meinem Kollegen in die unschöne Verhandlung zu treten, die den greifbar nahen Feierabend in ungeahnte Ferne rücken lässt (noch so ein Einstein’sches Phänomen).
Der Unsympath steht meistens selber unter Druck, denn es ist die erste / die wichtigste / die teuerste / die umstrittenste / die einzigartigste / Veranstaltung überhaupt – und jemand anders erbringt die monetären Aufwände. Dieser jemand anders wird auf jeden Fall auf der Veranstaltung erwartet – und erwartet seinerseits nichts weniger, als Perfektion.

Merkwürdigerweise scheint die absolut gerade, symmetrische, achsenparallele Ausrichtung der Namensschildchen, der sogenannten Badges eine Art Gradmesser für diese Perfektion zu sein, denn während sie in Villabacho schon alle mit glänzenden Bauchnabeln dasitzen eigentlich schon alles fertig ist, feilen scharenweise AssistentInnen, SekretärInnen sowie der allgemeine Pöbel noch am Positionieren der Schildchen.

Zurück zum Unsympath, der sich mit solch niederen Aufgaben nicht belastet, sondern stattdessen lieber seine Umwelt anschnauzt. Hierbei muss man unterscheiden zwischen kalter, drohender Arroganz: „Nehmen Sie dieses/jenes/solches nicht wahr, oder haben Sie das nie gelernt?“ über gebellte Anweisungen: „Machen Sie jetzt dies! Jetzt das! Nein, dies!“ – hierfür eignet sich besonders das Hin- und Herschieben schwerer und/oder sperriger Gegenstände, nur um sie am Ende wieder an exakt der gleichen Stelle zu haben, wie zuvor.
Bis hin zu offenen Drohungen.

Heutiges Ziel des Unsympathen waren seine beiden Hilfskräfte, zwei bedauernswerte Geschöpfe, die zugegebenermaßen ein wenig langsam und nicht gerade professionell daherkamen. Aber um ehrlich zu sein: hätte mich mein Chef so angeblafft, dann wäre ich auch nicht sonderlich motiviert, Bestleistungen zu bringen.
Ein bestimmtes Computerprogramm lief also nicht, und während Hilfskraft eins sich unbemerkt aus dem Staub gemacht hatte (vermutlich noch einmal die Badges ausrichten), versuchte Hilfskraft zwei sich verzweifelt durch das Programm zu wurschteln, fortwährend angeschrien durch den Unsympathen.
Weder Hilfskraft eins, noch Hilfskraft zwei und erst recht nicht der Unsympath kannten sich besonders gut mit dem Programm aus, das muss man festhalten.
Von der Ineffizienz der Versuche offensichtlich auf ein weiteres In-Die-Ferne-Rücken des Feierabends schließend, startete mein Kollege schließlich den entscheidenden Schlag gegen den Unsympathen: Da das Programm auf einem Laptop laufe, könne man den doch mit ins Hotel nehmen (und sich dort die Nacht um die Ohren schlagen) – dann könne man nämlich den Laden dicht machen und nach Hause gehen, da wir ja wohl nichts mehr tun könnten als auf deren Aufbruch zu warten.

Dazu fiel dem Unsympathen nicht viel ein; zerknirscht musste er einpacken. Mit satten zweieinhalb Stunden zu seinen Ungunsten, konnte er uns nichts mehr entgegensetzen.

Dass er seine Kollegen wie den letzten Dreck behandelt, konnten wir allerdings nicht ändern.

 

Über sushey

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2 Antworten zu Der Unsympath

  1. alicia schreibt:

    Herzlich willkommen in der Welt der Arbeitenen Leute. Falls es dich beruhigt oder auch nicht, solche Unsympathen gibt es immer und überall. (fängt bei der Krabbelgruppe an und hört im Seniorenheim auf), aber es tut gut, wenn einem mal jemand aus der Seele spricht.Arbeiten wir dran, dass wir nicht selber zum Unsympathen mutieren oder sind wir es schon und wissen es nur noch nicht?:-)! Nicht ärgern! Nur wundern! Ma

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