…just one more thing…

oder: wenn Physiker aus Mücken Universen machen. 

„Es ist alles erfunden, was erfunden werden kann“ – dieser Satz soll um 1899 ausgesprochen worden sein.
In meinem Kopf geistert die (augenscheinlich falsche) Vorstellung eines US-Patentamt-Chefs, der aus der Tür tritt und ebendies feierlich postuliert – selbstverständlich im Frack, mit Zylinder auf dem Kopf und in die Welt ausgestreckten Armen.
Und dann stelle man sich vor, dass ein zweiter Mann hinter dem ersten auftaucht, in Jeans und schwarzem Rollkragenpullover, stolz irgendein iGadget hochhält und triumphierend verkündet, es gäbe da „Just one more thing“. Da Steve Jobs damals noch nicht lebte, musste den Job ein anderer übernehmen – der nun allerdings tatsächlich einmal im Patentamt gearbeitet hat – und dieses „One more thing“ präsentieren, das die Welt in atemlosen Staunen dastehen ließ.
Denn um 1900 herum war die klassische Physik scheinbar kurz davor, das Universum, dessen Entstehung und alles andere¹ erklären zu können – klar gab es hier und da ein paar Ungereimtheiten, aber im Großen und Ganzen erklärten die gängigen Theorien etwa 99% der Welt – und das eine Prozentchen würde man in ein paar Jahren auch noch ausklamüsiert haben.

Der erwähnte Patentamtsangestellte stellte sich ebenfalls viele Fragen nach der Erklärbarkeit der Welt und besaß eine außergewöhnliche Fähigkeit zum Um-die-Ecke-Denken. Und so kam es, dass er ab 1905 mit seiner Speziellen und Allgemeinen Relativitätstheorie die Grundfeste der Physik erschütterte – und spätestens mit der Entwicklung der Quantenmechanik durch Heisenberg, Schrödinger und Co. – wurde das fehlende Prozent der klassischen Physik plötzlich größer als  die restlichen 99%.

Die Quantenmechanik ist bis heute eine der am besten und sorgfältigsten überprüften und nachgewiesenen Theorien der Physik. Egal, wie unwahrscheinlich ihre Vorhersagen sind, sie wurden alle Stück für Stück bewiesen² – und das ging so weit, dass man heute sagen könnte, wir wären bei etwa 99% der erklärbaren Physik, also kurz davor, die Welt erklären zu können.

Dann passierten zwei Dinge³.
Zum Einen stellt sich die Suche nach dem Higgs-Boson als erstaunlich widerborstig dar – vielleicht, weil es keins gibt. Ist nicht weiter schlimm, mag man sich denken, ist ja nur ein winzigwinzigwinzigwirklichwirklichwinzigkleines Teilchen – aber dieses würde erklären, warum Materie überhaupt eine Masse hat – und insbesondere, wenn ich auf Veranstaltungen Technik durch die Gegend schleppe, wüsste ich schon gerne, warum der Krempel so verdammt schwer ist.

Und dann die Neutrinos.
Die sind einerseits die FDP unter den Teilchen: irgendwie da, aber keiner bemerkt was.  Andererseits sind sie der Sebastian Vettel der Physik: schneller am Ziel als alles andere.
Ein bisschen zu schnell, schreien die Rennleitung und Einstein.
Und so sehr ich nach wie vor davon überzeugt bin, dass dort irgendein Fehler übersehen wurde, passiert etwas geradezu Unerhörtes: die „unumstößliche Wahrheit“, dass nichts schneller sein kann, als das Licht, wird in Frage gestellt.

Das Revolutionäre dieser Entwicklung bringt der Freitag gut herüber.

Und plötzlich wackeln die 99% und zittern und erinnern sich dran, dass auch sie einmal nur der winzig kleine Anteil von etwas wesentlich Größerem waren.

Wenn ich daran denke, was alles Spannendes aus der letzten kleinen Mücke entstanden ist, hoffe ich eigentlich schon fast, dass die Neutrinos wirklich so schnell sind.

¹ also auch das hier
² und – das darf man nicht vergessen: ohne die Ergebnisse dieser Theorie gäbe es keinen CD-Player, kein iPhone und keinen Analogkäse
³ es passieren natürlich ständig wesentlich mehr als zwei Dinge, sonst wäre die Welt reichlich statisch. Es passierten, genauer gesagt, zwei Dinge, die so nicht hätten passieren dürfen.4
4 natürlich längst nicht so schlimm, wie die fünf Dinge aus¹

Über sushey

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