Eine Klassenfahrt


Im Niedrigseilgarten
Steffen nestelt mir schon seit geraumer Zeit an den Ohren herum; er möchte sie gerne verzieren, und zwar, indem er Äste und Ähnliches hineinzustecken versucht. Ich lasse diese Verletzung meiner Intimsphäre nur zu, weil ich genau weiß, dass es wirklich nichts bringen würde, ihm zu verdeutlichen, dass ich das nicht will. Er würde herumschreien, um sich schlagen, spucken – und die nächsten zehn Minuten nur umso mehr versuchen, mir Dinge in die Ohren zu stecken.
Inzwischen habe ich mich an solcherlei Übertritte gewöhnt und schon längst entschieden, dass es deutlich besser ist, einen Teil meiner Aufmerksamkeit von der Gruppe abzuzwacken, um Steffen einen Schritt voraus zu sein.
Das eigentliche Problem ist die nun völlig unkonzentrierte Gruppe. Gespannt verfolgen sie das Schauspiel, immer in der Hoffnung, ich würde irgendwann etwas Drastisches machen. Ist ja auch viel interessanter, als die Ereignisse aus dem Niedrigseilgarten zu reflektieren – immer dieses Gelaber…
Aylin unterhält sich auch nach der zigsten Bitte um Ruhe angeregt weiter, und als ich sie zur Rede stelle, behauptet sie empört, sie sei schon die ganze Zeit still und ich solle endlich weiter machen, man wolle ja auch noch Freizeit haben. So wird die 20-Minuten-Reflexion so einer qualvollen Stunde geduldigsten Klein-Kleins.
Als ich irgendwann versuche, Steffen zu loben – er hatte einem Mitschüler wirklich gut geholfen – schielt der mir ins Gesicht, drückt meine Nase und sagt: „Geh‘ kacken, Alter!“

Das abgestochene Huhn
Während der Mittagspause höre ich ein hochfrequentes Geräusch, das ich in einer ersten Assoziation mit einem geqäulten Huhn verbinde. „Die werden doch nicht…“ denke ich mir, als ich auf den Flur gehe, und die Wahrheit ist im Grunde befremdlicher, als meine erste Idee: ein Junge aus einer Parallelklasse, der anscheinend unprovoziert und im Verlauf der nächsten Tage in verlässlichen Abständen dieses Geräusch aus vollem Halse brüllt.

Frisbee am Abend
Zwei Kolleginnen und ich spielen ein wenig Frisbee am Abend. Wir haben kein richtiges Programm und genießen die Zwanglosigkeit. Einige SchülerInnen sitzen herum und unterhalten sich; schließlich fragt Alina, ob sie nicht mitspielen dürfe. Klar darf sie, und mit der Zeit werden es immer mehr, sodass wir irgendwann zwei Mannschaften bilden können.
In der Abschlussbesprechung wird dieser Abend ganz häufig als Highlight erwähnt.

Abschied
Die TeilnehmerInnen sitzen im Bus. Ich steige kurz ein, um mich zu verabschieden und sehe, dass Steffen ganz vorne sitzt. Er kommt auf mich zu; ich bin sofort in voller Alambereitschaft, sehe aber, dass er mich nur umarmen will. Was er auch tut; er umarmt mich und sagt leise „Tschüß“.

Keine Klassenfahrt wie diese
Ich will es kurz machen: eine Klassenfahrt wie diese habe ich noch nicht erlebt. Ich vermute, dass ich im Laufe meines Gruppenleiterdaseins mit mehreren Hundert Menschen direkt, mit weiteren Tausenden zumindest peripher zu tun hatte. Es waren tolle Gruppen dabei, anstrengende Gruppen, und auch die eine oder andere Gruppe, der ich keine Träne nachgeweint hätte. Natürlich gab es immer wieder QuerulantInnen, aber am Ende war ich immer optimistisch, dass ich auch ihnen etwas mitgeben konnte. Etwas positivistische Weltanschauung, das Gefühl, ernstgenommen zu werden, oder manchmal eben auch nur die Erinnerung an einen schönen Augenblick.

Bei einigen der TeilnehmerInnen, die ich diese Woche kennengelernt habe, bin ich mir nicht sicher, ob sie so etwas überhaupt einordnen können. Zu sehr schien bei vielen das Grundvertrauen in die Mitmenschen erschüttert, zu eindeutig zeigten mir der Umgangston und die Art und Weise, wie auf ernsthafte Gesprächsangebote reagiert wurde, dass sich die Bezugspersonen dieser Kinder offensichtlich kaum oder eben mit einem fragwürdigen Verständnis der Dinge mit ihnen auseinandergesetzt werden.
Das soll keine Generalabrechnung sein. Dreizehnjährige Kinder sind entwicklungsbedingt ein wenig egozentrisch, und wenn sechzig davon auf einem Haufen sind, dann gelten schon mal andere Standards.
Doch es ist nicht von der Hand zu weisen, dass viele der Verhaltensweisen ein Schrei nach Aufmerksamkeit sind, der offensichtlich bisher unerhört blieb.
Mit Ausnahme einiger Härtefälle zeigten sich viele der TeilnehmerInnen erstaunlich handzahm, wenn man sich einmal einen Augenblick mit ihnen auseinandergesetzt hatte.
Und so lohnt sich meiner Meinung nach der Aufwand, sich mit den TeilnehmerInnen auch in der Nicht-Programmzeit auseinanderzusetzen, ihnen ein kleines Bisschen Aufmerksamkeit zu schenken – denn dann können viele Aktionen auch Spaß machen.
Und deswegen kann ich auch eine solche Fahrt mit einem positiven Fazit abschließen: wir konnten den TeilnehmerInnen zeigen, dass ein anderer Umgang möglich ist, dass man trotz (oder wegen?) des ernsthaften Programms Spaß haben kann – und vielleicht, vielleicht bleibt ja auch bei Steffen etwas hängen.

Über sushey

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5 Antworten zu Eine Klassenfahrt

  1. Svenja Bolldorf schreibt:

    Schön, dass du wieder da bist!🙂

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  2. Deine kleine große Schwester schreibt:

    …Du bist der beste!!!
    Geil,einfach nur geil

    Geh kacken Alter und Tschüß !!!

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  3. alicia schreibt:

    Verstehst du die Sprache der Jugend nicht mehr??????????????? Es verwundert, daß der Spruch jetzt erst in der Hauptstadt angekommen ist. Auf dem platten Land, gibt`s den schon `ne Weile. (im Vertrauen, beim ersten Mal habe ich auch geschluckt). Werder hat gewonnen…. 🙂 GkA Ma

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    • sushey schreibt:

      Naja, den Spruch an sich kannte ich natürlich schon. Aber doch nicht als Antwort auf ein Lob… ich wollte ja auch nur ausdrücken, dass die Kids schlicht nicht in der Lage waren, mit positiven Rückmeldungen umzugehen, folglich also auch noch nie etwas Positives von ihren Eltern gehört haben können…

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