King of the Jungle

Es war also so, dass unsere Tutorin für Analysis krank wurde und wir deswegen das Tutorium wechseln mussten, natürlich erst eine Viertelstunde, nachdem das Tutorium offiziell begonnen hatte. Machte aber nichts weiter, die Bildungskaravane zog also um und wurde vom anderen Tutorium nicht gerade begeistert, aber auch nicht abweisend empfangen.

Das Tutorium lief also den Lauf der Dinge, und nach etwa fünf Minuten stellte der Tutor eine Frage, die mit ja oder nein zu beantworten ist, natürlich mit den entsprechenden Begründungen (Analysis ist dieses Fach, wo man Funktionen hat und dann Aussagen darüber machen soll, Nullstellen berechnet und dergleichen).

Es meldet sich ein junger Mann schräg links vor mit, Typ BWL-Student: Teuer aussehende Hemd-Pulli-Kombination, Jeans, Lederschuhe, sein Selbst lässig in den Stuhl gefläzt, Laptop vor sich, Facebook offen und ist der Meinung: „JA!“ – gefolgt von einer ganzen Menge Bla-di-Ha.
Klang auch alles ganz schick, aber ich war der Meinung „NEIN!“ – gefolgt von weniger Bla-di-Ha.

Der Ehrlichkeit halber muss ich an dieser Stelle zugestehen, dass es in Analysis meistens leichter ist, ein „Nein“ zu begründen, denn da braucht man nur ein einziges „Nein“ – ein einziges „Ja“ kann allerdings auch nur ein Spezialfall sein, muss also allgemein begründet werden.

Es ergab sich zufällig, dass ich Recht hatte, und damit war die Sache für mich und den Rest des Tutoriums erledigt, auf zur nächsten Aufgabe. Ich konzentrierte mich darauf, der Aufgabe zu folgen, und wenn ich Zeit hatte, den Inhalt der verpassten Viertelstunde zusammenzuklauben.

Nicht so für den jungen Mann schräg links vor mir, Typ BWL-Student.

Zunächst drehte er sich unmittelbar nach der Bestätigung seines Falsch-Liegens und meines Recht-Habens mit einer Mischung aus Respekt, Fassungslosigkeit und einem unmissverständlichen „Wer bist du? Und was machst du hier?!?“ zu mir um – kurzer Feindkontakt. Jemand war in sein Territorium eingedrungen, hatte ihm eine schmerzliche Niederlage zugefügt und bedrohte seine Autorität.

Ich war natürlich offiziell damit beschäftigt, Dinge aufzuschreiben und widmete ihm keine Aufmerksamkeit (mir ging es streng um die Mathematik, nicht um die Mathematiker. Genauso wenig hätte es mich interessiert, hätte er Recht gehabt, shit happens).

Und dann geschah etwas Erstaunliches.

Offensichtlich angestachelt durch seine herbe Niederlage, gab er seine nonchalante Sitzposition auf und folgte aufmerksam dem Tutorium – um an den entscheidenden Stellen sein umfangreiches Fachwissen zum Besten zu geben. Der Laptop lief zwar noch, wurde aber nun deutlich weniger benutzt.

Wirklich zu schade, dass ich gerade keine Lust auf einen Hahnenkampf hatte…

Über sushey

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