Stuckrad Late Night

Natürlich kann ich mich genau erinnern, wie wir da hingekommen sind. Diese Geschichte aber zu erzählen, hieße, den Abend zu entmystifizieren, ginge am eigentlichen Thema vorbei und wäre vor allem eins: überaus langweilig.

Es muss also reichen zu sagen, dass wir uns dann irgendwann im Ballhaus Rixdorf – so hieß Neukölln bis 1912 – befanden, die hübsche Bühnenrückwand mit der Berliner Skyline bewunderten und uns fragten, was wohl unter „Stuckrad Late Night“ zu verstehen sei.
Mir selbst gefielen die schriftstellerischen Fähigkeiten des Gastgebers, allein sein Gebahren fand ich seit jeher suspekt – ein ähnliches Problem habe ich übrigens mit dem Schauspieler und Menschen Christian Ulmen, der die Show als Produzent verantwortet.

Die übliche Aufwärmphase mit den immerselben angestaubten Witzchen und Sprüchen eines beliebigen ortsansässigen Radiomoderators kann man getrost überspringen, und es tritt auf, spindeldürr, zappelig, hibbelig, vielleicht genau deswegen sympatisch, und schnell sprechend: Benjamin von Stuckrad-Barre.

Der generelle Aufbau seiner Show entspricht weitestgehend dem Standard-Late-Talk-Repertoire. Zunächst kommt ein längerer Monolog über die aktuelle politische Lage – hier also der Bezug zu den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz und die daraus folgende, länger andauernde Beschäftigung mit allen möglichen Graphen, Diagrammen und Zeichnungen, die irgendetwas darstellen.

Unterstützen lässt sich von Stuckrad-Barre dabei von zwei Herren auf einem Balkon, der eine links, der andere rechts im politischen Spektrum verortet. Zumindest Hajo Schumacher dürfte vielen ein Begriff sein.

Keine Talkshow ohne Gast, und so erscheint dann irgendwann Sahra Wagenknecht, die mit den betont lässigen und teilweise absurden Fragen des Moderators nicht viel anfangen kann – ein wenig Lockerheit und Schlagfertigkeit würden ihr gut zu Gesichte stehen.

Sympatisch ist die Idee, jedem Talkgast die Aufgabe zu geben, Photos aus dem Privatleben zu machen – so erfahren wir, dass Wagenknecht Haägen-Dasz-Eis mag und auf ihrem Schreibtisch die Büste eines Dichters stehen hat – „vermutlich Goethe“, wie sie selber nicht so genau weiß.

Ein wenig Spannung kommt auf, als General Schönbohm – der konservative unter den beiden Balkonieren – sich mit Wagenknecht auf einem Sofa niederlässt, um „Differenzen auszuräumen und sich näher zu kommen“ – der Moderator als harmoniesüchtiger Streitschlichter.

Was ihm nicht immer gelingt. Beiden Protagonisten fällt es sichtlich schwer, aus ihrem politischen Lagerdenken auszubrechen, und so muss es reichen, dass sie sich immerhin darauf einigen können, klassische Musik sei „ganz schön“ und Thomas Mann ein guter Schriftsteller.

So weit, so belanglos.

„Stuckrad Late Night“ macht aus dem durchaus vorhandenen Potential der Sendung (noch) zu wenig. Trotz der beiden Balkongäste – und Hajo Schumacher kann Leute durchaus in die Mangel nehmen – plätschern die Themen vor sich hin, viel Neues kommt nicht heraus.

Herausragend sind allerdings die Improviationsfähigkeiten des Moderators – wo bei Stefan Raab ganze Texte auf Pappkarten stehen, sind bei Stuckrad-Barre allenfalls Stichwörter zu finden. An zwei Stellen läuft die Sendung ein wenig aus dem Ruder, und in beiden Augenblicken sind die spontanen Reaktionen des Moderators besser, als die Wiederholung.

Auch die Chemie zwischen Stuckrad-Barre und Schumacher ist eine Bereicherung für die Sendung – vielleicht sollte man das Konzept stärker auf den beiden fokussieren.

Positiv bleibt ebenfalls festzuhalten, dass – im Gegensatz zu zahlreichen anderen Talkshows diesen Formats – keine Band ihr neues Album vorstellt und allgemein weitestgehend auf Schleichwerbung a la „mein neues Buch kommt übrigens morgen heraus“ verzichtet wurde.

Wer sich selber ein Bild machen möchte: heute abend, 22:30, zdf-neo.

Offizielle Seite

Benjamin von Stuckrad-Barre

Hajo Schumacher

p.S.: umständehalber werde ich vermutlich noch öfter bei der Show sein; wer gerne einmal dabei sein möchte, darf sich gerne melden.

 

 

 

Über sushey

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