Fahrt

Du schaust aus dem Fenster.

Durch den vereisten Atem erkennst du schemenhaft das Draußen, Schnee und die Welt. Schwarz und Weiß, Kälte dort, Wärme hier, die Welt zieht vorbei und du ziehst der Welt vorbei.

Durch den kleinen Spalt ein Luftstrom. Du fröstelst, Gänsehaut. Süßlich brennendes Prickeln auf der Haut, Rückzug in dich selbst.

Die Unbekannte neben dir schläft, die Unbekannten vor dir diskutieren. Du verstehst die Bedeutung ihrer Worte; allein ein Sinn ergibt sich dir nicht. Ihre Unterhaltung scheint verschlüsselt, und doch ist es nur Allerweltsgeplänkel.

Es ist dunkel. Vereinzelt Lichter. Lange Streifen, die vorüberziehen: sie wollen alle in die andere Richtung. Autos sind mächtige, dunkle Wesen mit leuchtenden Augen, die dich suchen.

Das Radio plänkelt leise vor sich hin, auch dort eine unentwirrbare Diskussion. Das unmissverständliche Piepen des Telefons ist die einzige Kommunikation, die du verstehst: es hat Hunger, will aufgeladen werden.

Bist du der Welt fremd geworden?

Ist die Welt es, die sich dir entzieht?

Man redet mit dir.

Wie lange schon?

Dein Hirn strengt sich kurz an, übersetzt, findet eine kurze, prägnante und sogar humorvolle Antwort.

Zurück ans Fenster, und dann: das Radio. Es reicht dir eine Hand. Kalt zwar und nicht recht greifbar, und da ist es: das Lied, in dessen Welt du dich die ganze Zeit schon befunden hast.

 

Über sushey

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Eine Antwort zu Fahrt

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