Elaine und das Gewitter

„Wenn ich jetzt vom Blitz getroffen werde…“

„Dann bist du tot.“

„…dann bist du der letzte Mensch, der mich je lebend gesehen hat.“

„Aber ich wäre dann doch auch tot, oder nicht? Immerhin gehen wir nebeneinander.“

„Ja, aber schau mal, wir gehen doch einen halben Meter voneinander entfernt. Und einer muss doch immer überleben, um die Geschichte zu erzählen.“

Elaine schaut ein wenig konsterniert durch die dicken Regentropfen zu dem Hauseingang, in dem sich zahlreiche Menschen tummeln.

„Dort vorne sind doch ganz viele Menschen, die könnten die Geschichte erzählen. Welche Geschichte überhaupt?“

„Elaine, hast du noch nie eine Gruselgeschichte gehört? Es kann immer nur EINEN geben, der die Geschichte erzählt.“

„Naja, oder in diesem Fall einE. Aber was für eine Geschichte?“

Sie schlendern weiter durchs Gewitter. Der Regen wird heftiger, dann wieder sanfter, nur um anschließend wieder zuzunehmen. Elaine und Karsten lassen sich davon nicht sonderlich stören.

Karsten fängt an, heftig zu gestikulieren: „Na, meine Geschichte natürlich. Wer ich bin, wie ich war und so. Was für ein toller Typ ich war und was für einen Verlust die Welt erlitten hat.“

Elaine verschluckt beinah die Bierflasche, die sie in der Hand hält, bleibt aber schlagfertig: „Karsten lebte, wie er starb: Feucht, aber fröhlich. Insbesondere seine letzten Momente waren ein wahres Gewitter. Ein Geistesblitz folgte dem nächsten – und dann war es aus. Leider war sein Bier zu warm, um es noch auszutrinken.“

Karte knufft Elaine in die Seite.

„Du bist doof. Du musst doch lauthals weinend davon reden, dass nichts von mir blieb – nur das eine Bier.“

„Und es schmeckt noch nicht einmal…“

Lachend und Späßchen machend gehen sie weiter durch den Regen, bis sie irgendwann vor Elaines Haustür stehen.

„Es war schön, mit dir nassgeworden zu sein. Komm gut nach Hause und lass dich nicht vom Blitz treffen.“

Karsten lächelt: „Komm du auch gut die Treppen hoch…“

Sie verabschieden sich, und auf dem Weg in ihre Wohnung denkt Elaine über das Gespräch nach. Das Gewitter nimmt an Heftigkeit zu, den sehr hellen und nahen Blitzen folgt der Donner auf dem Fuße. Der Regen prasselt so sehr, dass Elaine ausnahmsweise keine Lust auf Musik hat, sondern sich dem Plätschern und Gurgeln hingibt. „Der Regen macht die Melodie, der Donner den Rhythmus“ denkt sie – und kommt im Laufe der Überlegungen auf die Grabredenproblematik zurück.

Was würde man über mich erzählen, wenn ich vom Blitz getroffen werden würde, denkt sie, wären es nette Sachen, spannende Dinge, oder einfach nur irgendwas? Wie erinnern sich die Menschen irgendwann mal an mich? Und wie möchte ich erinnert werden?

Im Geiste entwirft sie Grabreden auf sich selber, doch die wichtigste Erkenntnis reift tief unten in ihrem Bewusstsein:

Mehr Tage so zu leben, dass sie in einer Grabrede erwähnt werden.

Über sushey

twitter.com/milch_mit_honig
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2 Antworten zu Elaine und das Gewitter

  1. Jetteken schreibt:

    „Es war schön, mit dir nassgeworden zu sein.“

    Einer der besten Sätze seit langem!🙂

    Gefällt mir

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