Elaine ist durchsichtig

Elaine fühlt sich ein bisschen wie ihre Spiegelung im dunklen Fenster, als sie von ihrem Laptop aufblickt: irgendwie da, aber halbseiden, durchsichtig, ein wenig verschwommen – und nicht ganz real.

Es liegt auch ein wenig daran, dass die einzige Lichtquelle ihres ansonsten dunklen Zimmers eben jener Laptop ist, und so kann sie ausser ihrem eigenen Gesicht und dem hellen Pulli mit den lustigen Streifen, die dessen Licht reflektieren, nicht viel erkennen – sie kommt sich vor wie ihre eigene Geistererscheinung und schaudert ein wenig.

Jenseits ihrer Reflektion, quer über den ebenfalls dunklen Hinterhof geschaut, erblickt sie ein warm beleuchtetes Fenster.

Es gehört zu einer Küche, und Elaine erblickt zwei Personen, die dort am Tisch sitzen, rauchen, trinken und sich unterhalten.

Es muss ein schöner Abend für beide sein; sie unterhalten sich angeregt, sind dabei aber entspannt, lächeln sich an – jetzt steht sie auf und zeigt ihm etwas, und er schaut es an, nickt und stellt es behutsam auf den Tisch, bevor er sein Bier greift, einen kurzen Schluck nimmt, und dann, offensichtlich von ihr angeregt, zu lachen beginnt und sie anstubst.

Müsste sie sich einen perfekten Moment vorstellen, dann wäre dies einer: zwei Menschen, völlig entspannt, im Einklang miteinander und sich selbst. Es gibt keine Erwartungen, denn sie haben bereits alles, was sie sich wünschen könnten.

Elaine hat mal von der Theorie der multiplen Universen gehört, nach der es nicht nur ein einziges Universum gibt, sondern unzählige Universen, die sich gegenseitig durchdringen.

Wenn sie in dieses Küchenfenster schaut, dann braucht sie keine physikalische Definition um zu wissen, dass die beiden Menschen dort in dieser Küche ein kleines Universum für sich sind.
Elaine stellt sich vor, dass die gesamte Welt verschwindet, und nur noch dieses Küchenfenster existiert, mit den beiden Menschen drin, die sich unterhalten und sich selbst völlig genug sind.

Elaine muss durch ihre eigene Reflektion schauen, um das Küchenfenster zu sehen, und wenn sie sich lange drauf konzentriert, dann verschwindet sie – und seltsamerweise ist sie positiv berüht von diesem Gedanken.

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Über sushey

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Eine Antwort zu Elaine ist durchsichtig

  1. Jette schreibt:

    mag ich.

    Gefällt mir

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