#frueher

Das Mem, weiß Wikipedia, ist eine Gedankeneinheit, ein Informatiönchen, welches sich via Kommunikation verbreitet. Dass es Ideen und Gedanken gibt, die sich rasend schnell verbreiten und überall Anklang finden, und solche, die es eben nicht tun, kann man auf jeder Party beobachten: Es gibt Themen, und es gibt Themen, über die gesprochen wird.

twitter ist ein Tummelplatz für Meme, durch das Medium und dessen Beschränktheit einerseits, durch dessen NutzerInnen andererseits bedingt: ohne es belegen zu können, würde ich behaupten, dass sich auf twitter überdurchschnittlich viele NutzerInnen tummeln, die ein ausgeprägtes Interesse an Sprache und ihrer (kreativen) Nutzung haben.

Viele Meme bestehen aus Wortspielen; die #nerddisco z.B. verband bekannte Liedtitel mit Begriffen aus der Computerwelt. Aus „No Woman No Cry“ wurde z.B. „No Windows, No Cry“.

Als ich dann gestern #frueher bemerkte, befürchtete ich zunächst allgemeines Gemecker der coleur: „Früher war alles besser!“ – doch es wurde ungleich schöner.

Es stellte sich heraus, dass ein Großteil derer, die auf dieses Mem ansprangen, zu einer romantisierten Verklärung der Vergangenheit neigen, und zwar dergestalt, das Früher nicht als besser zu definieren, sondern im gegenwärtigen Blick darauf den unterschwelligen Wunsch einer heilen Gegenwart zu äußern, stellvertretend für Viele facella:

Eigene Gedanken gingen nicht im Wust der Informationen unter:

http://twitter.com/peterbreuer_/status/25683692043112448

Und der Bezug auf die eigene Kindheit (man war glücklich, naiv, musste sich keine Gedanken um (lebens)organisatorische Dinge machen) steht ganz hoch im Kurs:

http://twitter.com/AllEyesOnNick/status/25687114867806208

Die welt war hippiesker:

Mittlerweile, scheint es, haben viele ihr Päckchen zu tragen:

http://twitter.com/papier_schiff/status/25678749693378561

Die mutmaßliche Erfinderin des Mems, meterhochzwei ist für mehr Menschlichkeit:

Dies sind nur ein paar der vielen, vielen Tweets zu dem Thema, das es mittlerweile in die Trending Topics gemacht und englischsprachige Menschen durcheinandergebracht hat: die meinten, eine thematische Nähe des Wörtchens frueher zum allgegenwärtigen fuehrer ausgemacht zu haben, und so um den Genuss dieses warmherzigen und in-erinnerungen-schwelgerischen Themas kommen.

Es scheint, als seien im Twitterversum viele Menschen, die sich ein bisschen Wärme, ein wenig kindliche Naivität und eine etwas heilere Welt wünschen  – und vielleicht hilft uns der Blick aufs #frueher, um aus dem Heute ein besseres Morgen zu machen.

Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
Dieser Beitrag wurde unter .txt, digital life, ich und die welt, zeitmaschine abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu #frueher

  1. alicia schreibt:

    Ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Es hängt ganz sicher damit zusammen, daß man als Kind keine oder relativ wenig Sorgen hat- außer vielleicht, daß man die Hausaufgaben nicht hat und mit dem Freund/der Freundin gerade im Clinch liegt. Und weil einem als Kind die Welt noch gehört und man noch an Gerechtigkeit und das Gute im Menschen glaubt. Leider zeigt das Leben später andere Facetten. Aber noch viel später, wenn diese Zeit für dich „Früher“ ist, dann stellst du sicher fest, das diese Zeit auch ihre schönen Erinnerungen hat. Hdl Ma

    Gefällt mir

  2. Jette schreibt:

    mir gefaellt die Darstellung Deiner Gedanken zu diesem Mem besser, als ich das Mem selbst finde. als ich es gelesen habe (es war ja nicht zu ueberlesen) war ich froh, dass ich arbeiten konnte, da mir diese romantische Verklaerung der Kindheit zuviel war- abgesehen davon: ich finde so sorglos kann man mitunter immernoch leben, aber vielleicht liegt das auch an dem anderen umfeld, dem ich gerade ausgesetzt bin.

    liebe gruesse🙂

    Gefällt mir

  3. sushey schreibt:

    Klar, ich versuche ja auch, meine Gegenwart größtmöglich zu genießen (deswegen das Klettern, z.B., das ist wirklich Genuss für mich, oder auch Musik) – aber ich vergesse das Genießen auch ganz gerne mal…
    Und manchmal wundere ich mich wirklich, wo mein unbeschwertes Ich geblieben ist und dann treibt die Gram mir Falten in die Stirn – bis ich merke, dass Unbeschwertsein auch Einstellungssache ist.
    Mich hat einfach überrascht, wie positiv dieses Mem aufgenommen wurde, im Gegensatz zum sonst schon recht zynischen Twitter.

    Gefällt mir

Kommentar? Gerne!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s