Lern to Fly

Dieser Weg wird kein leichter sein.“ wurde dereinst Xavier Naidoo für das Ansinnen der Herrennationalmannschaft bei der WM 2006 vereinnahmt – bei den Damen ging man – jedenfalls bis vor zwei Wochen davon aus, das Unternehmen „WM-Hattrick“ liefe unter dem Motto „Fly Away„.

Dann kamen der nervöse Auftritt gegen Kanada und das K(r)ampfspiel gegen Nigeria, und allerorten fragt man sich: was ist denn nur los mit den Damen; hatten sie nicht mit 5:0 und 8:0 ebenjene Mannschaften fortgefegt, gegen die es nun ein wackliges 2:1 respektive ein mühsames 1:0 gab?

Angeblich soll es sogar Pfiffe gegen die Damen gegeben haben – was ich absolut nicht nachvollziehen kann. Ich habe beide Spiele gesehen und glaube eher, dass die Pfiffe der Schiedsrichterin galten – die hatte nämlich wirklich nicht ihren besten Tag.

Doch ich finde, man muss die Auftritte der Nationalmannschaft differenzierter sehen:
Gegen Kanada schienen sie tatsächlich sehr nervös zu sein. Kombinations- und Stellungsspiel haben gepasst, die Mannschaft erarbeitete sich Chancen – und wirkte selbst nach dem 2:0 erstaunlich wacklig. Wenn man sich anschaut, wie blitzschnell die Kanadierinnen gekontert haben, dann erklärt das einen Teil der Unsicherheit.
Der Rest erklärt sich meiner Meinung nach recht einfach dadurch, dass es erstens das offizielle Eröffnungsspiel einer WM war – da läuft vieles noch nicht so glatt, wie in späteren Spielen.

Zudem spielten die Damen vor einer gigantischen Kulisse – 75.000 Fans im Stadion, die nicht nur Leidenschaft, sondern auch einen riesigen Erwartungsdruck mitbringen: die WM im eigenen Land, die Möglichkeit, den Titel zum zweiten Mal hintereinander zu verteidigen – und das alles bitteschön recht spektakulär, wir wollen doch Werbung für den Frauenfußball machen.
Überhaupt die Fans. Ich habe das Spiel gegen Kanada „public“ gesehen und festgestellt, dass viele Zuschauende da waren, die sich zum ersten Mal ein Fußballspiel anschauten. Und das ist großartig.
Auch die Stimmung in den Stadien ist sehr gut, die Unterstützung für die Mannschaft förmlich spürbar.
Wenn allerdings schon in der ersten Minute die Welle durchs Stadion schwappt – das ist grundsätzlich positiv – dann  empfindet man das 1:0 gegen Nigeria vermutlich anders, als wenn man sich – wie z.B. meine Wenigkeit – mit Werder Bremen durch eine Grottensaison wie die letzte gequält hat und weiß, dass ein mühsames 1:0 mitunter mehr wert sein kann, als ein lockeres 5:0, wenn eh alles läuft.

Denn auch wenn das Spiel kein Leckerbissen war, können wir am Ende festhalten, dass die Mannschaft sich im Viertelfinale befindet, und zwar vorzeitig; und darum geht es vorrangig.
Dass es trotz der Härte und dem zerstörenden Spiel der Nigerianerinnen, der indiskutablen Leistung der Schiedsrichterin und der noch immer spürbaren Nervosität der Damen nicht richtig rund läuft, ist offensichtlich. Doch wenn man mal auf die Herren schielt, gab es da bei der letzten WM nicht auch ein Vorrundenspiel, dass grottig lief und sogar verloren ging? Verlor nicht sogar der spätere Weltmeister Spanien gegen die Schweiz?

Nun gab es also zwei Spiele, die nicht mit Leichtigkeit gewonnen wurden. Aber sie wurden gewonnen, und wenn man gesehen hat, wie allein Simone Laudehr sich gegen die Nigerianerinnen gestemmt und gewehrt hat, kann man davon ausgehen, dass ihr Messer zwischen den Zähnen nun eine ganze Nummer größer ist, als es vorher war.
Die Mannschaft kann gestärkt aus diesem Spiel hervorgehen und relativ frei gegen Frankreich spielen – und sich jetzt daran machen, den Rhythmus zu suchen.

In den Ausscheidungsspielen werden die Karten noch einmal neu gemischt, und wenn die Spielerinnen es schaffen, ihre Nervosität abzulegen und die (überflüssigen) Störgeräusche rund um Birgit Prinz auszublenden, dann heißt es hoffentlich: „Learn To Fly.“

Über sushey

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5 Antworten zu Lern to Fly

  1. alicia schreibt:

    Wirst du jetzt Sportreporter?????????? Aber du hast ja recht. Vielleicht solltest du deinen Kommentar den Damen mal schicken, nur so als Trost und auch als Anerkennung. Sie werden ihren Weg schon gehen(laufen, sich frei schießen). Und so langsam sieht man auch wieder die ersten WM-Flaggen. Von hier werden jedenfalls alle Daumen für gutes Gelingen gedrückt.

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    • sushey schreibt:

      Ach, für den Sportreporter reicht es wohl nicht ganz. Obwohl ich mich schon öfter mal dabei erwische, während eines Sportereignisses drüber nachzudenken, was ich wohl schreiben würde…

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  2. alicia schreibt:

    Ich glaube, in Dir stecken weit mehr Fähigkeiten und Interessen, als du selber weißt. Gut so!Hdgdl Ma

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  3. alicia schreibt:

    das wäre furchtbar langweilig. Dann wärst du ja nahezu perfekt. Nichts ist schlimmer, als den „perfekten“ Menschen neben sich zu haben. Ein kluger Mann (leider weiß ich nicht mehr wer) hat mal gesagt: „Es sind die Niederlagen, die uns prägen. Nicht unsere Erfolge.“ und da ist was dran. und auch, wenn du das jetzt nicht siehst, Irgendwann erinnerst du dich genau an diese Momente, wo du das Gefühl hast, nichts geht mehr in den Kopf, alles falsch oder sch….. und doch scheint wieder die Sonne und alle Knoten im Kopf lösen sich.

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